Niger: „Hungerspiele“ – leider keine Fiktion

Die Nahrungsmittelkrise in der Sahelzone spitzt sich zu. CARE erarbeitet gemeinsam mit den Menschen vor Ort Strategien, um langfristig zu helfen.

Während ich fünf Stunden lang von der Hauptstadt Niamey in das südlich gelegene Birnin Konni fahre, höre ich das Hörspiel „Die Hungerspiele. Die Tribute von Panem“. Es beginnt mit der Beschreibung einer Szene absoluter Armut in einer post-apokalyptischen Stadt namens District 12. Dreck, schlechte Kleidung sowie Lebensmittelknappheit bestimmen den Alltag.

Als ich aus dem Fenster auf die Stroh- und Wellblechdächer schaue und hagere, bunt gekleidete Frauen vorbei laufen, kommt mir der Niger wie District 12 vor. Hier erleben viele Menschen die „Hungersaison“ und es ist weder ein Film noch ein Buch, sondern die Realität.

Umso mehr Freude bereitet es mir zu sehen, wie die Menschen hier mit CARE zusammenarbeiten, um ihre Lebenssituation zu verbessern. 
Letzten April habe ich CARE schon einmal als Berater unterstützt, aber das ist meine erste Reise in eine Krisenregion. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Armut gesehen.

Der Wunsch nach Wasser

Niger ist auf Platz 186 von 187 auf dem Index für menschliche Entwicklung der UNO (HDI). Gemeinsam mit der Republik Kongo zählt das westafrikanische Land zu den am schlecht entwickelten Ländern der Welt. Ein Großteil der Menschen über 25 Jahre hat eine sehr geringe Bildung, viele können weder lesen noch schreiben. Besonders betroffen sind Frauen und Kinder. Und als würden die gegebenen Herausforderungen nicht ausreichen, kündigt sich eine Dürre an. 

Es wird damit gerechnet, dass im Oktober zehn der 16 Millionen Einwohner nicht mehr ausreichend Lebensmittel zur Verfügung haben werden. Bereits jetzt essen viele Menschen nur noch eine Mahlzeit am Tag. Ohne fremde Hilfe werden viele Menschen körperliche Schäden davontragen.

Vor allem die Dörfer im Westen Nigers sind unvorstellbar arm. Als wir Ayyawane besuchen, versammeln sich hunderte von Menschen zu einer Begrüßungszeremonie. Während des Programms zeigen Kinder den CARE-Besuchern eine Liste mit Wünschen. Dort sind weder Spielsachen noch Kleidung, geschweige denn ein Ausflug nach Disneyland aufgelistet, sondern einfach nur der Wunsch nach Wasser. Dabei gilt Ayyawane als „wohlhabend“ im Vergleich zu anderen Dörfern in der Region. 

Unser Müll ist ihr Schatz

Wir sprechen mit dem Bürgermeister und den Dorfbewohnern über ihr Leben und ihre Träume. Am Ende unseres Besuchs bekomme ich einen kleinen Eindruck davon, was Armut bedeutet. Als wir bereit für die Abfahrt sind, versammeln sich Dutzende von Kindern hinter unserem Auto. Der Fahrer teilt keine Getränke an sie aus, sondern leere Dosen und Plastikflaschen. Die Dosen nutzen sie, um Spielzeuge daraus zu basteln und anschließend damit zu spielen oder sie zu verkaufen. In den Flaschen sammeln sie das Regenwasser, das eines Tages hoffentlich fallen wird. 

CARE unterstützt die Dorfbewohner

Neben all dem Leid, das ich sehe, gibt es aber auch viel Hoffnung. 
So besuchen wir beispielsweise einen Garten, für den CARE innerhalb der letzten fünf Jahre mehrere Brunnen gebaut hat. Außerhalb des Gartens steht eine Baumgruppe. Der Bürgermeister erzählt uns, dass sie die Bäume vor über 30 Jahren mit Hilfe von CARE gepflanzt haben. Damals war er elf Jahre alt. Das Holz der Bäume nutzen die Bewohner als Brennholz und zum Hausbau. Damit das Holz nicht ausgeht, pflanzen die Dorfbewohner immer neue Bäume. 

Wir reisen weiter nach Bangoukoirey, wo ich die CARE-Spargruppe des Dorfes kennenlerne. Jedes Mitglied gibt seinen Beitrag in Höhe von 80 Cent oder weniger in einen Gemeinschaftsfond. Diesen nutzen sie später, um kleine Darlehen an die Dorfbewohner zu vergeben. Die Leiterin der Gruppe ist in eine farbenfrohe Robe mit einem lila Schal gehüllt. Sie erzählt mir, dass sie sechs Jahre lang gespart hat. In dieser Zeit hat sie Geflügel, zwei Ochsen und einen Karren gekauft und alles mit Zinsen zurückgezahlt. Trotzdem ist das Leben hart. Mit der drohenden Dürre ist kein Geld mehr für die Zukunft übrig und längst sind die Lebensmittel knapp.

Gedankenspiele am Ende meiner Reise

Auf dem langen Rückweg nach Niamey höre ich das Hörbuch „Die Hungerspiele. Die Tribute von Panem“ zu Ende, während weitere Dörfer an mir vorüberziehen. Meine Gedanken wandern zu der „Hungersaison“ und zu der Nahrungskrise, die bittere Realität ist. Das Hörbuch erscheint mir plötzlich banal. 

Ich frage mich, wie man Menschen auf der ganzen Welt auf die Krise in der Sahelzone aufmerksam machen kann? Wie man eine Hungersnot, wie sie in Teilen Somalias ausgerufen wurde, verhindern kann? Wie man die bislang erreichten Veränderungen durch den Einsatz von CARE, anderen Nichtregierungsorganisationen, der Vereinten Nationen, der Regierungen und der betroffenen Menschen aufrechterhalten kann? 

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