Niger: „Ich will nicht noch ein Kind verlieren“

CARE versorgt Familien mit hoch energiereicher Nahrung für Kinder. Über 10 Millionen Menschen sind in der Sahelzone von einer Hungerkrise bedroht.

Dije Ousmanas Sohn Abdulahadi ist zwei Jahre alt. Wenn sie ihn ansieht, versucht sie, nicht an ihre anderen drei Kinder zu denken. Sie starben im Babyalter bei früheren Nahrungskrisen. Dije blickt besorgt auf ihren Sohn, der schlafend in ihren Armen liegt. Sie kennt die Symptome von Mangelernährung nur zu gut: Durchfall, Schluckschwierigkeiten, lautes Weinen nach Milch, die sie nicht geben kann. Abdulahadi wälzt sich unruhig in den Armen seiner Mutter. Er öffnet seine Augen und beginnt zu weinen. Dije gibt ihm schweigend die Brust. Doch es dauert nicht lange, bis aus dem Weinen ein schreiendes Wehklagen wird. „Ich kann heute noch nicht stillen“, sagt Dije. „Ich habe selbst noch nichts gegessen.“

Nur eine Mahlzeit täglich

Draußen zerreibt ihre Tochter Hirse für die einzige Mahlzeit der Familie an diesem Tag. „Mama, Mama, wann gibt es heute etwas zu essen?“, fragt Dijes sechsjähriger Sohn, der zur Tür hereinkommt. Heute werden Dije und ihre vierzehnköpfige Familie nur eine Schüssel Hirse essen. Damit die Hirse auch für alle reicht, muss sie mit etwas Ziegenmilch und mit viel Wasser verdünnt werden. „So geht das schon seit drei Monaten“, erzählt Dije. „Die jüngeren Kinder verstehen nicht, warum es keine geregelten Mahlzeiten gibt. Sie denken, dass ich einfach nur nicht koche.“ 

Nahrungskrise ist die Schlimmste seit Jahren

Mehr als 5,4 Millionen Menschen sind allein im Niger von akutem Hunger und Mangelernährung bedroht. Viele Männer, die als Gastarbeiter in Nigeria gearbeitet haben, kehren wegen der Konflikte im Nachbarland ohne Bezahlung zurück. Die Situation verschlechtert sich zunehmend: Eine katastrophale Kombination aus Missernten und rapide ansteigenden Lebensmittelpreisen kündigt eine weitere schwere Nahrungskrise in ganz Westafrika an. Mindestens 1,3 Millionen Menschen wie etwa Dije und ihre Familie brauchen dringend Hilfe. 

In jeder betroffenen Gemeinde ist die Prognose die gleiche: Die Nahrungsmittelknappheit ist jetzt schon schlimmer als bei den Krisen von 2005 und 2010. Über das gesamte Land verteilt gibt es Dörfer, die überhaupt keine Ernte einbringen konnten. Alle Nahrungsvorräte sind aufgebraucht und die Kleinbauern fangen an, ihre Tiere und den Hausrat zu verkaufen, nur um sich Lebensmittel leisten zu können. So auch Dije, die bereits fünf ihrer Ziegen verkaufen musste, um sich Essen für ihre Familie zu leisten. „Wir haben nur noch eine Ziege übrig“, sagt Dije. „Es ist Jahre her, dass wir eine ähnlich schlimme Situation erlebt haben.“

Unterstützen Sie die Menschen in der Sahelzone und spenden Sie hier.

Hier im Dorf Yan Sara, in dem 170 Menschen in der kargen Halbwüste leben, haben Kinder bereits die ersten Anzeichen von Unterernährung: Hervorstehende Bäuche und orangefarbene Haare sind die ersten verheerenden Symptome von Nährstoffmangel. Kinder, die chronisch unterernährt sind, laufen Gefahr, lebenslange gesundheitliche Entwicklungsstörungen zu erleiden. Im schlimmsten Fall werden sie sterben.

Nicht warten, vorsorgen

 

 

Im Niger werden in diesem Jahr nach Schätzungen etwa 300.000 Kinder an Mangelernährung leiden. Und diese Zahl wird wahrscheinlich noch steigen, denn die Nahrungskrise verschlimmert sich täglich.

„Wenn wir jetzt handeln, können wir noch verhindern, dass die Kinder stark unterernährt werden“, warnt Amadou Sayo, CARE-Nothilfekoordinator für Westafrika. CARE hat bereits ein „Cash-for-Work“-Programm zusammen mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen begonnen. Dabei werden Männer und Frauen für Reparatur- und landwirtschaftliche Arbeiten bezahlt und können sich so Lebensmittel kaufen. Aber das reicht nicht. 

CARE wirbt deshalb um Spendengelder, um die Notfallversorgung für Familien wie der von Dije sicherzustellen. Vor allem hoch energiereiche Nahrung für Kinder, wie etwa die Erdnusspaste „Plumpy Nut“ hilft dabei, Mangelernährung rechtzeitig zu lindern. „Vorsorge ist effektiver und kostengünstiger“, so CARE-Experte Sayo. „Kinder leiden immer am schwersten unter Nahrungsknappheit, ebenso wie schwangere Frauen und stillende Mütter. Erwachsene können eine Hungerperiode überstehen, aber Kinder sind dafür zu schwach. Wenn sie nicht ausreichend zu essen haben, werden sie krank, verlieren Gewicht und können sterben." Für Dije ist die Situation erschreckend klar: „Wir brauchen Hilfe“, sagt sie geradeheraus. „Ich will nicht noch ein Kind verlieren.“