„Nimm mich mit in Deinem Koffer!"

Berivan, eine junge, Mutter von drei Kindern, wartet auf einen Anruf. In ihrem Zelt in einem Flüchtlingscamp in Griechenland hofft sie darauf, dass sie endlich in Europa ankommen darf.

Das kleine Mädchen bewegt sich wackelig auf dem Gelände der Lagerhalle, wie es Kleinkinder eben tun, die gerade ihre ersten Schritte lernen. Sie hat kurze Haare und trägt ausgebeulte Jeans über ihren nackten Füßen. Golji ist 14 Monate alt und wie jedes kleine Mädchen ist sie neugierig und blickt mit großen Augen in die Welt. Ihr Lächeln breitet sich über dem ganzen Gesicht aus, während sie neben ihrer Mutter Berivan sitzt, die behutsam einige Mandarinen schält.

Wir sind in einem Flüchtlingscamp nahe der griechischen Hafenstadt Thessaloniki. In den letzten Monaten, als Grenzschließungen entlang der Balkanroute mehr und mehr Menschen zwangen, in Griechenland auszuharren, sind beinahe 50 solcher Camps im ganzen Land errichtet worden.

Geflohen und doch eingeschlossen


Berivan ist eine 25-jährige Frau mit einem wunderschönen Lachen und mit klugen Augen. Sie erzählt: ihr Mann, die drei Kinder und sie selbst seien seit April in diesem Camp, wo die beiden Jungen – sie sind sieben und fünf – wenigstens einen Schulraum besuchen können, der dort errichtet wurde.

„Ich bin aus Aleppo“, erzählt sie. Noch vor wenigen Jahren hätte dieser Satz keine besondere Reaktion hervorgerufen. Doch heute sind die Schlagzeilen voll von Nachrichten über die Belagerung und andauernde Bombardierung der syrischen Stadt, die eingeschlossenen Menschen dort richten verzweifelte Appelle an die Weltöffentlichkeit und Hilfsorganisationen fordern einen sicheren Korridor, um die Menschen versorgen zu können. Berivan möchte nicht so viel über Aleppo sprechen. Letztlich ist die Antwort auf die Frage, wieso sie denn geflohen sei, ohnehin keine Überraschung: „Dort herrscht Krieg. Wir waren nicht mehr sicher.“

Seit sechs Monaten hat die junge Frau nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen, die immer noch in Syrien sind und sehnlichst hoffen, ihre Tochter werde es nach Deutschland schaffen. Deutschland, der sichere Hafen, der Ort, an dem ihr Bruder und ihre Schwester schon angekommen sind. Wo genau? Berivan weiß es nicht. Aber sie weiß, dass sie weiterziehen möchte, jetzt: “Pack mich doch in Deinen Koffer – und die drei Kinder auch“, sagt sie lachend, als ich ihr erzähle, dass ich in Deutschland lebe.


Warten auf den Anruf


Die Tage vergehen nur schleppend in diesem Flüchtlingscamp. Berivan wartet auf den einen Anruf, der ihr Leben verändern soll. Sie hat schon einen Termin zur Vorregistrierung bei den griechischen Behörden vereinbart und als Syrerin wird sie aller Voraussicht nach auch berechtigt sein, in einem anderen EU-Staat Zuflucht zu finden. Wie fühlt es sich an, herumsitzen zu müssen und zu warten? „Ich bin so nervös“, seufzt sie. „Jedes Mal wenn mein Telefon klingelt, bete ich und hoffe inständig, am Ende der Leitung wird mir jemand gleich sagen, dass ich endlich nach Deutschland darf.“

In diesem dauernden Schwebezustand steigt die allgemeine Anspannung: Mädchen und Frauen sind die ersten, die um ihr Wohl fürchten müssen. Berivan berichtet davon, wie ihr Mann kürzlich in eine handfeste Auseinandersetzung geriet. Sie war sehr niedergeschlagen und verängstigt. Ein Psychologe von Solidarity Now, einer Partnerorganisation von CARE, und einige ältere Männer im Lager halfen ihr aus dieser Situation der Angst. Doch nun sagen die Leute, sie sei verrückt, klagt Berivan. In ihrer Heimat ist es nicht üblich, psychologische Unterstützung zu erhalten. Nun lastet ein Stigma auf ihr in dieser neuen, zusammengewürfelten Gemeinschaft.


Sehnsucht nach Unabhängigkeit


„Den ganzen Tag putze ich und versorge die Kinder. Ich versuche einfach, mich zu beschäftigen.“ Das ist alles, was Berivan über ihr Leben im Camp sagen kann – mit einem Lächeln und einem Schulterzucken zugleich. Sie beschwert sich über die Qualität und die Auswahl des Essens, das von einem Catering-Service angeliefert wird. Viele Flüchtlinge wünschten, sie könnten einfach für sich selbst kochen und dazu vielleicht ihre eigenen Zutaten kaufen. Je länger die Wartezeit, umso größer die Sehnsuchtnach ein wenig Unabhängigkeit, danach, für sich selbst entscheiden zu können. Und wenn es nur um die nächste Mahlzeit geht.

Berivans Flüchtlingscamp ist in einer Lagerhalle untergebracht, in der Zelte aufgereiht und in deren Außenbereich Sanitäranlagen aufgebaut wurden. Dauerhafte Strukturen gibt es bisher nicht; die Toiletten und Duschen gleichen eher denen bei Open Air Festivals oder auf Baustellen.


CARE hilft mit Informationen und Beratung


Um Flüchtlinge in Griechenland zu unterstützen, weitet CARE nun seine Programme in Zusammenarbeit mit seiner griechischen Partnerorganisation Solidarity Now aus, damit die Menschen mit Informationen sowie psychologischer und rechtlicher Beratung versorgt werden. Wir konzentrieren uns dabei auf das Festland, Athen und Thessaloniki. So genannte mobile Teams operieren in urbanen und lagerähnlichen Unterkünften, um für Familien wie die von Berivan direkte Unterstützung anzubieten oder sie an Fachexperten zu verweisen. Ein mobiles Team besteht aus zwei Sozialarbeitern, einem Anwalt und einem Psychologen. Je nach Umsiedlungsplan und Asylrecht, das in unterschiedlichen Ländern für unterschiedliche Nationalitäten variiert, muss jeder Fall individuell bearbeitet werden. Die Verfahren dauern lange und bisher sind weniger als 7.000 Anträge auf Umsiedelung eingegangen. Und nur 2.735 Menschen sind inzwischen auf andere EU-Länder verteilt worden. 2.735 von knapp 60.000 Menschen, die derzeit in Griechenland ausharren.

Alle Hoffnung ruht für Berivan nun auf diesem einen Anruf. Währenddessen muss sie ihre Familie zusammenhalten, überleben und ihre Hoffnung nicht verlieren. Mehr kann sie nicht tun. Am Ende unseres Gespräches reicht sie mir eine Plastikgabel und einen Teller voller Mandarinenstückchen. Eine gastfreundliche Geste, die in starkem Kontrast zu der ungastlichen Art und Weise steht, in der Europa diese junge Frau willkommen geheißen hat.


Mehr zu unserer Arbeit in Griechenland finden Sie hier.

Eine Übersicht der Arbeit von CARE zum Thema "Flüchtlinge" gibt es hier.