Nur die alten Menschen sind geblieben

Robert Laprade berichtet über die Situation in Yamada und Otsuchi

Heute verteilten wir warme Mahlzeiten an die evakuierten Menschen in Yamada. Seit der Tsunami Nordjapan schwer verwüstet hat, haben viele der Überlebenden nur sehr unregelmäßig ausgewogene und warme Mahlzeiten bekommen. Die meisten müssen sich von Reis und nur hin und wieder einem Stück Obst ernähren. Bei den eisigen Temperaturen ist es gerade für alten Menschen wichtig nährstoffreiche Mahlzeiten zu erhalten, um gesund zu bleiben.
Ausgebildete Köche und Kantinenmitarbeiter halfen uns das Essen hygienisch zuzubereiten. Seit Freitag verteilen wir hier in Yamada zwei warme Mahlzeiten am Tag auf einem großen Schulgelände. Die evakuierten Menschen waren sehr dankbar und glücklich über die Hilfe. 

Otsuchi- ein Fischerort südlich von Yamada


Mit einer positiven Grundstimmung machten wir uns nach der Essenverteilung auf den Weg, um die Lage in Otsuchi zu begutachten, einem kleinen Fischerort südlich von Yamada. 
Als wir dort ankamen machte sich ein tiefer Schock in mir breit. Viele Zeitungen beschrieben Otsuchi als eine der am schlimmsten betroffenen Städte der Nordküste. Wir konnten nur bestätigen, dass die Lage in Otsuchi verheerend ist. Hier konnte man einmal mehr die zerstörenden Auswirkungen des Tsunamis sehen: Kilometerweit nichts als Trümmer – Häuser, Autos, Teile von Brückenpfeiler und sogar einige Feuerwehrlöschfahrzeuge. Alles wahllos verteilt in der matschigen Landschaft, als ob ein Riesenkind seine Spielzeugboxen in einen großen schlammigen Sandkasten ausgeleert hat.

Eine graue Schlammschicht umgibt die Häuser

In den höher gelegenen Gebieten konnten einige Häuser von der Flutwelle verschont werden. Sie stehen in einer hässlichen, grauen Schlammschicht, in der sich allerhand Gegenstände angesammelt haben. Überbleibsel aus besseren Tagen. 
Als wir weiter durch Otsuchi fuhren, sahen wir alte Menschen, die im Schlamm nach ein paar persönlichen Sachen suchten. Gegenstände, die sie an die Welt erinnern, die sie einst kannten. 
Wir sprachen mit einer alten Frau, die im stinkenden Schlamm herumstocherte. Sie war etwa 70 Jahre alt. Der Tsunami riss ihren Ehemann mit sich. Als wir auf sie zukamen, hatte sie gerade ein paar Teller und eine Plastikschale gefunden, die sie vom Schlamm reinigte. Sie sagte, dass zwar ein paar freiwillige Helfer kamen um zu helfen, sie aber letztendlich die ganzen Aufräumarbeiten alleine macht. Ihr Haus stand noch, aber innen war alles zerstört.

Leid, das uns alle bewegt


Es tat weh, das Leid dieser Frau zu sehen. Meine CARE Japan Kollegen konnten ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Vielleicht war es in dieser Situation ein Segen, dass ich kein Japanisch spreche und auf Übersetzungen angewiesen bin. So konnte ich nicht alles verstehen, was uns die alte Frau berichtete. In Otsuchi zu sein zeigte uns, wie weit entfernt wir von Tokios schillernden High-Tech Welt waren, die wir aus Filmen und Reportagen über Japan kennen. Die Menschen von Otsuchi besaßen nie viel. Sie lebten in kleinen staatlichen Doppelhaushälften, die eher wie Wohnwagen aussahen. Otsuchi war eine Fischergegend. Die jungen, agilen und gut ausgebildeten Leute verließen das Dorf schon vor langer Zeit für die Großstadt, um besser bezahlte Jobs zu finden. Nur die alten Menschen sind zurückgeblieben.

Keine Hilfe von der Gemeinde, weil es keine mehr gibt

Wir trafen eine andere Frau mit ihrem Mann. Auch sie stocherten im Schlamm, um noch ein paar persönliche Wertsachen zu finden. Sie sagte mir, dass sie mit ihren 60 Jahren die jüngste Frau in Otsuchi ist. Sie zeigte zu ein paar der stehengebliebenen Häuser und sagte, dass fast alle Einwohner über 80 Jahre alt  sind. Die meisten von Ihnen sind körperlich nicht in der Lage, ihre Häuser von den Schlammmassen zu befreien. Sie brauchen dringend Hilfe. Das Ehepaar fragte uns, warum die Gemeinde ihnen keine Hilfe schicken würde. 
Als wir etwa einen Kilometer weiter fuhren und von einer Hügelkette aus über die kleine Bucht blickten, wussten wir warum die Menschen hier von ihrer Gemeinde keine Hilfe bekommen und auch wohl nie bekommen werden. Das gesamte Geschäfts- und Verwaltungsviertel und die innenstädtischen Wohngebiete waren verschwunden. Weggespült von dem Tsunami. Der Bürgermeister starb und alle anderen Menschen die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, als die Warnsirenen losgingen.

Es ist noch viel zu tun

Von dem Hügel aus könnte man meinen, dass eine Bombe die Stadt verwüstet hatte. Nur jedes zwanzigste Gebäude konnten auch als solches erkannt werden- nur Fundamente und ein paar Metallpfähle oder eine halbe Wand hier und da. Als wir in die zerstörte Geisterstadt aus Schlamm und zerstörtem Beton fuhren, bemerkte ich ein völlig intaktes Straßenschild. Es besagte, dass die Stadt Sendai 230 Kilometer entfernt liegt – 230 Kilometer bis zur der Stadt, die in unmittelbarer Nähe des Tsunami-Epizentrum lag. Wie in aller Welt konnte die Zerstörung dann in Otsuchi größer sein als dort?

Nach dieser erschütternden Exkursion fuhren wir wieder zurück nach Yamada. Ich bin froh, dass wir die Leute dort mit nahrhaften Mahlzeiten versorgen können. Wir werden auch noch mehr Menschen in anderen Gegenden versorgen. Es gibt hier noch so viel zu tun. 

 

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