„Ohne uns Frauen wären noch mehr Menschen gestorben“

Somaliland: In Kleinspargruppen organisierte Frauen helfen den Schwächsten beim Überleben.

Im Dorf Ulasan in Somaliland wird die Hauptstraße, die von Burco nach Caynabo führt, von einem riesigen, alten Baum geteilt. Als eine chinesische Firma die Straße in den 1970er Jahren baute, wurden sie verpflichtet, den Asphalt um den Baum herum zu legen.

In den letzten sechs Jahren trafen sich jeden Monat weiblich geführte Kleinspargruppen unter diesem Baum, um aus den gemeinsamen Ansparungen Kredite für Geschäftsideen an Mitglieder der Gruppe zu verteilen. Bis vor ein paar Monaten funktionierte dieses System sehr gut.

Im Oktober 2016 jedoch führte die langanhaltende Dürre zu einer schweren Wirtschaftskrise, welche sich rasch zu einer humanitären Krise entwickelte.

So kamen mittlerweile mehr als 300 Familien, die eigentlich von der Viehzucht lebten, in einem Camp nahe des Dorfes Ulasan an, auf der Suche nach Nahrung und Wasser. Den Dorfbewohnern zufolge starben in diesen Familien bereits vier Menschen – der letzte Todesfall ist gerade einmal eine Woche her.

„Wenn jemand Hilfe braucht, rufen sie uns“

„Die, die hier ankommen, haben fast nichts. Manche haben noch zwei oder drei Tiere, aber die sind nur sehr schwach“, sagt Ugaaso Bulaale Warsame (66), die Präsidentin einer Kleinspargruppe aus Ulasan.

Kinder und schwangere Frauen sind unterernährt. Wir geben ihnen Geld, Essen, Wasser, Unterschlupf und spenden Kleidung. Alle Frauengruppen helfen hier. Zuletzt haben wir 15 Familien helfen können. Ohne uns Frauen wären hier noch mehr Menschen gestorben. Wenn jemand Hilfe braucht, rufen sie uns“, sagt sie.

Ugaaso, Mutter von elf Kindern und Großmutter von 79, lebt seit 25 Jahren in Ulasan. Davor lebte sie in der Regionalhauptstadt Burco, eine zweistündige Autofahrt nach Osten entfernt. „Vor dem Bürgerkrieg hatten wir ein gutes Leben. Ich hatte ein großes Geschäft, eine Tankstelle, in Burco. Ich habe alles wegen dem Krieg verloren und kam als Migrantin hierher“, erzählt sie.

„Als ich hier ankam, habe ich nur wenig verdient, ich lebte von der Hand in den Mund. Als CARE kam und die Kleinspargruppen einführte, konnte ich mit einem Kredit ein kleines Geschäft aufmachen. Vor der Dürre verdiente ich 50 Dollar am Tag durch den Verkauf von Kleidung, Essen, Getränken und Snacks.“

Auf Regen hoffen

Die Mitglieder der Kleinspargruppen sind bisher nur finanziell betroffen, sagt Ugaaso: „Niemand kauft mehr bei uns ein. Wir haben früher auch gegen Vieh getauscht, aber niemand hat noch Vieh. Vor der Dürre hat jede Kleinspargruppe etwa 100 Dollar pro Monat eingenommen. Statt Kredite zu vergeben, müssen wir von diesem Geld Essen für uns und Futter für die Tiere kaufen. Doch das Geld geht uns langsam aus.
Wir beten für Regen im April. Wenn er ausbleibt, werden auch wir Hunger leiden müssen.“

Die Frauen haben aber auch Dinge erreicht, die die Dürre ihnen nicht nehmen kann: „Unsere Rolle als Frauen hat sich verändert, weil wir Geld verdienen. Früher wollte niemand unsere Meinung hören. Jetzt sitzen Frauen im Dorfrat und es wird bei der nächsten Wahl weibliche Kandidaten geben“, erklärt Ugaaso.

 

 

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