Ostkongo: "Humanitäre Hilfe muss mehr sein als die Verteilung von Nahrung"

Interview mit Aude Rigot, CARE-Leiterin für die Provinz Nord-Kivu

Wie ist die aktuelle Lage im Osten der Demokratischen Republik Kongo?

Die Menschen im östlichen Teil der Republik sind nun seit mehr als drei Monaten aus ihren Häusern vertrieben und können wegen der immer noch akuten Gefahr nicht nach Hause zurückkehren. Mehr als 200.000 Menschen, die meisten davon Frauen und Kinder, hatten oft bloß Zeit, ein paar Habseligkeiten einzupacken, bevor sie fliehen mussten. Die bestehenden Flüchtlingslager sind an ihren Kapazitätsgrenzen, deshalb sieht man immer mehr spontane, provisorische Behausungen im Umkreis der Lager. In Katoyi in der Region Masisi etwa hat CARE eine Schätzung der Bewohner durchgeführt. Das Ergebnis: Innerhalb einer Woche ist die Zahl der Flüchtlinge um 25 Prozent gestiegen. Manche Flüchtlinge verstecken sich auch in Wäldern oder anderen schwer zugänglichen Gebieten, die meisten kommen aber bei Gastfamilien unter. Aber auch das ist schwierig, denn diese Familien sind an die Grenzen dessen gekommen, was sie teilen können und benötigen auch Hilfe.

Was brauchen die Menschen?

Gastfamilien und Flüchtlinge brauchen dringend Nahrung, Wasser und verbesserte hygienische Bedingungen. Wichtig ist auch, die Flüchtlinge für die kommende Regenzeit mit genügend Unterkünften zu versorgen. Hinzu kommt, dass manche Gebiete bereits von einem Choleraausbruch betroffen sind, die weitere Verbreitung der Krankheit muss nun unbedingt verhindert werden CARE und die anderen Hilfsorganisationen sind aber vor allem über die Menschenrechtsverletzungen besorgt. Die Menschen in den Lagern brauchen dringend Schutz vor Übergriffen sowie psychosoziale Betreuung. Viele Familien wurden Zeuge furchtbarer Gewalt oder sogar selbst Opfer. Sie haben Angst, nach Hause zurückzukehren.

Wie hilft CARE?

Wir haben Gutscheine an Flüchtlinge und Gastfamilien in Masisi in Nord-Kivu verteilt, damit sie Essen und Hilfsgüter auf dem Markt erwerben können. Familien erhalten auch Plastikplanen für Zelte. wenn sie außerhalb des „offiziellen“ Lagers bleiben mussten. Zudem kümmert sich CARE in den Konfliktregionen um Brunnenbau, baut Notlatrinen und führt Hygienemaßnahmen durch. Bereits in der Vergangenheit hat CARE einen gemeindebasierten Ansatz entwickelt,  bei dem traumatisierte Menschen in individuellen Sitzungen von einem ausgebildeten Berater betreut werden. CARE verteilt auch Medikamente und liefert medizinische Ausstattung, bietet Schulungen und Unterstützung für medizinische Betreuer an. So können wir sicherstellen, dass die Menschen eine adäquate Gesundheitsversorgung erhalten, die dabei besonders auf schwangere Frauen und Kinder ausgerichtet ist.

Wie können wir Vertriebene bei ihrer Rückkehr unterstützen?

Die nächste Anbau-Saison für Bauern beginnt im August bis September, und die Flüchtlinge hoffen natürlich, bis dahin zu ihren Feldern zurückkehren zu können. Rund 80 Prozent der kongolesischen Bevölkerung sind auf Landwirtschaft als Lebensunterhalt angewiesen und brauchen Unterstützung für den Aufbau einer neuen Existenzgrundlage. In einem Konflikt wie diesem kann es jedoch passieren, dass die Rückkehrer ihre Häuser besetzt vorfinden. Der Prozess der Rückkehr muss deswegen unter transparenter und von allen mitgetragener Führung ablaufen. Auch sollten jegliche Maßnahmen zur Umstrukturierung und Landverteilung immer die Rechte der Frauen berücksichtigen, da sie bei Landrechten sonst häufig nicht beachtet werden. Aus diesen Gründen müssen wir langfristig denken. Humanitäre Hilfe sollte nicht nur auf die Verteilung von Nahrung limitiert sein sondern Gemeinden dazu befähigen, ihr Einkommen und ihre Existenzgrundlage zu sichern. Dies könnte die Verteilung von Saatgut und Werkzeugen beinhalten sowie Unterstützung bei der Beschaffung von Land und verbesserter Anbautechniken.

Was passiert, wenn sich die Sicherheitslage nicht verbessert?

Die Zahl der Maßnahmen, die sich auf Menschenrechte und Vertriebene fokussieren, sollte gesteigert werden. Der Schutz der Menschenrechte und die Versorgung der Vertriebenen haben oberste Priorität. Gleichzeitig muss die internationale Gemeinschaft ihren Druck erhöhen, um endlich einen Annäherungsprozess in Gang zu setzen, der zu nachhaltigem Frieden führt. Die Demokratische Republik Kongo und besonders der östliche Teil des Landes ist wiederholt Schauplatz von Konflikten und Gewalt. Frauen, Männer und Kinder werden immer wieder Opfer von Vertreibungen und müssen unvorstellbares Leid erfahren. Die Gewalt muss endlich aufhören. Die Menschen haben ein Recht darauf, in Frieden und Sicherheit zu leben.

Bitte unterstützen Sie die CARE-Hilfe für Flüchtlinge im Ostkongo und weltweit: Spenden Sie hier.