Pakistan: Medizin für die sichtbaren Wunden

In neu errichteten Kliniken versorgt CARE Flüchtlinge und Familien, die Geflohene bei sich aufnehmen

Es ist schwierig zu sagen, was schlimmer ist – das Heimweh, oder das quälende Augenjucken. Die neunjährige Nadia und ihre Familie waren tagelang unterwegs, um von ihrer Heimat im von Krieg geplagten Swat Tal in das Dorf Pirano Banda, im nordwestlichen Pakistan, zu gelangen. Hier wartet sie nun darauf, dass ein Arzt der von CARE errichteten Klinik sie untersucht. Ihr Vater Nazir ist beunruhigt, das kleine Mädchen blinzelt und schielt unaufhörlich.
"Seit wir von zuhause weggegangen sind, schmerzen meine Augen", sagt die Drittklässlerin. "Es ist so heiß hier und unglaublich staubig." Sie vermisst das kühle Klima der Berge, das grüne Land, in dem sie geboren wurde. Die sengende Sommerhitze in der braunen, kargen Prärielandschaft ist sie nicht gewohnt.

Nadia ist bei weitem nicht die jüngste Patientin in dem überfüllten Wartezimmer der Klinik, die notdürftig unter Abdeckplanen errichtet wurde. Von den zwei Millionen Flüchtlingen, die in Camps, Schulen oder bei Freunden und Familie Zuflucht suchen, sind mehr als eine halbe Millionen jünger als fünf Jahre. Nadia lebt mit ihrer zehnköpfigen Familie in einem kleinen Mietshaus in Pirano Banda. Der Vater weiß nicht, wie lange er es sich noch leisten kann, die monatliche Miete von 600 Rupien - etwa 5,30 Euro - zu bezahlen. Ob sein Geld noch reicht, bis die Familie sicher nach Swat zurückkehren kann, ist ungewiss.

Auf der Flucht gibt es nur wenig Arbeit

"Ich bin Feldarbeiter. Hier gibt es für mich keine Arbeit", sagt Nazir. "Gleichzeitig verkommt bei uns in Swat das Getreide, es verrottet, weil niemand mehr da ist, der es ernten könnte."

Pir Akbar Jan, der für Pirano Banda zuständige Stadtrat, ist mit der Situation sehr unzufrieden. Es gäbe zwar Arbeit, bemerkt er, aber keine, die wir verantworten können. "Kinderarbeit war hier schon vor dem Flüchtlingszustrom ein Problem, jetzt nimmt es ganz neue Ausmaße an." Er berichtet von Kindern, die für erbärmliche Gehälter auf Tabakplantagen arbeiten, Eselkarren fahren oder Bustickets verkaufen – alles, um ihre Familien finanziell über Wasser zu halten.

Zurück im Wartezimmer mit Nadia. Die meisten der anderen Patienten sind auch noch sehr jung und haben für ihre Behandlung weite Wege zurückgelegt. In Pirano Banda gibt es zwei Kliniken, eine für Männer, eine für Frauen. Beide haben rund um die Uhr geöffnet. "Wir arbeiten so schnell wir können, trotzdem gelingt es uns nicht, mehr als 200 Menschen pro Tag zu behandeln", sagt Dr. Mubarek, der Arzt der Männerklinik. Die Frauenklinik nebenan ist noch überfüllter. Da noch kein weiblicher Arzt zur Verfügung steht, wird sie im Moment von einem sogenannten "Lady Health Visitor" geführt. "Lady Health Visitors" sind Frauen, die vor allem in ländlichen Regionen grundlegende medizinische Hilfe leisten, in erster Linie beraten, impfen oder über Themen wie Hygiene oder Wasserversorgung aufklären. "Im Moment können wir hier nur selten hinkommen und helfen", sagt Mubarek, während er Nadias Augen untersucht. "Wir brauchen dringend mehr Ärzte und Pflegepersonal."

In der Regenzeit steigt das Infektionsrisiko
Während es nicht nur an Ärzten, sondern auch an Medizin fehlt, ist die Zahl der Flüchtlinge, die dringend medizinische Hilfe braucht, laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in nur drei Wochen von 41.113 auf 72.892 Menschen gestiegen. Bisher konnten nur 27 Prozent der benötigten Gelder für die medizinische Hilfe aufgebracht werden. Leider ist nicht zu erwarten, dass sich die Situation verbessert. Im Gegenteil. Bald bricht die Monsunzeit an, unzureichende sanitäre Anlagen erhöhen das ohnehin schon bestehende Risiko von Durchfallerkrankungen.

Mit den bis dato eingegangenen Spendengeldern kann CARE in den errichteten Kliniken um die 12.000 Menschen behandeln – sowohl Flüchtlinge als auch Gemeindemitglieder, die Flüchtlinge aufgenommen haben und die mittlerweile an ihre Grenzen stoßen. Mit zusätzlichen 28.000 Euro könnte CARE mehr als doppelt so viele Menschen wie bisher versorgen.

Dr. Mubarek hat Nadia eingehend untersucht. Seine Diagnose lautet: eine jahreszeitlich bedingte Allergie, die schon bald weg sein sollte. Er schreibt ihr ein Rezept und tröstet das Mädchen. "Mach dir keine Sorgen, bis du achtzehn bist, sollte diese Allergie von ganz alleine verschwunden sein."
Als Dr. Mubarek Nadia das Rezept reicht, fragt sie sich insgeheim, ob es auch gegen ihr Heimweh eine Medizin gibt.

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