Roma in Bosnien: Gleiche Rechte, gleiche Chancen

Roma leben auf dem ganzen Balkan am Rande der Gesellschaft. Auch Aldijana Dedic ist eine Roma. Als Studentin ist sie eine Ausnahme, denn Roma erhalten oft keinen Zugang zu Bildung. Sie setzt sich dafür ein, dass alle Roma in Bosnien gerechte Chancen haben.

„Mein Name ist Aldijana Dedic. Ohne gleiche Rechte für alle habe ich in Bosnien als Roma-Frau keine Chance.“ Mit klarer Stimme spricht die junge Frau in die Kamera, während ein Roma-Slum zu sehen ist: Müllhalden, in denen Kinder spielen, kaputte, behelfsmäßig erbaute Häuser. Der TV-Clip wurde bundesweit ausgestrahlt und ist Teil einer nationalen Kampagne, die die Rolle von Roma-Frauen in der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Bosnien und Herzegowina stärken soll.

Aldijana ist eine von geschätzten 70.000 Roma, die in Bosnien und Herzegowina leben. „Ich sehe nicht wie eine typische Roma aus. Wenn ich sage, dass ich eine Roma bin, sind Menschen häufig sehr überrascht. In Bosnien denken viele, dass Roma dreckig, dunkelhäutig sind und riechen. Häufig kennen sie aber gar keine Roma.“

Roma leben auf dem ganzen Balkan am Rande der Gesellschaft. Aber nur  in Bosnien werden sie nicht nur in der Gesellschaft und in öffentlichen Institutionen diskriminiert, sondern sind sogar laut Verfassung nicht Teil des Volkes. Nur die drei großen Volksgruppen der Bosniaken, Kroaten und Serben dürfen laut oberstem Gesetz hohe politische Ämter ausführen.

Frauen sind von der Diskriminierung meistens gleich doppelt betroffen, denn ihre Gemeinden sind sehr patriarchalisch geprägt. Sie tragen die Hauptlast der Kindererziehung, der Hausarbeit und steuern einen Großteil zum Einkommen der Familie bei. Gleichzeitig sind sie häufig Gewalt ausgesetzt, dürfen nicht zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen.

Aldijana ist in Bosnien eine Ausnahme. Mit ihren 25 Jahren hat sie nicht nur eine abgeschlossene Schulausbildung, sondern ist im zweiten Jahr an der Fakultät für Bildungswissenschaft eingeschrieben. Sie will Erzieherin werden. Damit gehört sie zu den zwei Prozent von Roma-Frauen in Bosnien, die jemals in ihrem Leben eine Universität von Innen gesehen haben. Um die anderen 98 Prozent zu unterstützen, engagiert sie sich seit zwei Jahren in der Organisation „Be my friend“.

Aldijana ist auch in einem Video von CARE zu sehen, das gleiche Rechte für Roma fordert.

Das winzige Büro der Organisation in Visoko, in dem lediglich ein paar Plastikstühle und ein kleiner schwerer Holztisch stehen, ist eine der wenigen Anlaufstelle für Roma-Frauen. Hier können sie sich über ihre Rechte informieren, bekommen Hilfe, wenn sie Diskriminierung oder Gewalt erfahren mussten und lernen in verschiedenen Kursen und Workshops über Themen wie Gesundheit und Bildung. Aldijana und ihre Kolleginnen helfen ihnen, einen Lebenslauf zu schreiben, einen Job zu finden, gehen mit ihnen zum Frauenarzt oder begleiten sie zum Amt. „Ich will helfen, weil ich helfen kann“, sagt Aldijana. „Ich habe eine gute Bildung genossen, ich habe gelernt, für mich zu sprechen. Ich möchte, dass jede Frau in Bosnien – ob sie eine Roma ist oder nicht – alle Rechte hat, die ihr zustehen.“

CARE unterstützt Aldijanas Organisation und andere Frauenorganisationen dabei, die Situation von Roma zu verbessern, organisiert Fortbildungen und Schulungen. Außerdem vernetzt CARE die verschiedenen Roma-Organisationen miteinander, damit sie sich austauschen und mit einer Stimme sprechen können. Daraus ist seit einiger Zeit das „Roma Women Network“ entstanden, zu dem „Be my friend“ und sieben weitere Organisationen zählen. Gemeinsam kämpfen sie gegen Vorurteile, tauschen sich in dem überregionalen Netzwerk aus, teilen ihre Erfahrungswerte im Umgang mit Behörden und anderen Akteuren.

„Gemeinsam sind wir viel stärker“, erzählt Aldijana. Und sie sind erfolgreich: Dem nationalen Komitee der Roma, das bislang aus insgesamt 22 Männern – zur Hälfte Roma – bestand, steht nun eine Roma-Frau vor. Weitere drei Frauen wurden aufgenommen. „Wir haben Briefe an die Regierung geschrieben und sind mit unserer Forderung, dass auch Frauen in dieses Gremium repräsentiert werden müssen, an die Öffentlichkeit gegangen. Wir wurden gehört.“

Aldijana hat auch viele Freunde, die nicht Roma sind. In ihrer Freizeit trifft sie sich mit ihnen oder chattet auf Facebook. „ Hier kann ich mir auch mit meinen Freundinnen in Deutschland schreiben“, sagt Aldijana in fließendem Deutsch. Während des Krieges hat sie mit ihrer Familie einige Zeit in Hamburg gelebt. Und auf Deutsch wiederholt sie stolz: „Ich heiße Aldijana. Ich bin eine Roma.“

Im Video "Ich bin eine Roma" berichten vier Roma-Frauen aus ihrem Leben und von ihren Leistungen - entegegen gängiger Klischees.

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