Roma in Serbien: “Integration ohne Inklusion ist unmöglich”

Angela Horvat Slavnic, zuständig für Roma in der serbischen Gemeinde Becej (in der Region Vojvodina), spricht mit CARE über die „Dekade zur Inklusion der Roma“.

Mit der „Dekade zur Inklusion der Roma 2005-2015” wollen die Regierungen europäischer Länder die Lebensbedingungen und die Inklusion von Roma verbessern. Was wurde bisher erreicht?

Die „Dekade zur Inklusion der Roma” bringt Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Roma an einen Tisch. In den vergangenen acht Jahren haben wir viel getan, um die Situation der Roma zu verbessern. Trotzdem: Wir werden die Ziele, die wir uns bis 2015 gesetzt haben, nicht erreichen. In den Bereichen Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnsituation hat sich zwar einiges verbessert. Aber die bisherigen Errungenschaften sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Ich hoffe, dass die Roma-Dekade um wenigstens zehn weitere Jahre verlängert wird. CARE und andere Organisationen haben erfolgreich Roma-Aktivisten gestärkt und eine Zivilgesellschaft aufgebaut – doch das kann nur der Grundstein sein, um die Ziele zu erreichen.

Welche Fortschritte wurden gemacht, Roma in die Gesellschaft im Balkan zu integrieren?

Integration ohne Inklusion ist unmöglich – beides ist eng verknüpft. Integration muss von den Entscheidungsträgern ermöglicht werden, sonst kann es auch keine Inklusion geben. Was mir Sorge bereitet, sind die Behörden. Sie haben die Rahmenbedingungen für die Integration von zwar Roma geschaffen, doch sie prüfen jetzt nicht, ob sie auf lokaler Ebene auch umgesetzt werden. Die Rahmenbedingungen wurden auf staatlicher, bundesstaatlicher und Gemeindeebene getroffen, aber sie werden jeweils nur so lange beachtet, wie die Projekte dauern. Mit anderen Worten: Es gibt Pläne und Strukturen, aber sie werden nicht auf allen Ebenen umgesetzt. Diese Behörden haben auch oft wenig  Interesse an Themen wie Inklusion und Integration.  

Was war der bisher größte Erfolg der Roma-Dekade?

Die Roma-Dekade will verschiedene Lebensbereiche von Roma verbessern: Bildungs-, Gesundheits-, Arbeits- und Wohnsituation. Die größten Erfolge wurden im Bereich Bildung erzielt. Im Jahr 2004 gab es in der Provinz Vojvodina nur vier Roma, die studiert haben. Jetzt, 2013, sind es fast 300. Das motiviert auch andere jugendliche Roma, sich an Universitäten einzuschreiben. Die Situation ist aber noch lange nicht perfekt. Bisher haben viele Roma-Kinder immer noch keinen Zugang zu Vor- oder Grundschulen.

 

Werden Roma in Serbien noch immer diskriminiert?

Diskriminierung gegenüber Roma ist Alltag. Die Frage ist, von wem sie ausgeht und ob sie absichtlich erfolgt. Die staatlichen Institutionen bestreiten oft, dass es diese Diskriminierung überhaupt gibt – obwohl sie dafür verantwortlich sind, sie zu verhindern. Wie sollen wir dagegen angehen? Ich denke, dass die Bildung von Eltern, Kindern und Behörden der Schlüssel ist. Es ist eine schwierige Aufgabe. Wir haben in der ganzen Dekade unseren Standpunkt weiter bekannt gemacht – jetzt gibt es Gesetzte, die Diskriminierung verbieten. Außerdem machen wir Fälle von Diskriminierung auf Veranstaltungen wie Pressekonferenzen oder Treffen mit den Behörden, die von Roma organsiert werden, öffentlich. Das gab es vor der Roma-Dekade nicht.

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Wie können Organisationen wie CARE zur Roma-Dekade beitragen?

Die europäischen Regierungen können eine Menge von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie CARE lernen: Team-Work, kreative Strategien und Methoden, um Pläne umzusetzen und zu überwachen. Die NGOs auf dem Balkan lernen immer wieder dazu und bringen ihre Erkenntnisse in den Prozess mit ein. Die Politik sollte also die Arbeit mit NGOs als Chance betrachten. Der Staat hat in den meisten Fällen wenige Mittel und Kapazität, neue Lösungsansätze zu entwickeln. NGOs haben in diesem Feld hingegen viel Erfahrung und arbeiten meist schon seit Jahrzehnten mit der Zivilgesellschaft zusammen.

Wo besteht aus Ihrer Sicht der größte Handlungsbedarf?

Am wichtigsten ist es, dass die Gesetzgebung für die Integration von Roma in Serbien verbessert und Roma auf jeder Ebene der Gesellschaft integriert werden. Momentan gibt es nur wenige Roma in der Politik und ihr Einfluss ist dementsprechend begrenzt. Wir sollten mehr Roma in den Gemeindeverwaltungen haben; alle Schulen sollten Pädagogen für die Unterstützung von Roma-Kindern haben. Außerdem sollte das Wissen von NGOs besser miteinbezogen werden.

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