Ruanda: Rückkehrer ohne Zuhause

CARE-Mitarbeiter Matt Bannerman berichtet über ruandische Rückkehrer aus Tansania, die zu Tausenden in provisorischen Lagern untergekommen sind

Zwischen 1959 und 1998 flohen zehntausende Menschen vor Gewalt und Völkermord aus Ruanda in die Nachbarländer Uganda, die Demokratische Republik Kongo und Tansania. Die Genfer Flüchtlingskonvention sieht vor, dass alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgeführt und wiedereingegliedert werden, sobald die Umstände nicht mehr bestehen, unter denen sie geflohen sind. Viele Ruander haben in ihrem Aufnahmeland jedoch zwischenzeitlich ein neues Leben begonnen. Sie fassten beruflich Fuß, heirateten in lokale Gemeinschaften ein, gründeten eine Familie und nahmen teilweise sogar die Staatsbürgerschaft des Landes an, das sie nun als ihre Heimat bezeichnen.

Im Juli ordnete der Präsident Tansanias jedoch unerwartet die Ausweisung von ungefähr 20.000 Ruandern und Bürgern Tansanias mit ruandischen Wurzeln an. Einige der Betroffenen leben ohne ordentlichen Aufenthaltsstatus in Tansania, andere hingegen haben ein Aufenthaltsrecht  oder eine Staatsbürgerschaft. Viele von ihnen wurden in Tansania geboren und sind noch nie in Ruanda gewesen. Für Polizei und Militär, die die Ausweisung durchführen, ist dies jedoch nicht von Interesse. Matt Bannerman, stellvertretender Länderdirektor von CARE Ruanda, erzählt von der Notlage dieser entwurzelten Menschen.

Wie ist die Situation der Rückkehrer zu beschreiben?

Die meisten der 6.000 Menschen, die aus Tansania nach Ruanda vertrieben wurden, leben momentan in zwei Camps, Rukara und Kiyanzi, entlang der Grenze. Diese Familien waren gezwungen, ihr Zuhause innerhalb von Tagen zu verlassen. Sie mussten ihre Häuser und ihr Land, ihr Vieh, ihre Habseligkeiten, alles wofür sie über viele Jahre hart gearbeitet hatten, zurücklassen. Viele von ihnen wurden von Familienmitgliedern getrennt, die eine gültige Aufenthaltserlaubnis oder tansanische Staatsangehörigkeit vorweisen konnten. Die Mehrheit der Flüchtlinge – mehr als 60 Prozent – sind Frauen und Kleinkinder. Dass ihre Ehemänner, Söhne oder Töchter weiterhin in Tansania leben, hat viele von ihnen stark traumatisiert. Man stelle sich vor, man müsse seine Familie verlassen und wisse nicht, wann, wie oder ob man sie überhaupt wiedersehen wird! Die Situation ist herzzerreißend.

Wie unterstützt Ruanda die Rücksiedler?

Das Ministerium für Katastrophenmanagement und Flüchtlinge in Ruanda hat die beiden Camps errichten lassen, um die entwurzelten Menschen vorübergehend aufzunehmen. Einige gehen in die Dörfer, aus denen sie ursprünglich stammen oder in denen noch Familienmitglieder leben, zurück. Viele kommen dann aber wieder zurück in die Camps, weil ihre Familien nicht mehr in den besuchten Siedlungen leben, verstorben sind oder sie einfach nicht beherbergen können. Ruanda ist das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas und fast jeder Quadratmeter ist bereits bebaut. Andere Flüchtlinge wissen nicht einmal, in welchem Gebiet des Landes ihre Wurzeln liegen, da sie nie in Ruanda gelebt haben.

Die Regierung Ruandas sucht nach langfristigen Lösungen für die Unterbringung und Wiedereingliederung der Rückkehrer, aber in den nächsten Tagen und Wochen werden noch weitere Vertriebene erwartet. Im Moment überqueren täglich 300 Rückkehrer die Grenze nach Ruanda.

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Sie haben die Camps in Ruanda besucht. Wie sehen diese aus?

Die Regierung von Ruanda bemüht sich, die Rückkehrer zu unterstützen, aber aufgrund der ungewissen Situation der Vertriebenen fällt die internationale Hilfe bisher eher gering aus. Die Lebensumstände sind sehr schwierig. Ich war sehr betroffen von dem, was ich sah. Das Camp Rukara befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Bergarbeiterlagers, so dass es dort einige  Backsteingebäude gibt, die als Büros und Geschäftsräume dienen. Zudem beherbergt das Gelände eine Küche, die von den Camp-Bewohnern genutzt werden kann. Die meisten Menschen leben jedoch in Notunterkünften, schlafen unter Plastikplanen, dort wird es sehr heiß. In Rukara gibt es nur eine Wasserstelle mit drei Wasserhähnen. Die Camp-Bewohner, die am äußeren Rand des Camps leben, müssen zu Fuß große Distanzen zurücklegen, um Wasser zu holen. Jede der Latrinen wird von rund 60 Personen genutzt. Die Hygienebedingungen sind auch deshalb sehr schlecht. Das andere Camp, Kiyanzi, liegt auf einem Felsplateau, über das starke Winde hinwegziehen. In der momentanen Trockenzeit des Jahres bringt der Wind Staub mit sich, was vor allem bei den Kindern zu ernsthaften Atemproblemen führen kann. Das felsige Terrain erschwert es zudem, die Abfälle zu vergraben, so dass sich große Mengen Müll hinter den Unterkünften ansammeln. Gesundheitliche Probleme sind nahezu vorprogrammiert. Es gibt zwar eine grundlegende Gesundheitsversorgung im Camp, aber schwerwiegendere Erkrankungen müssen an Krankenhäuser außerhalb verwiesen werden. Wir sind besonders besorgt über die Berichte zum Anstieg von Durchfallerkrankungen, Erbrechen und Malaria. Es besteht zusätzlich ein großer Bedarf an medizinischer Vorsorge, wie Impfungen und  an Unterstützung für Familienplanung und Schwangerschaften.

Wie bewältigen die Kinder die Situation in den Camps?

In den Camps gibt es keinerlei besondere Unterstützung für die Kinder aller Altersgruppen. Die älteren unter ihnen können nicht zur Schule gehen, weil das Schuljahr in Ruanda bereits vorüber ist. Deshalb gibt es für sie keine Möglichkeit vor Januar 2014, in einer staatlichen Schule untergebracht zu werden. Außerdem ist der Lehrplan ein anderer, und auch die lokale Sprache verstehen sie nicht immer. Die Kinder unter fünf Jahren laufen unbeaufsichtigt im Camp umher. Sie erfinden Spiele und spielen mit dem, was sie gerade finden können oder sie sehen einfach verloren aus. Ihre Mütter leiden unter der Trennung von ihren Ehemännern und den anderen Kindern; viele von ihnen sind zutiefst traumatisiert, sehr verletzlich und brauchen dringend psychologische Hilfe. Die Kinder, von denen viele durch das schlagartige Verlassen der Heimat und ihrer Familie traumatisiert sind, brauchen Zuwendung und Schutz. Sie brauchen Beschäftigung und Ablenkung, um wenigstens wieder ein bisschen Kind sein zu dürfen.

Wie unterstützt CARE die Rückkehrer?

Die Mitarbeiter von CARE Ruanda besuchten die Camps, um die Situation einzuschätzen und die Hilfe von CARE an die Bedürfnisse anzupassen. In Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen will CARE eine frühkindliche Versorgung bereitstellen und den Müttern dabei helfen, Gruppen zu bilden, in denen ihre Kleinkinder geschützt zusammen spielen und lernen können. Zudem soll Nahrungsergänzung für Kinder verteilt werden. Außerdem will CARE über die häufigsten Kinderkrankheiten und mögliche medizinische Hilfe informieren. CARE und seine Partner wollen die Rückkehrer auch zu sexueller Gesundheit und Familienplanung schulen und den Frauen und Männern helfen, entsprechende Unterstützung und Materialien zu erhalten. Wir wollen auch übersexuelle Gewalt aufklären und dazu beitragen, dass sie verhindert werden kann.

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