Südsudan: Der Traum vom eigenen Restaurant

Tee servieren bei 35 Grad: Wie die vierfache Mutter Mary Nyapour trotz Konflikt ihre Großfamilie ernährt

Die Sonne brennt vom Himmel. Das Thermometer erreicht rund 35 Grad Celsius. In der Stadt Pagak im Bundesstaat Upper Nile im Norden des Südsudans wartet eine Gruppe von Frauen und Männern geduldig darauf, dass ihnen traditioneller südsudanischer Gewürztee serviert wird.

In vielen Städten des Südsudans wird den ganzen Tag über Tee serviert, so auch in Pagak. Mary Nyapour ist eine derjenigen, die von dieser Tradition profitiert. Wartende Kunden, die vor ihrem kleinen Laden lange Schlangen bilden, sieht sie als Ansporn, noch härter zu arbeiten. Sie will zur besten Teeverkäuferin der Umgebung werden.

Tee und Kaffee haben im Südsudan ein starkes Aroma, weil sie mit einer Vielfalt an Gewürzen zubereitet werden ­‑ darunter frische Minze, Ingwer, Zimt und Marys Geheimzutat Kardamom. „Ich habe viele Kunden. Die meisten kommen morgens und abends vorbei“, erklärt Mary. „Ich arbeite jeden Tag und kümmere mich darum, dass wir genügend Tee, Kaffee und Porridge vorrätig haben.“

Die 27-jährige Mutter von vier Kindern verdient ihren Lebensunterhalt mit diesem kleinen Geschäft, das sie nach der Teilnahme an einer Kleinspargruppe in ihrer Gemeinde gründete. Mit ihrem Verdienst deckt sie die Grundbedürfnisse ihrer Familie ab und kann das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen. Da ihr Mann seinen Job verlor, als im Dezember 2013 der Bürgerkrieg im Südsudan ausbrach, ist Mary nun die einzige Brotverdienerin in einem 16-köpfigen Haushalt. Neben Familie und Verwandten zählen dazu auch drei weitere Menschen, die während des Konfliktes vertrieben wurden.

Vom Milchmädchen zur Cafébesitzerin

Bereits vor der Krise war Mary Mitglied einer CARE-Kleinspargruppe des Dorfes und besaß ein Milchgeschäft. Auf der Suche nach günstiger Milch lief sie häufig zur drei Stunden von Pagak entfernten Rinderfarm in Pinythor und zurück. Das machte sie dreimal in der Woche. Umgerechnet verdiente sie rund 13 Euro pro Woche damit, zu wenig um die gesamte Familie zu versorgen. Als der Konflikt ausbrach, verwandelte sich die Rinderfarm in Pinythor in ein Schlachtfeld. „Wir mussten unsere Kleinspargruppe wegen der Gewalt in der Region auflösen. Unsere Ersparnisse haben wir aufgeteilt, weil wir nicht wussten, was in Zukunft aus uns wird“, erzählt sie.

Trotz aller Schwierigkeiten ließ sie sich nicht entmutigen und begann von vorne. Mit Unterstützung einer neuen Kleinspargruppe verkauft sie nun Tee und Kaffee. Außerdem nahm sie an einem von CARE angebotenen Training zu Einkommenserzielung, Führungskompetenzen und Unternehmensleitung teil. Seitdem leitet sie die Kleinspargruppe. Innerhalb von nur drei Monaten sparte die Gruppe gemeinsam etwa 234 Euro. Zusätzlich können Mitglieder individuelle Kredite in Höhe von rund 90 Euro bei CARE beantragen. Die Unterstützung von Kleinunternehmern ist Bestandteil einer größeren Friedensinitiative von CARE mit dem Ziel, die Wirtschaft nach drei Jahren des Konfliktes wieder anzukurbeln und für die Menschen in Pagak Arbeitsplätze zu schaffen.

Zukunftsperspektiven dank CARE

Mittlerweile ist Mary ein Vorbild in ihrer Gemeinde. Ihre harte Arbeit hat sich ausgezahlt, ihre aktive Beteiligung an der Arbeitswelt ermutigt viele weitere Frauen dazu, an Kleinspargruppen teilzunehmen und sich selbstständig zu machen. „Ich bin sehr froh darüber, dass CARE mir so viel beigebracht hat. Ich bekomme viel Anerkennung von Frauen in meiner Gemeinde. Sie fragen mich, wie ich es geschafft habe“, berichtet sie.

Neben ihrem Café hat Mary weitere Pläne. Sie träumt davon, andere Familienmitglieder in die Landwirtschaft zu integrieren, um mehr Einkommen zu erwirtschaften. Zusätzlich möchte sie ihr Geschäft vergrößern. „Mein Ziel ist ein großes Restaurant mit vielen Angestellten und Gästen. Mein Mann ist momentan arbeitslos, daher muss ich hart arbeiten und das Restaurant alleine führen. So weit zu kommen war nicht einfach. Ich habe lange um mein Restaurant gekämpft und jetzt bin glücklich“, erzählt sie stolz.