Südsudan: Ein Jahr ohne Hoffnung

Nyabel ist 15 Jahre alt. Von einer unbeschwerten Jugend ist sie jedoch weit entfernt.

Die 15-jährige Nyabel ist die Älteste von sieben Kindern und somit faktisch das Oberhaupt ihrer Familie. Vor weniger als einem Jahr noch besuchte sie die zehnte Klasse einer Schule in Bongki, wo sie als gute Schülerin galt, vor allem in den Fächern Englisch und Arabisch.

Als im Dezember Kämpfe im Südsudan aufkamen, glaubten sich Nyabels Eltern noch in Sicherheit. Sie waren es nicht. Ein paar Tage vor Weihnachten attackierten Soldaten Nyabels Heimatstadt. Hunderte Männer, Frauen und Kinder wurden getötet. Rinder, Ziegen und andere Tiere wurden zusammengetrieben und geschlachtet, Häuser wurden niedergebrannt. Nyabels Mutter Angelina, die nur wenige Tage zuvor einen Sohn zur Welt gebracht hatte, musste mit ansehen, wie ihr Schwager und ihre Schwester erschossen wurden.

Nyabel und ihre Familie liefen in Panik davon, durch Büsche und Gestrüpp, um die Stadt Panyang zu erreichen. Vorsichtig schlichen sie die ganze Nacht weiter, immer in der Angst, von Soldaten gesehen zu werden. „Wir hörten die Bomben und die Schüsse. Wir mussten einfach weitergehen“, sagte Nyabel. Am Morgen erreichte die Familie die Stadt Panyang. Unter einigen Bäumen ruhten sie sich aus. Aber dann erklärte Nyabels Vater seinen Kindern, dass er zurück nach Bongki gehen müsse, um ihre Heimatstadt zu verteidigen. Die Kinder hatten große Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte. Es war ein tränenreicher Abschied. Die Atempause währte nicht lange. Innerhalb weniger Stunden erreichten die Kämpfe auch Panyang. Der Beschuss begann und erneut wurden viele Menschen getötet. Auf das von CARE betriebene Krankenhaus herrscht ein riesiger Andrang, die Helfer mussten von nun an jeden Tag mehr als 200 Patienten mit Schusswunden behandeln.

Barfuß unter Schmerzen auf der Flucht

Nyabel und ihre Familie flohen erneut. Das junge Mädchen lief die ganze Nacht ohne Schuhe durchs dichte Gestrüpp. Ihre Füße wurden zerkratzt und waren extrem angeschwollen. Sie lief weiter, führte ihre verängstigten jüngeren Geschwister, während sich die Mutter um das wenige Tage alte Baby kümmerte. Viele Fremde, ebenfalls auf der Flucht vor den Attacken, baten Nyabel, etwas von dem Wasserkanister  trinken zu dürfen, den sie mit sich trug. Nach einem halben Tag war das Wasser aufgebraucht.  „Wir hatten großen Durst“, erklärt Nyabel. „Aber wir mussten einfach weitergehen. Trotz aller Erschöpfung.“

Drei Tage später erreichte die Familie völlig erschöpft und ausgelaugt die Stadt Yida. Dem Baby ging es sehr schlecht. Nyabel und ihre Mutter brachten es in die Notaufnahme eines temporär errichteten Krankenhauses, wo es schließlich fünf Monate lang behandelt wurde. Nach ein paar Tagen konnten die übrigen Geschwister  einen Freund der Familie ausfindig machen, der ihnen etwas Platz auf dem Boden seines kleinen Hauses überließ. Einige Wochen später war die Familie dann wiedervereinigt, als Nyabels Vater in Yida ankam. Er hatte jedoch bei einem Angriff ein Bein verloren.

Und dann kam der Hunger...

Doch das Leiden war für Nyabel und ihre Familie noch nicht vorbei. Es folgte der Hunger. Die Kinder suchten täglich in den Büschen nach Gemüse und essbaren Pflanzen und leben von einer einfachen Mahlzeit am Tag; einer Art Brei aus Mehl und Wasser, den die Familie „Papieressen“ nennt. Nyabels Mutter Angelina erzählt heute:  „Das Land hier gehört nicht uns. Wir sind abhängig von der Güte von Fremden. Wir dürfen keine Scheu haben, nach Hilfe zu fragen, wir müssen es einfach tun. Manchmal betteln wir sogar um ein, zwei Dollar.“

Die große Tochter Nyabel sagt, ihr Leben drehe sich nur noch ums nackte Überleben. „Trotz all der furchtbaren Erlebnisse, die wir durchgemacht haben, um hier hin zu kommen, leiden wir noch immer. Wir haben kein Essen und keine sichere Unterkunft. Ich bedauere sehr, was mit meinem Leben passiert ist. Ich ging zur Schule, jetzt habe ich ein ganzes Jahr verloren. Ich hoffe einfach auf Frieden, so dass ich wieder die Möglichkeit habe, zu lernen und damit die Aussicht auf eine bessere Zukunft.“

CARE hat Nyabel und ihr Familie mit Werkzeugen zum Ackerbau und Saatgut für die nächsten Monate unterstützt, aber das allein reicht nicht. Nyabels Geschichte ist bei Weitem kein Einzelfall. Seit dem Beginn der Gewalt im Südsudan Ende 2013 mussten rund 1,5 Million Menschen aus ihren Häusern fliehen, 400.000 von ihnen flohen in die Nachbarländer Äthiopien, Kenia, Uganda und den Sudan. Durch die massive Vertreibung, die Unsicherheit und den Konflikt könnte die Zahl der Hungerleidenden auf 3,9 Millionen Menschen ansteigen. Es gibt bereits mehr als 900.000 unterernährte Kinder im Südsudan, die sich ohne Unterstützung in Lebensgefahr befinden. CARE stellt medizinische Hilfe, Zusatznahrung für unterernährte Kinder, Hygieneprodukte, Saatgut und andere Hilfsgüter für Familien bereit. Unsere Arbeit im Südsudan ist derzeit nur zu rund 40 Prozent finanziert.

Stimmen von vor Ort: CARE-Mitarbeiter aus dem Südsudan berichten im Blog.