Syrien: Was kommt jetzt?

Viele Menschen fürchten das gleiche Schicksal wie in Aleppo

Von Majd Al Dik, Direktor von Nabea El Hayat. Diese syrische humanitäre Organisation wird von CARE International unterstützt. Majd Al Dik musste 2014 aus Syrien fliehen. In den vergangenen drei Jahren hat er u.a. Projekte in der Nothilfe koordiniert.

Die Region Ost-Ghuta war einst als fruchtbarer Halbmond im Umland von Damaskus berühmt. Heute ist sie eine von 16 belagerten Regionen in Syrien, in denen zumindest eine Million Menschen eingesperrt sind. Etwa 320.000 davon in Ost-Ghuta. Viele Einwohner sind bereits geflüchtet, entweder in andere Teile Syriens oder außerhalb des Landes. Tausende haben ihr Leben verloren. Ich werde den Tag im Jahr 2013 nie vergessen: 1.438 Menschen starben damals bei Giftgasangriffen. Nach Schätzungen waren rund zwei Drittel davon Frauen und Kinder. Drei Jahre später bleibt die Situation dramatisch. Der Zugang zu Wasser und Strom ist sehr eingeschränkt. Die Menschen hier sind verzweifelt, viele von ihnen haben fast nichts mehr zu essen.

Die Region wird vom Regime kontrolliert. Hilfsgüter bereitzustellen wird immer schwieriger. Syrischen Organisationen bleibt nichts anderes übrig als lokale Produkte zu kaufen, die oft bis zu dreißigmal teurer sind als in Damaskus. Die Bevölkerung in Ghuta erhält keine Hilfe von außen. Die Vereinten Nationen und andere humanitäre Organisationen dürfen nicht nach Ghuta. Lediglich ein paar Konvois konnten seit 2014 passieren. Auch heuer haben die UN einen Konvoi mit Hilfsgütern organisiert – als er am Zielort ankam, waren die Laster mit den Hilfsgütern fast leer. Es gibt geheime Tunnels, allerdings in einer Gegend von Damaskus, wo alle Güter von der Regierung rationiert werden. Abgesehen davon sind sie zu klein, um genug Nahrung oder Medizin für die Menschen zu lagern.

Als der Arabische Frühling 2011 Syrien erreichte, träumten viele von Gerechtigkeit und Freiheit. Heute bangen die meisten um ihr Überleben. CARE unterstützt hunderte Frauen dabei, ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dabei gehört das Bereitstellen kleinerer Viehbestände ebenso wie die Unterstützung bei der Berufsausbildung. Viele starteten Nähkurse, die jedoch durch einen Mangel an Materialien vorübergehend eingestellt werden mussten – eine weitere Konsequenz der Belagerung. Weiter wurden Erste-Hilfe-Kurse organisiert, die dazu dienten, jeweils eine Frau in der Nachbarschaft als einen sogenannten „First-Responder“ auszubilden, um nach einem Angriff für die Verletzten Hilfe leisten zu können. 2013 wurden etwa 250 Menschen täglich durch Angriffe verletzt. Heute konzentrieren sich die Bombardements auf die dicht besiedelten und von der Opposition kontrollierten Ballungszentren.

Letzten August wurde eines unserer vierzehn Zentren durch einen Luftangriff zerstört. Seit Oktober können drei unserer Zentren nicht mehr finanziert werden. Diese werden derzeit noch von unseren Teams unentgeltlich weiterbetrieben, wie lange sie ihre Arbeit jedoch noch unter diesen Bedingungen weiterführen können, ist fraglich. Dem Mut und unermüdlichem Einsatz unserer Freiwilligen schulden wir großen Dank, doch auch sie benötigen ein Einkommen. Selbst nach fast sechs Jahren unvorstellbaren Leidens werden unsere Mitarbeiter vor Ort nicht müde, Kindern, die unsere Zentren besuchen, ein Lächeln zu schenken und Müttern beim täglichen Überlebenskampf zu helfen.

Wir wollten nicht zulassen, dass die Zukunft der jüngeren Generationen durch den Wahnsinn von Erwachsenen aufs Spiel gesetzt wird. Doch der Krieg und die Zerstörung gehen unermüdlich weiter. Heute werden in unseren Zentren nicht nur Mathematik und Arabisch unterrichtet, sondern auch wie man sich im Falle eines Luftangriffes verhalten soll. Das wichtigste für Syriens Jugend ist: zu wissen, wie man inmitten unbeschreiblicher Gewalt am Leben bleibt.

Mehr über unsere Arbeit in Syrien finden Sie hier.

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