Syrienkrise: „Ich will mehr als nur Flüchtling sein!“

Eine Handvoll syrischer Flüchtlinge hat sich um Motaz versammelt. Einmal in der Woche bietet er syrischen Flüchtlingen, die in die Türkei geflohen sind, psychosoziale Unterstützung an.

Motaz ist 27 Jahre alt und betreut syrische Flüchtlinge in der Türkei. Mit ihnen führt er Trainings zu Themen wie psychosozialer Hilfe, Hygienevorkehrungen, geschlechtsspezifischer Gewalt und früher Heirat durch. „Ich helfe ihnen dabei, Konflikte friedlich zu lösen, selbst wenn die Situation ausweglos erscheint. Wir reden darüber wie sie ihre Lebensumstände verbessern und an sich selbst arbeiten könnten.“ In wöchentlichen Sitzungen bereitet Motaz Freiwillige durch Hausbesuche, Bildungsprojekte und Gruppendiskussionen darauf vor, Verantwortung für ihre Gemeinschaft zu übernehmen und aktiv an Veränderungen mitzuwirken. Der direkte Kontakt spielt dabei eine große Rolle. Flüchtlinge werden zu  freiwilligen Helfern ausgebildet und sollen so andere Flüchtlinge in der Gemeinschaft unterstützen.

Motaz ist selbst Flüchtling. Er wuchs im palästinensisch-syrischen Flüchtlingscamp Jarmuk in der Nähe von Damaskus auf. Nach seinem Studium der psychosozialen Gesundheit engagierte er sich zunächst als Freiwilliger in Jarmuk. Vor sieben Monaten floh er in die Türkei. Dort angekommen, schloss er sich sofort dem CARE-Team an. So kann er nicht nur anderen helfen, sondern auch seine jahrelange Erfahrung in der psychosozialen Hilfe ausbauen, sich selbst eine Stimme geben und seinen Fluchtalltag mitgestalten.

„Ich will mich nicht einfach mit meinem Schicksal als Flüchtling abfinden“, sagte er während einer Pause zwischen den Trainingsaktivitäten mit syrischen Freiwilligen. „Die Möglichkeit, unsere Lebensumstände positiv zu verändern, gibt meiner Arbeit einen Sinn.“

Die Heimat zu verlassen fällt schwer

Selbst als eine Autobombe direkt neben dem Haus seiner Familie explodierte, wollte Motaz seine Heimat Syrien zunächst nicht verlassen. „Meine Familie floh, aber ich blieb hier. Wohin hätte ich sonst gehen sollen? Hier hatte ich einen Großteil meines Lebens verbracht.“

Doch letztendlich war auch Motaz gezwungen aus Jarmuk zu fliehen und lebte in den folgenden 18 Monaten immer wieder an unterschiedlichen Orten in Syrien. Als sich die Situation zunehmend verschlimmerte, musste auch er das Land verlassen. „Mich hatte zuvor immer die Hoffnung auf Frieden angetrieben, doch die hat mich am Ende im Stich gelassen. Ich musste einsehen, dass ich hier nicht mehr in Sicherheit war“, erzählt er. Auf seiner Flucht wurde er von bewaffneten Truppen aufgehalten, die ihm seine letzten Wertgegenstände abnahmen. Viele Flüchtlinge berichten von solchen Überfällen. Motaz floh alleine in die Türkei, mit kaum Gepäck, dafür aber mit seinem ungebrochenen Willen etwas zu verändern.

Das CARE-Freiwilligen-Programm geht auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge ein und ermutigt sie sich für ihre Gemeinschaft einzusetzen. „Nach unseren Trainings können die freiwilligen Helfer das Gelernte bei Hausbesuchen anwenden“, berichtet Motaz.

Neuer Lebensmut für syrische Flüchtlinge

„Wir wollen Menschen, die wie ich vor dem Konflikt fliehen mussten, Mut machen und neue Perspektiven geben. Viele von ihnen haben alles verloren und können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Doch wir bestärken sie, nicht aufzugeben. Sie fühlen sich nicht mehr alleingelassen und ihr neugewonnener Lebensmut wirkt sich positiv auf die gesamte Gemeinschaft aus.“

In der Gemeinschaft werden auch sensible Themen wie etwa frühe Heirat oder sexualisierte Gewalt angesprochen. In Konfliktsituationen gibt es viele Familien, die sich um das Wohl ihrer Töchter sorgen und sie jung verheiraten um sie so abzusichern. „Wir besprechen solche Fälle und wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine frühe Heirat viel Leid bedeuten kann“, erläutert der CARE-Helfer seine Arbeit. 

Die Gemeinde hat die psychosozialen Trainings sehr positiv aufgenommen. „Wenn du das Leuchten in ihren Augen siehst, wird dir klar, was diese Arbeit für sie bedeutet. Die Flüchtlinge erwarten uns jede Woche voller Ungeduld. Doch das alles war auch ein hartes Stück Arbeit“, so Motaz. „Wir mussten uns das Vertrauen erst erkämpfen, doch jetzt, wo wir es gewonnen haben, können wir viel bewirken.“

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