Syrische Flüchtlinge in Jordanien – unterwegs auf der Suche nach einem Leben in Würde

Mahmoud floh in einem Krankenwagen nach Jordanien. Er und seine Familie haben alles verloren.

Syrische Flüchtlinge verlassen auf verschiedenen Wegen ihr umkämpftes Heimatland:  sie nehmen den Bus, das Auto oder fliehen zu Fuß. In Mahmouds Fall war es ein Krankenwagen. Wir trafen Mahmoud das erste Mal in CAREs Flüchtlingszentrum in der jordanischen Hauptstadt Amman. Man sieht Mahmoud an, dass er viel durchgemacht hat. Eines Nachmittags, Ende letzten Jahres, schlug in der Nähe seines Hauses in Daara eine Bombe ein.

Die syrische Stadt Daara liegt im Südwesten Syriens und damit relativ nah an der Grenze zu Jordanien. Mahmouds Haus wurde stark zerstört. Mahmoud verlor bei dem Bombenangriff zwei Finger seiner linken Hand. Seine Frau Arabia verlor ihr rechtes Auge. Ihr ältester Sohn, Anfang 30, wurde an seiner rechten Schulter verletzt. „Aber wir sind dankbar, dass die Kinder unverletzt sind“, sagt er. Drei Wochen später erreichten sie das Flüchtlingslager in Zaatari, im Norden Jordaniens. Mahmoud und seine Ehefrau Arabia machten sich zusammen mit ihren sechs Kindern, der Schwiegertochter und zwei Enkelkindern auf den Weg.

Sehnsucht nach der syrischen Heimat und den Familienangehörigen

Aber Mahmoud vermisste seine Heimat und machte sich Sorgen um die restlichen Familienangehörigen. Er machte sich daraufhin ganz allein auf den Weg zurück nach Hause. Ob er in Sorge war? „Ich war in Sorge, aber ich werde regelmäßig nach Hause zurückkehren bis ich getötet werde – dies ist mein Schicksal“, sagt er ruhig. An einem frühen Morgen saß er zusammen mit einigen Verwandten und Nachbarn an einem Tisch. „Wir sprachen darüber, was geschehen ist und was als nächstes passieren kann“, erinnert er sich. Er erinnert sich daran wie er das Geräusch einer Explosion hörte. Das nächste woran er sich erinnert ist wie er in einem Krankenwagen aufwachte. Er wurde schwer am Knie verletzt. Mit ihm waren 13 andere verletzte Syrer im Krankenwagen. Sie wurden alle nach Jordanien gefahren.

CARE bittet um Spenden für die Nothilfe für syrische Flüchtlinge:
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Er traf seine Familie in Zaatari wieder und als es ihm besser ging, brachen sie nach Irbid auf, eine Stadt im Norden Jordaniens und in der Nähe der syrischen Grenze. Im Lager in Zaatari leben viele Flüchtlinge, es wurde für sie errichtet. Warum also verließen sie Zaatari? „Es war zu heiß und staubig. Meine Frau leidet unter Asthma. Wir lebten am Rande des Lagers, weit weg von allem. Wir lebten dort sehr isoliert. Es war schwierig .“ Mahmoud und seine Familie setzten ihre beschwerliche Suche nach einer neuen Existenz im Exil fort.  Die Mieten der meisten Wohnungen können sie sich nicht leisten.

Eine Wohnung kostet zuviel Geld

In Irbid zum Beispiel sind es 225 Euro im Monat – viel zu viel! Sie hörten von anderen Flüchtlingen, dass die Mieten in einigen Stadtteilen Ammans erschwinglich seien. Wieder machten sie sich auf den Weg. Seit einem Monat leben sie in Marka Al-Janubyah, einem armen Stadtteil Ammans, zusammen mit 70.000 anderen Flüchtlingen. Sie fanden dort eine billige Dreizimmerwohnung. Die Wohnung hat die gleiche Einrichtung wie alle Wohnungen syrischer Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon. Matratzen stehen an den Wänden, offene Koffer stapeln sich in den Ecken der Wohnung, gefaltete Decken, die die Familie in Zaatari erhielt, liegen gestapelt in einem der Zimmer.

Obwohl die Miete günstiger ist als in Irbid, kämpft die Familie jeden Tag ums Überleben. Die beiden Söhne suchen nach Arbeit. „Wir haben nichts gefunden. Einmal wurde uns Arbeit angeboten, doch der Arbeitsplatz war zu weit von unserem zu Hause entfernt und das Gehalt hätte nicht mal unsere Transportkosten gedeckt … sie sagten uns, sie können uns nicht ohne Arbeitserlaubnis einstellen. Sie hatten zu große Angst erwischt zu werden und ein Bußgeld zu bezahlen“, sagt der 25-jährige Mohammed. Mohammed hat ein Grundstudium in englischer Literatur abgeschlossen.

Der harte Kampf um eine neue Existenz im jordanischen Exil

Wenn der Konflikt in Syrien nicht wäre, würde Mohammed seinem Traum folgen und nun seinen Master machen. Mahmoud hat ebenfalls versucht Arbeit zu finden. Abgesehen von seinen Verletzungen am Knie und an der Hand, hat er nur eine Niere und leidet unter Diabetes. Der Ladenbesitzer, bei dem sich Mahmoud bewarb, schaute sich Mahmouds Gesicht ganz genau an. Er bemerkte, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte. Der Ladenbesitzer hatte ein schlechtes Gewissen und lehnte seine Anfrage freundlich ab: „Ich könnte es nicht ertragen, dir beim Arbeiten zu zuschauen. Ich würde mich schlecht fühlen.“  

Während die Männer nach Arbeit suchen, versuchen Arabia und ihre Schwiegertochter alles, um eine Mahlzeit zuzubereiten. Oftmals ist es die einzige Mahlzeit am Tag. Für gewöhnlich essen sie über mehrere Tage das Gleiche – ein günstigstes Gericht. „Wir hatten seit Monaten keinen Fisch oder Fleisch. Wir können es uns nicht leisten. Sogar eine Melone ist viel zu teuer für uns“, sagt Arabia. Auch sie sehnt sich nach Syrien: „Ich vermisse mein Haus, meine Küche und von Freunden und Bekannten umgeben zu sein“, sagt sie. „Hier kenne ich ja noch nicht mal die Nachbarn im Gebäude.“

Mahmoud und seine Familie hatten vorher nicht viel – jetzt haben sie gar nichts mehr – sie haben alles verloren. „Wir hatten einen Olivenhain. Wir hatten alles, was wir brauchten. Jetzt klopft der Vermieter ständig bei mir an der Tür und fragt nach der ausstehenden Miete… ich schäme mich dafür… wenn ich an unser Leben in Syrien denke, ich denke daran, wie wir zusammen das Fastenbrechen feierten… ich sehne mich an die Zeiten, wo wir alle zusammen waren – in Frieden waren“, sagt Mahmoud.

Hintergrund: Mahmoud ist einer von mehr als 110.000 syrischen Flüchtlingen, die Unterstützung in CAREs Flüchtlingszentrum in Amman erhalten. Mahmoud und seine Familie haben Bargeld von CARE bekommen, mit dem er ihre Lebenshaltungskosten zu bezahlen. CARE breitet seine Hilfe in Jordanien aus und errichtet Flüchtlingszentren in vier städtischen Regionen. Diesen Sommer wird in der jordanischen Stadt Azraq ein neues Flüchtlingslager eröffnet.