Tschad: Überleben an einem seidenen Faden

Ein Besuch im Osten des Tschad, wo seit Monaten eine schwere Dürre herrscht

Ein hauchdünnes Zicklein stolpert in den unüberdachten Bereich eines Hauses und versucht, Hirse aus einem Eimer zu fressen. Der zweijährige Ibrahim sitzt auf dem Boden und trinkt einen tiefen Schluck Wasser aus einem Becher, der so groß ist wie sein Kopf. Als er fertig ist, lacht er glücklich. Ibrahims Beweglichkeit und sein zufriedenes Lächeln sind höchst erstaunlich, wenn man sieht, wie schwach er eigentlich ist. Seine Arme und Beine sind viel zu mager und auf dem Kopf wachsen bloß ein paar Haare. Er steht auf schwingt seine Ärmchen hin und her, während er die Ziegen im Kreis herumjagt. Dann geht er nach draußen und scheidet das Wasser aus, das er gerade getrunken hat.
 
Es ist schwer zu sagen, ob Ibrahims Durchfall und Austrocknung zu seiner Unterernährung führten oder andersherum. „Er hat jetzt seit zwei oder drei Monaten Durchfall“ erklärt seine Mutter Fatima Abbakar-Gedala. „Der Arzt hat ihn kürzlich untersucht und mir Medikamente gegeben, aber die sind jetzt aufgebraucht.“ Sie möchte den kleinen Ibrahim wieder ins Krankenhaus bringen, aber dafür müsste sie einen 30 Kilometer langen Fußmarsch zurücklegen.

Die Natur kennt kein Erbarmen hier

Familien, die wie Fatima am Rande der Sahara leben, kämpfen jeden Tag ums Überleben. Ihre Grundbedürfnisse, Nahrung und Wasser, drohen ständig zu versiegen. In diesem Teil des Tschads kennt die Natur kein Erbarmen. Flache, weite Ebenen werden nur selten von ausgetrockneten Flussbetten durchbrochen, kaum wahrnehmbar in diesem mondartigen Gelände. Die sengende Hitze formt die Gesichter der Menschen ähnlich wie die Landschaft.

In diesem einsamen Flecken reichten traditionelle Verhaltensweisen lange aus, um das Überleben zu sichern, aber heute erweisen sie sich als völlig unzureichend. Das Wetter hat sich verändert und Regen fällt immer unregelmäßiger. Die Menschen sind schwankenden Lebensmittelpreisen, Auswirkungen regionaler Konflikte und Epidemien schutzlos ausgeliefert. Früher konnten die Bewohner mit Landwirtschaft und Viehzucht genug zum Leben erwirtschaften. Wasser ließ sich noch finden. Manchmal würden die Männer nach Libyen gehen, um dort Arbeit zu suchen und etwas Geld nach Hause zu schicken. Aber in diesem Jahr, nach der Revolution in Syrien, ist auch diese Quelle versiegt.

"Ich halte jeden Tag nach Regen Ausschau."

Trinkwasser, darum dreht sich hier alles. Meistens benutzen die Bewohner selbstgegrabene Brunnen und ziehen das Wasser mit Eimern und Seilen nach oben. Frauen müssen lange Strecken zurücklegen und oft mehrere Stunden warten, bis sie ihre Kanister an den wenigen Wasserstellen auffüllen können. Die 60-jährige Tamboshe Dere füllt mit drei ihrer Enkel Kanister an einer von CARE reparierten Pumpe auf. „Dieses Jahr gibt es kaum Wasser“, erklärt sie. „Der Boden ist zu trocken und für das Vieh gibt es nichts zu grasen. Viele Leute sind mit ihren Tieren in den Süden gewandert.“ Sie hofft auf die nächste Regenzeit. „Ich halte jeden Tag nach Regen Ausschau. Er muss bald kommen.“

Der Grundwasserpegel entscheidet, ob die Menschen genug Trinkwasser haben und der Regen darüber, ob sie genug Nahrung finden. „Die Dürre ist die Ursache aller Probleme, der Grund warum alles gerade so teuer ist“, erklärt die 46-jährige Hasta Abdelkarim-Haran. Die letzte Regenzeit war schon schlecht; der Regen fiel selten und in unregelmäßigen Abständen. Für viele Familien reichte die Ernte nur wenige Tage oder Wochen, andere ernteten gar nichts. „Wir haben nichts mehr zu Essen. Wir werden sterben“ klagt die 30-jährige Makabahar Abdoulai.

Tiere verenden, die Lebensgrundlage wird ausgelöscht

Die seltenen Regenfälle schwächen auch viele Nutztiere. „Unsere Tiere verenden. Manche finden nichts mehr zu fressen und haben auch keine Kraft mehr, um nach Wasser zu suchen“, erzählt Hasta. Nach und nach haben die Menschen ihre Tiere, ihren wertvollsten Besitz, verkauft um von dem Erlös Lebensmittel zu kaufen.

Als Hasta und Makabahar von der CARE – Essensausgabe nach Hause kommen, werden sie von mehreren Nachbarn begrüßt, die die beiden um Getreide bitten. Es ist ein weiteres Zeichen für die verzweifelte Lage, in der die Menschen stecken. Fatima, die Mutter des kleinen Ibrahim, hat erst sehr spät von CAREs Lebensmittelausgabe gehört. Trotzdem hat sie es geschafft, sich rechtzeitig zu registrieren und die gleiche Ration zu erhalten. Nun ist sie in der Lage, ihre gesamte Familie für weitere sechs Wochen zu ernähren, wofür sie sonst alle ihre verbleibenden Ziegen verkaufen müsste.

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