Unsichtbarer Hunger

Statement von Heribert Scharrenbroich zur Ernährungskrise am Horn von Afrika

Statement Heribert Scharrenbroich
Vorsitzender CARE Deutschland-Luxemburg, Staatssekretär a.D.


CARE ist seit vielen Jahren mit Projekten der Entwicklungszusammenarbeit und der Nothilfe in den Ländern am Horn von Afrika präsent. Die alarmierenden Nachrichten unserer Länderbüros haben mich veranlasst, nach Äthiopien und Kenia zu reisen und mich vor Ort über die Lage und die Ursachen zu informieren und zu prüfen, welche Hilfen wir leisten können; die Informationen über die Lage in Somalia habe ich von unserem Somalia-Büro in Nairobi erhalten.

Alarmierend ist nicht nur die große Zahl von Menschen, die vor allem in Äthiopien und Somalia zumindest bis November nun zusätzlich von Hilfslieferungen total abhängig sind (4,6 Mio bzw. 2,6, Mio.) In Äthiopien sind 75.000 Kinder unter 5 Jahren unterernährt. OCHA spricht von 14 Millionen Menschen, die am Horn von Afrika Nahrungshilfe brauchen. Diese Situation wird sich bis November nicht ändern.

Alarmierend ist auch, dass diese Zahlen sich überwiegend auf die notleidende Bevölkerung in ländlichen Gebieten beziehen und dass die Hungersituation aufgrund der massiven Preissteigerung der Grundnahrungsmittel verschärft die Slums der Großstädte erreicht, was vor allem in Addis Abeba eine neue Dimension erreicht.

Kinder sind vielfach so geschwächt, dass sie die Schule nicht mehr besuchen können. Ich habe mit Müttern gesprochen, die ihren Kindern nur noch schichtweise zu essen geben können -  nur jeden zweiten oder dritten Tag. Aber diesen Hunger sieht man nicht. Wir haben keine Hungerbäuche bei Kindern und keine Tierkadaver, wie beispielsweise 2006 in Kenia, gesehen, aber die Lage verschlechtert sich dennoch.

Die Gründe für die jetzige Entwicklung sind eine einzige Anklage an die nationalen wie  internationalen Politiken, verlangen aber auch Korrekturen der Entwicklungszusammenarbeit wie der Humanitären Hilfseinsätze.

Die wichtigsten Gründe für die Situation sehe ich vor allem in:

1. Der Klimaentwicklung mit fast jährlichen Dürrekatastrophen (2005, 2006, 2008) in einzelnen Ländern bzw. weiten Landstrichen, gefolgt von riesigen Überschwemmungen. Weil der Viehbestand sich nach 2006 nicht genügend regenerieren konnte oder weil das Saatgut teilweise aufgegessen bzw. verfüttert wurde, wirkt sich die jetzige Dürre besonders dramatisch aus.


2. Inflationären Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln und Energie (Treibstoff), die zu Unterversorgung und Vernichtung von Kleingewerbe führen.


3. Politischen Spannungen, die Ernteausfälle, die Vernichtung von Existenzen und die  Erhöhung der Flüchtlingsströme zur Folge haben.

Hinzu kommen eine zunehmende Disproportionalität bei den Einkommen und dem Zugang zu Arbeit sowie ein Anwachsen der Bevölkerung, bei gleichzeitigem und unzureichendem Wachstum der Agrarproduktion.  


Nach dem hier Gesehenen halte ich es für unausweichlich, dass:

1. Die G-8 Beschlüsse zur Klimapolitik radikal revidiert werden. Mit vagen Zielangaben für das Jahr 2050 ist kein Staat zu machen; die Opferzahlen von Naturkatastrophen und die Zahl der „Wirtschaftsflüchtlinge“ nach Europa werden dramatisch zunehmen. Kurzfristig muss die Agrarproduktion in den Entwicklungsländern durch Beratung gefördert und nicht durch Agrarzölle oder Agrarsubventionen der Industriestaaten gefährdet werden. Dazu gehört ebenso eine Beratung für eine bessere Wasserbewirtschaftung, -förderung und -verteilung.

Spätestens auf der Kyoto-Nachfolgekonferenz müssen zehnjährige Etappenziele vereinbart werden.

2. Die Energie-Preispolitik der OPEC-Länder schadet den Entwicklungsländern noch mehr als den Industrieländern. Die steigenden Transportkosten von Nahrungsmitteln führen ebenso wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu Verarmung und Hunger. Die Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien ist überall zu fördern. Die Vernichtung von Anbauflächen für Nahrungsmittel durch Anbau von Pflanzen zur Produktion von Biosprit muss rückgängig gemacht werden.

3. Die überstaatlichen Organisationen müssen konsequent helfen, die Beachtung demokratischer Mindeststandards und Verwirklichung von Good Governance durchzusetzen. Staaten, die dem entgegen arbeiten, sind zu anzuprangern, vor allem wenn es sich um Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrates handelt.  Sie wirken wie Schutzpatrone von Verbrechern.

4. Die Entwicklungsländer sind zu fragen, wie sie in 25 Jahren eine Bevölkerung ernähren wollen, die dann – bei Fortsetzung des jetzigen Bevölkerungswachstums von 2,5 bis 2,8 % - etwa doppelt so groß ist wie die jetzige. Diese sensible Frage können die Industriestaaten nicht beantworten, aber die Frage muß gestellt und auch beantwortet werden.

Die Hilfswerke der Vereinten Nationen und alle im Kampf gegen Hunger und für Entwicklung tätigen Institutionen und NGOs kämpfen gegen Windmühlen, wenn die bisherige Politik der falschen oder halben Schritte fortgesetzt wird.