Unter den Honigsammlern

Roger Willemsen: Eindrücke von meiner Reise in die Nepal-Projekte von CARE

Nun sind wir wirklich in einer dieser Hanglandschaften im südlichen Terai Nepals angekommen, die man sich nicht nach wochenlangem Regen vorstellen darf. Die Holzhüttchen der Chepang-Familien haben oft keinen befestigten Boden, und der nächste Arzt ist weit. Ich befrage ein paar der Frauen nach ihrem täglichen Leben. Die meisten sind scheu und geben selbst dem Dolmetscher nur einsilbige Antworten. Die Mädchen dagegen wollen gefragt werden, und endlich finde ich auch eine junge Mutter, die keiner Frage ausweicht. Mag sie es, auf halber Höhe eines unwegsamen Berges nach traditionellem Muster zu leben? Nein, sie ginge so gerne in die Stadt, aber ihr Mann wolle nun einmal hier oben bleiben. War sie denn je in Kathmandu? Allerdings. Und ist sie je im Kino gewesen? Und ob. Ihr Lieblingsfilm? Sie nennt einen unbekannten Titel, erinnert sich aber genau, so schön war er. Und treffen sich die Frauen auch manchmal allein? Und ob! Und reden sie dann über Männer? Sie schüttet sich aus vor Lachen. Und ob. Frauen!

Wir wandern weiter und besuchen Prem Bahadur, Imker und Trainer der CARE-Partnerorganisation Shanti Griha. Er weiß sofort, wie er mich packen muss: beim Essen. Also wird der Bienenstock geöffnet – ein traditioneller Bienenstock in einem alten Baumstumpf – die Waben werden herausgenommen, abgeschabt und das Ganze verschwindet auf einem Blechteller in der Küche. Als es seinen Weg zurück zu mir findet, ist der Honig vom Wachs weitgehend befreit und mit ein paar Tropfen Limonensaft abgeschmeckt.

Ohne dem Imker zu sehr zu schmeicheln: besseren Honig habe ich nie gegessen. Da ist eine Würze, eine Raffinesse in der Süße, wenn man das sagen kann... Ich bekomme einen zweiten Teller voll, inzwischen wird mit dem Schlappen noch ein Feind der Bienenlarven erlegt, und der Imker rapportiert, dass seine, die wahren, echten, wilden Bienen besseren Honig gäben und keine Krankheiten kennten, jedenfalls nicht die unserer weichlichen westlichen Bienen, von deren Sterben ich ihm erzählte.

Wir erreichen das von CARE finanzierte Trainingszentrum in Shikharbasti. Auf unseren Besuch haben sich die Frauen natürlich lange vorbereitet. So tragen die Stickerinnen ihre Festtagsgewänder, alle prachtvoll und von eigener Hand gearbeitet. Ich kauere mich wie ein Koloss zwischen die Frauen und blicke ihnen über die Schulter. Das mag sie zwar einerseits einschüchtern, andererseits aber präsentieren sie nicht ohne Stolz, was sie können und was niemand von uns kann. Winzige Pailletten so auf einem breiten roten Sari verteilen, dass einen Monat später ein Festtagsgewand entstanden ist, in das ich dann doch auch reinpassen würde.

Verwickelte Umstände: Weil auf der großen Straße ein Kind angefahren wurde, und weil die Straße gesperrt ist, also niemand über Stunden passieren können wird, entschließen wir uns, umzukehren und einen unweit gelegenen Gebirgsort als Nachtquartier anzusteuern. Wir kommen dort auch wirklich an, finden – nach Umgehung von ein paar Hindernissen – dort auch wirklich Unterkunft und streifen durch den hübschen Ort.

Ein Junge spricht mich an, ein junger Mann mehr, in fließendem Englisch. Sein Vater ist behindert, der Sohn hat die Schule zwar absolviert, fühlt sich auch zu allem fähig, aber es gibt weder Arbeit noch Fortbildungsmöglichkeit. Er erzählt von der unlösbaren Schwierigkeit seiner Situation, und während ich noch frage und zu raten suche, ist plötzlich Monika Knapp da, die in ihrer zupackenden, am Praktischen orientierten Art gleich eine Arbeitsmöglichkeit bei Shanti Griha in Aussicht stellt, nein, nicht einfach eine bezahlte Arbeit, sondern eine, in der er sich selbst zu lernen helfen können wird. Er blickt uns fassungslos an, winkt uns, bis wir die Straßenecke erreicht haben und für einen Moment ist der Gedanke da, dass sich sein Leben gerade geändert haben könnte, weil wir eine Nacht abseits unserer Straße verbringen.