“Versetzen Sie sich in ihre Lage”

Interview mit Michael Adams, der seit zwei Jahren die Arbeit von CARE im Flüchtlingslager Dadaab leitet.

Wie hat sich die Situation seit Anfang des Jahres verändert?
Der große Unterschied ist einfach die Anzahl der neu ankommenden Flüchtlinge. Es ist schwer, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten, vor allem, weil viele Familien außerhalb der vorgesehenen Plätze campen. Dort haben sie schlechten Zugang zu Hilfsgütern.

Es ist schwer, sie schnell genug zu erreichen, um noch schlimmeres Leid zu verhindern. Nach 20 Jahren humanitärer Hilfe in den Camps werden CARE und andere Organisationen jetzt vor neue Probleme gestellt: Um den steigenden Bedarf an Hilfsgütern zu decken, müssen wir die Ressourcen, die wir haben, sehr stark strecken.


Was ist der Unterschied zwischen den Flüchtlingen die schon länger hier im Lager sind und denen, die gerade hier ankommen?

Die meisten Flüchtlinge hier haben sich schon etwas aufgebaut. Das ist normal. Die Menschen sitzen ja nicht für 20 Jahre einfach nur rum; Sie wollen weiterkommen im Leben. In jedem der drei Camps gibt es lebendige Märkte, wo man zum Beispiel sein Telefon für 25 kenianische Schilling an einem kleinen Generator aufladen kann. Sie finden dort ebenfalls einen Friseur oder einen Schneider.

Diejenigen, die ein bisschen Geld haben, kaufen Produkte von den lokalen Märkten in der Umgebung und verkaufen sie dann im Camp. Aber die neu ankommenden Flüchtlinge, die vor der Dürre, der Armut und der Instabilität in Somalia fliehen, kommen hier nur mit dem an, was sie am Leib tragen. Die Verteilung von Lebensmitteln, Wasser und Bereitstellung der Gesundheitsversorgung ist deswegen sehr wichtig, um ihr Überleben zu sichern.

Dass die Flüchtlinge, die hier schon länger leben, mithelfen, die neu Angekommen zu versorgen, zeigt, wie ernst und angespannt die Lage derzeit ist. Eine muslimische Vereinigung von Menschen, die hier im Lager leben, verteilt zum Beispiel Kleider und Schuhe am Aufnahmezelt, um die Arbeit der Hilfsorganisationen zu unterstützen. Das zu sehen macht wirklich Mut. Es zeigt, dass die Krise alle betrifft und dass Hilfe aus vielen verschiedenen Richtungen kommt.


Die Gebiete um das Flüchtlingslager leiden auch an der Dürre und an chronischer Armut. Wie können Sie bei der Hilfe das Gleichgewicht halten zwischen den Flüchtlingen und den Kenianern?

Das ist ein sehr ernstes Problem. Die Menschen außerhalb des Flüchtlingslagers brauchen ebenfalls dringend Unterstützung. CARE arbeitet seit Jahren in der Region und wir bauen unsere Nothilfe dort immer weiter aus, um auch den Menschen außerhalb des Lagers zu helfen. Wir haben aber einfach nicht die Kapazitäten, Lebensmittel und Wasser für alle bereitzustellen, die in der Nähe des Camps leben…

Die Hilfe für die Flüchtlinge bringt aber auch für die Menschen in der Umgebung Arbeit, Geschäfte und Aufträge. Die Bevölkerung im Gebiet um Dadaab ist in den letzten 20 Jahren von 30.000 Menschen auf mehr als 200.000 Menschen angewachsen. Das bedeutet, dass die Umwelt und die Ressourcen so stark strapaziert werden, dass sie sich nur sehr langsam wieder erholen werden.

CARE hat sich immer auch in den kenianischen Gemeinden engagiert. Die Unterstützung der Gemeinde umfasste die Wartung der Bohrlöcher sowie der Pumpen und Generatoren und die Reinigung des Wassers mit Chlor um Keime abzutöten. Wir haben Tränken für das Vieh und Klassenzimmer für die Kinder gebaut und Lehrer ausgebildet.

Aber wir müssen natürlich auch darüber nachdenken, wie die Hilfe nachhaltig sein kann, weil es in diesem Gebiet immer wieder zu Dürren kommen wird. Die Gemeinden müssen widerstandsfähiger werden und sich selber helfen können. Zum Beispiel mit finanziellen Hilfen, damit sie ihre eigenen Wassertrucks organisieren können, mit einer Ausbildung, damit sie selbst Bohrlöcher warten können oder mit Trainings zur Konfliktbewältigung. Aber das alles kostet Geld, und ohne die Bilder im Fernsehen und einen hohen Spendenfluß, haben die Hilfsorganisationen große Probleme, diese Maßnahmen zu finanzieren.

 


Was sind im Moment die größten Herausforderungen?

Bei der Lebensmittel- und Wasserverteilung haben das Welternährungsprogramm und CARE außerordentliche Arbeit geleistet. Jeder Flüchtling erhält durchschnittlich mehr als 500 Gramm Nahrung pro Tag und 15 Liter Wasser. Aber es ist immer noch schwierig, die Information zu verbreiten, wo und wie viel Lebensmittel und Wasser für die neu Angekommenen verfügbar sind.

Es kommen so viele Leute hierher, dass wir nicht wissen, woher sie kommen und wo sie bleiben werden. Als die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge noch beherrschbar war, war es noch klar, dass sie zum Aufnahmezelt müssen. Jetzt aber müssen wir dorthin gehen, wo die Menschen um das Lager herum wild campen und auf die Registrierung warten.

Diese Menschen bekommen Lebensmittel für 21 Tage und andere Hilfsgüter wie Wasserkanister, Decken, Kochgeschirr, Seife und andere Dinge. Wenn es aber länger als 21 Tage dauert, bis sie registriert sind, brauchen wir eine zweite Verteilungsrunde. Auch die Sicherheit von Frauen und Kindern zu gewähren ist ein sehr wichtiges Thema.

Helfen Sie CARE, die Menschen in Ostafrika zu unterstützen und spenden Sie hier!


Wie gewährleisten Sie, dass die Frauen im Camp sicher sind?

Wie in jeder Stadt dieser Größe können wir nicht für die Sicherheit der Frauen hier im Lager garantieren. Es gibt zu wenige Polizeibeamte pro Kopf und Camp. Frauen gehen meist nicht nach Sonnenuntergang außer Haus und am Tag gibt es Gemeindepatrouillen.

Stellen Sie sich eine 400.000-Einwohnerstadt ohne ausreichende Polizeipräsenz vor. Deswegen haben Flüchtlinge, die schon länger hier sind, Gemeindenetzwerke gegründet, die gut mit den religiösen und politischen Führungspersonen zusammenarbeiten.

CARE arbeitet direkt mit den Gemeinden und religiösen Zentren zusammen, damit die Menschen Informationen austauschen und Gewalt vorbeugen können. Wir bieten auch Kurse zum Konfliktmanagement an und unterstützen die bestehenden Gemeindestrukturen.

Zum Beispiel gibt es ein Überweisungssystem: Wenn sich eine Frau bedroht fühlt, kann sie zu einem CARE Büro gehen, dort Zuflucht suchen. Wir haben auch Beratungsstellen in den Polizeistationen eingerichtet. Wir wollen unser Engagement ausbauen. Derzeit kommt ein Berater auf ungefähr 30.000 Flüchtlinge.

 
Welche Themen sind no
ch wichtig, die Sie jedem, der sich für Dadaab interessiert, mitteilen möchten?

Stimmen aus meiner Heimat, die sagen, wir sollten hier nicht helfen, weil es so viel Korruption gibt, machen mich traurig. Die Menschen hier sind alle Flüchtlinge – sie wollen nicht hier sein. Sie wollen frei sein, das Camp zu verlassen, frei sein, um bessere Bildung zu bekommen, frei sein, um erfolgreich zu sein.

Obwohl es keinen Zaun um das Camp herum gibt, ist es ihnen nicht erlaubt, in Kenia zu arbeiten. Sie müssen hier in der Umgebung des Lagers bleiben.

Am schlimmsten ist der tägliche Kampf um die Würde. Versetzen Sie sich einmal in die Lage der Flüchtlinge: Sie müssen sich zweimal im Monat für Lebensmittel anstellen, seit 20 Jahren. Die Menschen hier sind sehr stolz. Vor ein paar Wochen wurde ich einem Flüchtling vorgestellt, der einmal für CARE in Somalia gearbeitet hat und hier in Kenia jetzt nicht legal arbeiten kann.

Wir können ihnen zwar keine legalen Jobs geben, aber jede Organisation arbeitet mit Flüchtlingen, die bei der Verteilung der Lebensmittel, bei Übersetzungen oder bei anderen Tätigkeiten helfen. Sie erhalten einen Lohn und können so ihre Familien unterstützen. Aber wie gesagt, das ist kein regulärerer Job.

Der Mann, der früher bei CARE gearbeitet hat, wäre mit seinen Fähigkeiten und seinem Wissen über CARE dafür qualifiziert, hier in unseren Programmen mitzuarbeiten. Aber wir können ihn nur als Hilfsarbeiter anstellen. Das ist eine der Grenzen, an die wir hier in Dadaab täglich stoßen.