Was tun vor dem Sturm?

Zum Internationalen Tag der Katastrophenvorsorge: Interview mit John Uniack Davis, Länderdirektor von CARE Madagaskar

Am 14. Oktober ist Internationaler Tag der Katastrophenvorsorge. Fluten, Wirbelstürme und andere Katastrophen zerstören jedes Jahr hunderttausende Existenzen. Gezielte Vorsorge kann Leben und die Lebensgrundlagen der Menschen retten. CARE arbeitet seit langem in der Katastrophenvorsorge, vor allem in Südostasien und Ostafrika.
John Uniack Davis ist der Länderdirektor von CARE Madagaskar. Der Inselstaat leidet regelmäßig unter schweren Wirbelstürmen und seit einigen Monaten unter einer anhaltenden Dürre. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie sich Gemeinden auf solche Katastrophen vorbereiten können.

Madagaskar ist bekannt für seine einzigartige Flora und Fauna und natürlich den gleichnamigen Film. Doch wie sieht die Realität für die Menschen auf Madagaskar aus?

Madagaskar ist reich an Kultur und Volksgruppen, und viele Arten von Pflanzen und Tieren gibt es wirklich nur auf dieser Insel. Sie ist aber auch geprägt von extremen Klimaunterschieden: Dürre im Süden, Wirbelstürme entlang der Ostküste. Diese Umstände und die Tatsache, dass der Großteil der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben muss, machen den Alltag für die Menschen besonders schwierig.

Wenn die Ostküste regelmäßig von Wirbelstürmen heimgesucht wird, stellt man sich natürlich automatisch die Frage: Warum wohnen die Menschen noch da?

Das ist eine interessante Frage und die Antwort findet sich in einem Paradox: die Gebiete der Insel, die am meisten von Wirbelstürmen und FLuten gefährdet sind, sind gleichzeitig die fruchtbarsten. Hier kann Reis angebaut werden, aber auch Vanille, Nelken und Litchis. Auch die Fischgründe an der Küste sind reichhaltig. Und dann gibt es natürlich auch persönliche Gründe für die Menschen: die Madagassen fühlen sich ihren Vorfahren stark verbunden. Migration ist deshalb keine Wahl, die einfach getroffen wird und die Menschen bemühen sich trotz aller Unwirtlichkeit, ihr Leben an der Ostküste zu führen.

"Disaster Risk Management", also das Management von Katastrophenrisiken ist ein sehr technischer Ausdruck. Was steckt genau dahinter?

Dieser Ausdruck steht für ein System, das Risiken, ihre Verbreitung, die Nothilfe, den Wiederaufbau und nachhaltige Entwicklung betrachtet. Um wirksam zu sein, muss Katastrophenvorsorge eine Schlüsselrolle in diesem Kreis spielen. Das Ziel ist es, kurz- und langfristig Unterstützung zu leisten, damit Menschen auch in unsicheren Gebieten leben können. Das grundlegende Prinzip des Managements von Katastrophenrisiken ist folgendes: Im Falle einer Katastrophe das Risiko für die Bevölkerung zu minimieren und ihnen die Widerstandsfähigkeit zu geben, ihr Leben danach schnell wieder aufzubauen. Dazu gehören eine Reihe von Aktivitäten: Die Gemeinden planen gemeinsam mit lokalen Behörden, Mangroven werden aufgeforstet, um natürlichen Schutz vor Fluten zu bieten, und es werden Sturmsichere Unterkünfte gebaut.

Wie funktionieren Frühwarnsysteme und welche Herausforderungen stellen sich für CARE, wenn ein solches System eingerichtet wird?

Ein wichtiger Teil des Frühwarnsystems ist es, die lokalen Kräfte aufzubauen, damit die Gemeinden selbst ihre Schwachpunkte identifizieren können. Mit Hilfe von gesammelten Daten und Erfahrungswerten können wir analysieren, welche Risiken besonders stark sind. Gemeindevorsteher treffen dann ihre Entscheidungen. Im Fall von Fluten und Wirbelstürmen wenden wir sehr praktische und einfache Systeme an, wie beispielsweise Markierungen, um den Wasserpegel zu beobachten. Die Gemeinden planen dann Evakuierungen anhand dieser Pegel. Auch das Radio spielt eine wichtige Rolle, so kann das Risiko eines Wirbelsturmes im Vorhinein schon erkannt werden. Das Internet bringt eine Reihe interessanter Herausforderungen für Frühwarnsysteme mit sich. Die Informationsflut lockt Radiostationen manchmal dazu, verfrühte Warnungen auszusprechen, die vom nationalen Wetterdienst nicht bestätigt sind. Das kann die Bevölkerung natürlich verwirren.
Nichtsdestotrotz haben nationale und lokale Behörden gemeinsam mit der Bevölkerung schon viel erreicht. Die größte Herausforderung ist im Moment, die finanziellen Mittel dafür aufzubringen, solche Systeme in allen Gebieten Madagaskars einzurichten, die unter Naturkatastrophen leiden.

Wie erfolgreich waren solche Strategien in den letzten Jahren? Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie dank der Vorbereitungen besser auf eine Naturkatastrophe reagiert wurde?

Katastrophenvorsorge ist dann wirksam, wenn die gesamte Bevölkerung daran teilnimmt und die Werkzeuge und Ansätze lokal koordiniert werden. Da muss noch viel getan werden, aber es gibt einige hoffnungsvolle Zeichen dafür, dass die Bemühungen der madagassischen Regierung, der Zivilgesellschaft und der internationalen Organisationen Früchte tragen. Als im April 2009 der Wirbelsturm Jade einbrach, waren die betroffenen Gemeinden schon mit der Analyse beschäftigt, als die Teams der Nothilfeorganisationen eintrafen. Das Engagement hat uns sehr beeindruckt und macht Hoffnung für die Zukunft.

Wie arbeiten Sie mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort zusammen? Gibt es eine Art "Best Practice" für Katastrophenvorsorge oder gemeinsame Untersuchungen, was funktioniert?

CARE Madagaskar ist Teil des sogenannten “Madagascar’s Humanitarian Country Team” unter Führung der Vereinten Nationen. Wir koordinieren unsere Arbeit und planen gemeinsam für den Fall von Naturkatastrophen. Wir arbeiten mit anderen Organisationen daran, Lebensmittel, Plastikplanen und andere Hilfsgüter zu lagern. Aber auch außerhalb von Madagaskar, in der Region des südlichen Afrikas gibt es Erfahrungsaustausch mit anderen Organisationen, die Katastrophenvorsorge betreiben. Das Büro für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) hat dafür ein Programm eingerichtet, das sich DIPECHO nennt. Mit Hilfe der EU, der USA und anderen Geldgebern gelingt es uns, Best Practices und Regeln auszutauschen und das Monitoring zu verbessern.

Es wäre unrealistisch von CARE in Madagaskar, zu glauben, dass wir nachhaltige Entwicklung fördern könnten, ohne Katastrophenvorsorge in alle Programme zu integrieren. Wir konzentrieren uns sehr darauf, auf allen Ebenen mit Partnern an der Vorsorge zu arbeiten und die Ergebnisse zu verbessern. Nur so kann das Leben derjenigen Madagassen geschützt werden, die in ihrem Lebensumfeld der Gefahr von Naturkatastrophen immer wieder ausgesetzt sind.