Weihnachten in Haiti: Nichts ist, wie es mal war

"Weine nicht, lieber Weihnachtsmann"

Von CARE-Mitarbeiterin Mildrède Béliard

Letztes Jahr an Weihnachten haben viele Familien in Haiti die Feiertage in ihren Häusern oder Wohnungen verbracht. Fürs neue Jahr haben sie sich Wohlstand, Erfolg und Sicherheit gewünscht. Die zweite Januarwoche hat für sie jedoch alles verändert.

Am 12. Januar 2010 hat die Erde 35 Sekunden lang gebebt und so Tod und Zerstörung über die Hauptstadt Port-au-Prince und die angrenzenden Gemeinden gebracht. Mehr als 220.000 Menschen sind gestorben, 1.5 Millionen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Wie viele andere in Haiti arbeitenden Hilfsorganisationen wurde auch CARE hart vom Erdbeben getroffen. Glücklicherweise wurden keine CARE-Mitarbeiter getötet.

Aber die insgesamt 133 CARE-Mitarbeiter in Haiti standen unter schwerem Schock, viele haben Freunde und Verwandte verloren, von ihren Häusern, ihrem Hab und Gut gar nicht erst zu sprechen. Trotz allem haben sie unter Hochdruck gearbeitet, und somit fast 300.000 Menschen allein in den ersten drei Monaten geholfen. Dieses Weihnachten ist es an der Zeit, durchzuatmen. Aber wie wird es wohl sein, inmitten all dieser Ruinen der Vergangenheit Weihnachten zu feiern?



Weine nicht, lieber Weihnachtsmann

Das Wetter ist schlecht, die Bäume sind kalt.
Es ist Heilige Nacht und
Die nassen Blätter haben den Weihnachtsmann weinen gesehen.
Für ein Lächeln von ihm haben sie versprochen
Dieses Gedicht an alle Kinder auf der Welt zu schicken.
An die ohne Haus und ohne Geschenke.
Mögen sie nächstes Weihnachten,
das Himmelblau in ihren Augen,
ihren Anteil Liebe in einer Welt von Geborgenheit finden.
Voller Wolken, mit dem Duft der Glückseligkeit,
Vögel aller Farben,
picken in ihren kleinen Herzen.
Weine nicht, lieber Weihnachtsmann,
wir lieben dich doch sehr!


Michaelle Aubry, CARE-Mitarbeiterin


Die Weihnachtsferien rücken näher. Zögernd beginnen Einkaufsläden, öffentliche Gebäude und kleine Unternehmen, die vom Erdbeben verschont blieben, Weihnachtsdekoration aufzuhängen. Auch CARE hat einen Weihnachtsbaum aufgestellt, der aber nur spärlich dekoriert ist. Michaelle Aubry, die für CARE arbeitet, hat den Baum mitgebracht. Er soll daran erinnern, dass es die Zeit der Liebe, der Hochherzigkeit und Feiern ist.

Weihnachten zu feiern – das bedeutet nicht für alle CARE-Mitarbeiter dasselbe. „Ich werde Weihnachten mit meinem Freund verbringen. Wir wollen das Leben preisen, denn wer weiß schon, was nächstes Jahr kommen wird“, sagt Rachelle. „Ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein, mit unserem Lieblingsessen und schöner Musik. Wir müssen das Leben feiern und genießen“, sagt Jean Reynold.

„In meiner Nachbarschaft haben wir zusammengelegt, damit wir eine kleine Feier organisieren können“, erzählt Syndie. Michaelle und Lissa werden beide Weihnachten nicht in Haiti verbringen. Sie wollen bei ihren Kindern sein, die nach dem Erdbeben das Land verlassen mussten. „Ich würde sie so gerne wieder bei mir haben. Aber was würde ich ihnen damit zumuten? Sie sind so traumatisiert durch das Erdbeben und versuchen immer noch, sich an ihr neues Zuhause zu gewöhnen“, sagt Lissa. „Jetzt ist auch noch die Cholera ausgebrochen, soziale und politische Unruhen, und vor allem gibt es kaum mehr einen Ort, an dem man richtig entspannen kann.“

Viele CARE-Mitarbeiter werden Weihnachten außerhalb der Hauptstadt Port-au-Prince verbringen. Sie möchten ihre Familie treffen, zusammen essen und traditionell um Mitternacht beten. Andere wiederum nehmen an Weihnachten an Tanzabenden teil, oder an Konzerten. Aber die Mehrheit der Haitianer verbringt Heiligabend in der Kirche, einem Tempel der Freimaurer oder in einem Voodoo-Tempel. Und jeder von ihnen hat einen anderen Grund.

„Ich gehe am Heiligabend in die Kirche. Dieses Jahr werde ich vor allem für die Cholerakranken beten. Wir sind ein freundliches Volk, wir mögen Berührungen, Händeschütteln, Umarmungen, trinken vom selben Glas oder aus derselben Flasche. All diese Sachen zu tun, davor haben wir seit Ausbruch der Epidemie Angst“, sagt Roseline. Auch Sonia wird in die Kirche gehen. Sie will für die Kranken, die Obdachlosen, die Armen und vor allem für den Frieden in Haiti beten.

„Ich will definitiv meiner Ahnen gedenken, die für die Unabhängigkeit und das Schicksal unseres Landes gekämpft haben“, sagt Julio, ein Freimaurer. „Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Neubeginne. In der Voodoo-Religion organisieren wir Rituale, in denen wir uns von allem Überflüssigem trennen, für einen Start in ein neues Jahr“, sagt ein anderer.

Aber unter den Mitarbeitern sind auch einige, die immer noch von der Katastrophe am 12. Januar schwer gezeichnet sind und deswegen gar nicht feiern werden. Ein Kollege sagt: „Ich kann noch nicht mal Weihnachtslieder im Radio hören. Am 12. Januar habe ich meinen viereinhalbjährigen Sohn verloren, meine zwei Nichten. Die eine war drei, die andere zwei Jahre alt. Auch meine Mutter und meine zwei Tanten sind gestorben. Sie sind alle in meinem Haus gestorben, ein paar Meter von mir entfernt. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Ich weiß wirklich nicht, was ich zu feiern hätte…“

Auch Anne-Marie wird Weihnachten nicht feiern. Sie weiß, dass sie dankbar dafür sein kann, dass sie noch am Leben ist. Aber sie sieht auch das Chaos, und das Leid um sie herum. „Ich habe etwas zu essen, ein Dach über den Köpfen meiner Kinder. Viele andere hatten nicht so viel Glück, wie viele können so ein Privileg schon genießen? Ich will versuchen, zumindest ein bisschen was an so viele Menschen wie möglich zu geben, auch wenn meine Mittel sehr beschränkt sind.“

Andere, wie zum Beispiel Genevieve haben alle Hände voll zu tun, Freizeitmöglichkeiten für Jung und Alt in Kirchen zu schaffen. Lucien hält sich an sein Versprechen und organisiert eine kleine Party für seine Kinder, damit sie die schrecklichen Erinnerungen an das Erdbeben aus ihren Köpfen bekommen. Gregory, der Fahrer, muss am 24. arbeiten, wie auch viele Sicherheitsbeamte.

Auch wenn sie alle Weihnachten anders verbringen, ihre Wünsche sind fast immer dieselben: Sie wünschen sich ein besseres Haiti, Frieden, bessere Lebensbedingungen für die ärmsten und am meisten betroffenen Menschen, politische und wirtschaftliche Stabilität, eine Regierung, auf die man sich verlassen kann, und dass ihre Brüder und Schwestern nicht mehr an der Cholera sterben.

2011? Wir werden sehr vorsichtig sein, bevor wir neue große Pläne machen. Denn man weiß nie, was die Zukunft bringt!