Welttag gegen Kinderarbeit: „Ich vermisse meinen besten Freund“

Hani ist 11 Jahre alt und syrischer Flüchtling. Seit zwei Wochen arbeitet er in einem Gemüseladen in Mafraq, im Norden Jordaniens.

Eine geschäftige Straße in Mafraq, einer Stadt im Norden Jordaniens. Händler schieben ihre Waren in Schubkarren und Wagen über die Straße, Autos drängeln sich an den Marktständen vorbei und wirbeln Staub und Sand auf. Mafraq liegt etwa 30 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, mitten in der Wüste. In den letzten drei Jahren hat sich hier die Bevölkerungszahl verdoppelt – mehr als 150.000 Syrer haben hier mittlerweile Zuflucht gefunden. Man muss genau hingucken, um Hani hinter den Tomaten, Bananen, Wassermelonen und Pfirsichen, die in Kästen auf einem langen Tisch gestapelt sind, zu entdecken. Hani ist 11 Jahre alt und hat gerade seine ersten zwei Wochen Arbeit hinter sich. Von morgens um acht bis abends um acht schleppt er Kisten voller Gemüse und Obst, um die Stände wieder zu füllen. „Am Anfang konnte er nur ein paar Kilo heben, mittlerweile schafft er bis zu zehn“, erklärt Omar, sein Chef. Am Anfang, das war zwei Wochen nach dem Hani mit seinen Eltern, seinen fünf Schwestern und weiteren Familienmitgliedern aus Homs geflohen ist. Hani ist etwa 1,50 Meter groß und hat Arme und Beine wie Streichhölzer. „Als er hier anfing, war er viel dünner. Er bestand eigentlich nur aus Haut“, sagt Omar.

Die letzten zwei Jahre waren ein Alptraum

Hani selbst sagt nicht viel. Er sitzt auf einer durchlöcherten, grünen Gemüsekiste und zupft Styropor aus einer Verpackung. Seine großen brauen Augen starren auf die weißen Flocken, die auf den Boden fallen. Sein Vater Hamid hat seine Hand auf den Kopf seines Sohnes gelegt. „Die letzten drei Monate in Homs hatten wir nichts zu essen. Wir haben Essensreste auf der Straße aufgesammelt und manchmal aus den Mülltonnen weggeworfenes Essen herausgekramt.“ Die letzten zwei Jahre waren ein Alptraum, erklärt der Vater. Erst wurde ihr Haus ausgeraubt, dann wurde Feuer gelegt. Trotzdem blieb die Familie. „Ich habe hart gearbeitet für unser Haus. Ich dachte, es würde besser werden. Ich wollte nicht gehen, ich wollte zu Hause bleiben“, sagt Hamid. Doch dann wurde das Haus von einer Bombe getroffen, und die Familie floh. Elf Tage lang sind sie gelaufen, von Homs zur jordanischen Grenze. Sie haben sich hinter Bäumen versteckt und mussten mitansehen, wie zwei Onkel entführt und ihre Tante vergewaltigt und dann erschossen wurde.

"Ich schäme mich so sehr, dass mein Kind arbeiten muss"

Während sein Vater und sein Chef erzählen, preist plötzlich einer von Hanis erwachsenen Kollegen laut seine Tomaten an. Hani fängt an zu zittern, sein ganzer kleiner, dürrer Körper bebt. „Hani kann sich an nichts erinnern außer an den Krieg. Er braucht dringend psychologische Hilfe.“ Die letzten Jahre war sein Leben von Bomben, Schüssen, Feuer und Angst bestimmt. Hani verfällt aus seiner Schockstarre und widerspricht. Er würde sich auch an den Bauernhof vom Großvater erinnern und wie er dort auf der Wiese gespielt hat, zwischen Kühen und Schafen. Sein Gesicht hellt sich kurzfristig auf, sein Vater streichelt ihm über dem Kopf. Tränen stehen in seinen Augen. „Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich schäme mich so sehr, dass mein Kind arbeiten muss. Ich selbst finde keine Arbeit, ich darf in Jordanien nicht legal arbeiten und ich habe Angst, nach Syrien zurückgeschickt zu werden. Mit Kindern wird milder umgegangen. Aber ich weiche keine Sekunde von der Seite meines Sohnes und versuche soviel zu helfen, wie ich kann.“ Hani mag den Job ganz gerne, aber er ist müde, wenn er nach zwölf Stunden Arbeit zurück  nach Hause kommt, in das kleine schimmelige Zimmer, das er sich mit seinen fünf Schwestern und seinen Eltern teilt. Die etwa zwei Euro, die er am Tag verdient, verwendet die Familie für Nahrungsmittel und die Miete. Hani selbst hat nur einen Traum: „Ich möchte wieder zurück. Ich vermisse meinen besten Freund und meine Playstation. Ich möchte wieder zur Schule gehen, damit ich Ingenieur werden und Homs wieder aufbauen kann.