Wenn der Boden unter den Füßen wegbricht

Augenzeugenbericht aus der Erdbebenregion Pakistan

CARE Pakistan-Länderdirektor Hasan Mazumdar reiste mit einem Nothilfeteam bereits kurze Zeit nach dem ersten Beben am 29. Oktober in die Region von Quetta, um den Hilfsbedarf zu ermitteln.

„Als wir das Dorf Wam erreichen, sehen wir 60 oder auch 70 Tote, die am Straßenrand aufgereiht liegen. Sie wurden von ihren Familien in Tücher und Decken gewickelt und für die Bestattung vorbereitet. Unter den Toten sind viele Kinder. Es ist furchtbar, die vielen toten Körper zu sehen. Ein erstes Massengrab sei erst am Morgen geschlossen worden, so berichten die Dorfbewohner. Insgesamt, so berichten die Dorfbewohner, seien fast 200 Menschen bei dem Erdbeben ums Leben gekommen. Wam ist eines der am schlimmsten betroffenen Dörfer. Es lag im Epizentrum des Erdbebens. Mehr als 20.000 Menschen sind insgesamt in der Region betroffen.“

„Ein Mann aus Wam schilderte mir, dass er durch das Erdbeben seine vier Töchter verloren habe. Sie alle schliefen im selben Raum, als die Erde zu beben begann. Er nahm mich mit zu den Überresten seines Hauses und zeigte mir den Ort, an dem seine Töchter starben. Nach dem Beben barg der Vater die toten Körper seiner Töchter und begrub sie neben all den anderen Opfern in einem Massengrab. Die Regierung entsandte zwei Totengräber, um weitere Massengräber auszuheben.“

„Während das CARE-Nothilfeteam die Lage in Wam sondiert, kommen immer wieder offene Lieferwagen mit Leichen auf der Ladefläche an. Die Menschen sind traumatisiert und es herrscht trauriges Schweigen unter ihnen. Sie sind schockiert über das Ausmaß der Naturkatastrophe. Noch ist nicht absehbar, wie viele Tote das Erdbeben forderte.“

„Es ist kalt hier und der Wind ist eisig. In der letzten Nacht fielen die Temperaturen bis unter den Gefrierpunkt. Während wir der Bestattung der Erdbebenopfer zuschauen, bebt die Erde erneut. Das Nachbeben ist so stark, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Um mich herum schreien Menschen. Große Felsbrocken stürzen von den Berganhöhen herab. So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt. Wir alle hatten das Gefühl, der Boden breche unter unseren Füßen weg. Wir hören ein bedrohliches Grollen und mein Blick geht zu den Berggipfeln hinauf. Mehrere Lawinen stürzten zu Tal.“

„Das Beben lässt nach einigen Minuten nach, doch mit den Folgen werden die Menschen noch lange zu kämpfen haben. In Wam steht kein Stein mehr auf dem anderen. Viele Familien haben ihr Obdach verloren. Von ihren Hütten sind lediglich Schutthaufen und die Dächer aus Blech übrig geblieben. Selbst kleine Kinder sitzen ohne Schutz im Freien als es beginnt, dunkel und kälter zu werden. Einige von ihnen haben noch nicht einmal eine Decke, um sich einzuwickeln. Ich weiß nicht, wie sie die nächsten Tage überstehen.“

„Die pakistanische Regierung hat gleich nach dem Beben begonnen, die Verletzten in das Krankenhaus der nahegelegenen Stadt Quetta zu bringen. Die Armee half beim Aufbau von Notunterkünften und verteilt Hilfsgüter. CARE hat damit begonnen 500 Zelte bereitzustellen, um den Familien ein provisorisches Dach über dem Kopf zu geben. Außerdem verteilen CARE-Mitarbeiter Hygiene-Artikel sowie Kochutensilien an die Überlebenden. Doch der Zugang in die abgelegenen Region Beluchistan ist immer noch schwierig. Straßen und Brücken sind durch das Beben zerstört.“

„Ein älterer Mann, der bereits die Erdbeben von 1935 und 1979 überlebt hat, berichtete mir, dass das jüngste Beben viel stärker als die beiden anderen gewesen sei. Er deutet auf die Risse im Boden und betont, dass so etwas zuvor noch nicht passiert sei. Seit den Erschütterungen am 29. Oktober, gab es bereits mehr als 20 Nachbeben. Noch immer haben die Menschen Angst – die Erde unter ihren Füssen bleibt instabil. Für mich ist diese Erfahrung das Traurigste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.“