“Wir brauchen Antworten”

Interview mit Charles Ehrhart, Klimakoordinator von CARE International

CARE hat zusammen mit dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS), dem International Earth Science Information Network (CIESIN) der Columbia Universität, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) und der Weltbank die Studie „Obdach gesucht. Auswirkungen des Klimawandels auf Migration und Vertreibung“ verfasst. Die Studie basiert in Teilen auf einem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt der Europäischen Kommission (Environmental Change and Forced Migration Scenarios; EACH-FOR) und wurde am 10. Juni in Bonn im Rahmen der Klimaverhandlungen vorgestellt. Charles Ehrhart ist einer der Autoren.

 

Herr Ehrhart, Sie sind einer der Autoren der aktuellen Studie. Was sind deren Hauptaussagen?

Die Aussagen richten sich vor allem an politische Entscheidungsträger, und sie beinhalten drei wesentliche Schlagworte: Vorsorge, Reduzierung und Management von Migration. Die Diskussionen, die hier in Bonn geführt werden, sollten darauf abzielen, den gefährlichen Klimawandel aufzuhalten. In anderen Worten: Wir müssen verhindern, dass Menschen aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen. Das muss oberste Priorität haben. Zweitens müssen wir Migration reduzieren. Wir müssen endlich alle anerkennen, dass wir es zu lange aufgeschoben haben, Emissionen nennenswert zu senken – und somit der Klimawandel unvermeidbar ist. Es ist also essentiell, dass wir den Menschen dabei helfen, sich an verändernde Klimabedingungen anzupassen. Wir hoffen, dass die Studie dazu beiträgt, politische Entscheidungsträger von dieser Notwendigkeit zu überzeugen.
Die letzte Aussage der Studie betrifft das Management von Migration. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir ganz klar eine klimabedingte Migration beobachten. Wir müssen auf sowohl internationaler als auch nationaler Ebene Managementstrategien entwickeln, um auf diese Veränderungen zu reagieren. Das beinhaltet neue Organisationsstrukturen und Gesetze, die sicherstellen, dass die Klimaflüchtlinge in Würde und in Sicherheit umsiedeln können.

Welchen Einfluss wird diese Studie auf die Klima-Verhandlungen in Bonn haben?

Wir erwarten zwei unterschiedliche Auswirkungen: Wir hoffen zum einen, dass wir die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger und anderer Akteure auf die Notwendigkeit des Schutzes besonders betroffener Menschen – insbesondere Klimaflüchtlinge –  lenken werden.  
Zum anderen hoffen wir, das Bewusstsein und Verständnis für die Situation zu schärfen. Seit fast einem Jahrzehnt ist das Phänomen umweltbedingter Migration und Vertreibung bekannt. Eine Reihe von Begriffen wurde bereits geprägt. Die meisten von ihnen sind leider nicht präzise, vor allem aus einer rechtlichen Perspektive sind sie problematisch. Während sich viele Menschen dieses Problems zwar bewusst sind, sehen sie es dennoch nicht differenziert genug. Wir glauben, dass unsere Studie substantiell zum Verständnis dieses Themas beiträgt. Die Resonanz, die wir bisher auf die Studie bekommen haben, spricht sehr dafür, dass wir unser Ziel bisher größtenteils erreicht haben.
Wir hoffen jedoch noch etwas anderes: Im Moment verhandeln die Parteien des UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change, Anm. der Red.) in Bonn den Vertragsentwurf, der Grundlage für die Verhandlungen im Dezember in Kopenhagen sein wird. CARE hat einen Entwurf betreffend klimabedingter Migration in die Verhandlungen eingebracht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unsere Anregungen in die Verhandlungen aktiv integriert werden. Für uns ist das natürlich sehr ermutigend, allerdings ist es nur ein Anfang. Wir müssen sicherstellen, dass das finale Abkommen im Dezember unseren Ansatz beinhaltet. Ich hoffe,  dass die rechtzeitige Veröffentlichung der Studie die Schwerpunktsetzung der politischen Entscheidungsträger beeinflusst und ihnen vor Augen führt, wo besonderer Handlungsbedarf besteht: Bei den am meisten vom Klimawandel betroffenen Menschen.

Welches Ergebnis wünschen Sie sich von den Verhandlungen in Bonn und Kopenhagen?

Wir möchten, dass am Ende der Verhandlungen ein Abkommen steht, das die Bedürfnisse der besonders verwundbaren Menschen, vor allem der Klimaflüchtlinge, adressiert. In Kopenhagen muss ein finales Abkommen vereinbart werden, das auch aus seiner sozialen Perspektive akzeptabel ist und sich an den von der Wissenschaft erzielten Ergebnissen orientiert. Eine unserer größten Sorgen ist, dass die Diskussionen sich zu stark auf die Verringerung von Emissionen fokussieren.

In der Studie schreiben Sie, dass Ausmaß und Umfang der klimabedingten Migration alle negativen Erwartungen übertreffen wird. Wer und welche Regionen werden davon besonders betroffen sein?

In manchen Regionen wird die gesamte Bevölkerung unter größeren Umweltbelastungen leben. In Zentralamerika beispielsweise werden Trockenzeiten hereinbrechen. Während dabei zwar die gesamte Region betroffen sein wird, hat es nicht für jeden unmittelbare Auswirkungen. Innerhalb dieser Region wird es immer noch Orte geben, an denen die Folgen des Klimawandels weniger schwerwiegend sein werden. Genau in diesen Gebieten werden die Menschen versuchen, zu leben. Es ist zu erwarten, dass die reicheren Menschen diese Zufluchtsorte für sich beanspruchen und ärmere Menschen in risikoreichere Gegenden verdrängen. Reichere Landbesitzer nehmen bereits heute die sicheren Teile ihres Landes in Anspruch. Es sind die armen Familien die an Orden wohnen, die besonders häufig von starken Stürmen oder Orkanen heimgesucht werden. Die Sahelzone sowie das südliche und südwestliche Afrika sind neben Zentralamerika weitere Krisenherde. Auch in Asien werden Menschen sich gezwungen sehen, vor schmelzenden Gletschern zu fliehen. Alle Bewohner dieser Regionen werden unter den Veränderungen leiden. Doch der größte Druck wird auf den ärmsten sozialen Gruppen liegen.

Gibt es denn bereits klimabedingte Migration oder ist das ein Zukunftsszenario?

Die Studie basiert auf Forschungsarbeiten des EACH-FOR, einem groß angelegten sozialen Projekt, das von der EU finanziert wurde. Auf fünf Kontinenten wurden mit mehr als 2.000 Menschen Interviews geführt. Wir haben mit vielen Familien gesprochen, die aufgrund negativer Auswirkungen des Klimawandels bereits ihr Zuhause verlassen mussten. Wir sehen dies als ein eindeutiges Signal: Der Klimawandel veranlasst bereits heute die Menschen dazu, sich an einem anderen Ort niederzulassen. Ich bin mir sicher, dass dies in Zukunft noch verstärkt wird.

Wohin wandern die Klimaflüchtlinge ab?

Die meisten Menschen, die abwandern werden, sind arm. Sie haben daher wenige Möglichkeiten, weit zu reisen. Sie werden innerhalb ihrer eigenen Länder umsiedeln. Manche werden in der gleichen Region bleiben, eventuell in angrenzende Länder ziehen. Ein eher kleiner Teil wird auf einem anderen Kontinent Zuflucht suchen, zum Beispiel von Zentralamerika nach Nordamerika, oder von Afrika nach Europa emigrieren. Vorwiegend werden wir jedoch ein Migrationsmuster beobachten, bei dem Menschen aus ländlichen Regionen in die Städte ziehen. Sie lassen ihr bäuerliches Leben hinter sich und versuchen, in den Städten Arbeit zu finden, die nicht von Wetterbedingungen abhängig ist.

Welche Folgen werden diese Veränderungen für bereits dicht bevölkerte Gegenden haben?

Millionenstädte wachsen in vielen Teilen der Welt, die Einwohnerzahlen steigen rapide. Das größte Problem hierbei ist, dass die städtischen Behörden nicht mehr in der Lage sind, die alle Bewohner zu versorgen und die wichtigsten sozialen Dienste bereitzustellen. Die Menschen, die in die Städte abwandern, versuchen, in diesen Systemen ihren Platz zu finden. Ob im Bildungs- oder Gesundheitssystem: die Metropolen werden immer größeren Belastungen ausgesetzt sein.

Werden die USA und Europa sich in nächster Zukunft auf Klimaflüchtlinge einstellen müssen?

Viele der Einwanderer der USA oder Europas haben ihre Heimat auch aufgrund des Klimawandels verlassen. Ich glaube jedoch nicht, dass riesige Flüchtlingswellen die USA oder Europa überschwemmen werden. Die betroffenen Menschen haben kein Geld, um so weit zu reisen. Ich glaube, die Länder des Nordens sollten sich im Wesentlichen mit dem Klimawandel beschäftigen, sich auf die Veränderungen vorbereiten und Wege finden, den betroffenen Menschen zu helfen.

Was bedeutet das für die Arbeit von CARE? Wie bereiten Sie sich darauf vor, den Menschen, die umsiedeln müssen, zu helfen?

CARE muss den betroffenen Menschen vor allem dabei helfen, ihre Lebensgrundlagen zu stärken. Migration darf nur eine Wahl und kein Zwang sein. Das schlimmste Szenario wäre, dass die Menschen dazu gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen, wenn bereits ihr ganzes Hab und Gut, ihr Kapital, ihre Sachgegenstände und ihre Häuser zerstört sind. Wir müssen begreifen, dass selbst wenn alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, eine wachsende Zahl an Menschen von ihren Heimatorten wegziehen wird. Ich denke, dass humanitäre Organisationen dazu verpflichtet sind, dies in ihre Pläne mit einzubeziehen und sich Gedanken darüber machen, wie sie die Menschen am besten unterstützen können.

Können Sie das an ein paar Beispielen illustrieren?

Es gibt zwei verschiedene Formen der Migration: kurzfristige und langfristige Migration. Erstere wird vor allem durch Naturkatastrophen wie Orkane, Fluten und Dürren ausgelöst. Diese Art der Migration kann reduziert werden, indem wir die Gemeinschaften beim Katastrophenschutze unterstützen. Langfristige Migration wird vor allem dadurch ausgelöst, dass sich der Lebensstandard von Menschen dauerhaft verschlechtert.
CARE hilft zum Beispiel pastoralen Gesellschaften am Horn von Afrika: Wir geben ihnen den Rat, Tiere zu halten, die Dürrezeiten besser durchhalten können. In Südasien unterstützen wir Menschen dabei, Reissorten anzubauen, die bei Klimaschwankungen resistenter sind. Ein anderes Beispiel ist Malawi: Dort arbeiten wir mit Bauern zusammen und raten ihnen, keinen Mais mehr anzubauen. Dieser ist besonders angreifbar bei Fluten oder Dürren. Anderes Saatgut ist hier flexibler.

Herr Ehrhart, Sie leben selbst seit vielen Jahren in Afrika, reisen ständig durch die Welt. Und lernen dabei viele Menschen kennen, die unmittelbar vom Klimawandel betroffen sind. Wie erleben diese Menschen den Klimawandel?

Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis in Vietnam, das mir besonders stark in Erinnerung blebt: Ich besuchte eine Gemeinde, die vor vier Jahren von einem Wirbelsturm verwüstet wurde. Es hat mich sehr betroffen, dass die Menschen dort überhaupt nicht auf diese Naturkatastrophe vorbereitet waren, weil sie zu einer Jahreszeit eintraf, in der man hiermit nicht hätte rechnen können. Der Wirbelsturm was außerdem viel stärker als sonst war. Innerhalb von zehn Jahren war dies bereits der zweite Wirbelsturm, der diese Menschen erschütterte.  Sie sagten mir, dass sie diese Ereignisse als Folgen des Klimawandels betrachten. Als sie mir ihre Felder zeigten, sah ich Mais und einige Reispflanzen. Der Mais war jedoch völlig verkümmert. Die Menschen pflanzten ihn allein, um damit ihre Schweine zu füttern. Der Grund für den unterentwickelten Mais war das salzige Meerwasser, welches im Zuge des Wirbelsturms die Felder überschwemmte. Die Saat wurde zerstört, der Boden versalzen. Die Flutwelle des Sturms hat die landwirtschaftliche Produktion für die nachfolgenden Saisons stark beeinträchtigt. Doch ich fragte mich: Warum sind keine Männer hier? Die Frauen berichteten erklärten es mir: Durch die Versalzung des Bodens verloren sie ihre Einkunft. Die Männer mussten daher anderswo Arbeit finden. Ihre Frauen sind sehr einsam – denn sie müssen nun für mindestens sechs Monate im Jahr alleine leben.