„Wir müssen Bewusstsein für mehr Schutz und Sicherheit schaffen”

Der Welttag der humanitären Hilfe erinnert an den Anschlag auf den Hauptsitz der Vereinten Nationen in Bagdad am 19. August 2003. 22 Personen starben an diesem Tag – unter ihnen der UN-Gesandte Sergio Vieira de Mello. Der Welttag der humanitären Hilfe gedenkt all denjenigen, die als humanitäre Helfer ihr Leben verloren haben und dankt allen Helfern, die Hilfe und Unterstützung leisten.

Barry Steyn, verantwortlich für den Bereich Sicherheit bei CARE, über Sicherheitsherausforderungen für humanitäre Helfer. 

Sind humanitäre Helfer heute mehr Sicherheitsrisiken ausgesetzt als vor zehn Jahren?

Im Vergleich zu den letzten zwanzig, dreißig Jahren und vor allem zum letzten Jahrzehnt haben sich die Risiken für Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen sehr verändert. Früher wurden sie sehr gut und offen aufgenommen und ihre Arbeit wurde geschätzt. Heutzutage werden sie leider viel zu schnell nach ihrem Namen und ihrer Herkunft beurteilt und nicht für das, was sie tatsächlich vor Ort leisten. NROs werden als Außenseiter angesehen, da sie eine fremde Kultur repräsentieren, die als Bedrohung für die Dorfgemeinschaften angesehen wird.

In den letzten zehn Jahren stieg die Anzahl der Überfälle und Todesfälle beträchtlich. Nach 2009 konnte ein Rückgang solcher Zwischenfälle verzeichnet werden. Das lag aber nicht daran, dass es weniger Risiken gab. Vielmehr gab es weniger internationale Helfer vor Ort in den gefährlichen Gebieten. Die Statistiken beziehen sich stets auf Regionen wie Darfur, Somalia, Sudan und Afghanistan. Dorthin wurden, aufgrund hoher Sicherheitsrisiken, aber in den letzten Jahren deutlich weniger humanitäre Helfer gesendet.

Welche Strategien werden entwickelt, um dem erhöhten Risiko für humanitäre Helfer zu begegnen?

Man unterscheidet zwischen drei klassischen Strategien: Akzeptanz, Schutz und Abschreckung. CARE strebt die Akzeptanz-Strategie an. Lokale Dorfgemeinschaften müssen verstehen, dass CARE vor Ort ist, um zu helfen. Sie nehmen aktiv Teil an unserer Arbeit, unterstützen uns und beschützen uns oftmals vor Bedrohungen. Jedoch funktioniert diese Strategie nicht immer und überall, so dass wir unseren Ansatz weiterentwickeln mussten um negativen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Unter der Strategie des Schutzes versteht man Schutzmaßnahmen, Policen und Verfahren, die erreichen sollen, so dass unsere Kollegen vor Ort weniger verwundbar sind.
Die Strategie der Abschreckung beinhaltet etwa, dass bewaffnete Wachleute unsere Mitarbeiter, Programme und Güter ständig begleiten.

Betrachtet man die aktuelle Situation genau, erkennt man im letzten Jahrzehnt einen massiven Anstieg an öffentlicher Aufmerksamkeit und  Investitionen im Bereich Schutz und Sicherheit.

Welche Gefahren drohen den humanitären Helfern im Moment?

In den letzten zwei Jahren mussten wir leider einen kontinuierlichen Anstieg an ernsten Zwischenfällen verzeichnen, wobei vor allem Entführungen und Tötungen zunahmen. Eine hohe Anzahl an humanitären Helfern wurde entführt, sei es aus politischen und ideologischen Gründen oder aufgrund der Tatsache, dass humanitäre Helfer inzwischen in vielen Teilen der Welt wie finanzielle Produkte behandelt werden.

Oft wird über die Sicherheit von internationalen Mitarbeitern gesprochen, jedoch sind 90 Prozent der humanitären Helfer nationales Personal. Der Anteil von lokalen Mitarbeitern, die Entführungen oder Morden zum Opfer fallen, ist deutlich größer. Jeder besitzt ein Risikoprofil, da die verschiedenen Risikotypen durchaus unterschiedlich sein können. Die Art und der Grad des Risikos richten sich nach Geschlecht, Nationalität, Herkunft und Religion. Wir müssen jedes Mitarbeiterprofil genau betrachten um zu analysieren, welches Risiko sie wann und an welchem Ort treffen könnte.

Was muss die humanitäre Gemeinschaft tun, um die Mitarbeiter zu schützen?

Wir entwickeln unsere Sicherheitsstrategie ständig weiter und konnten schon deutliche Fortschritte machen. Trotzdem müssen wir weiterhin eine Kultur entwickeln, in der Schutz und Sicherheit einen hohen Stellenwert haben. Wir müssen weiterhin viel in Sicherheit investieren und der Sicherheitsproblematik einen sehr hohen Stellenwert einräumen.

Am wichtigsten ist jedoch, dass wir unseren Ansatz der Akzeptanz nicht vergessen, während wir natürlich auch andere Strategien ergänzend anwenden. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass wir das, was wir tun, nicht für uns tun. Wir tun es, um den Menschen zu helfen, mit denen wir zusammenarbeiten.