"Wir schämen uns so"

Berichte aus einem Flüchtlingscamp in Pakistan

Eine bedrückende Atmosphäre schlägt einem entgegen, sobald man in die Stadt Sheikh Shehzad kommt. Insgesamt 8079 Menschen wurden hierher umgesiedelt, nachdem sie aus ihrer Heimat fliehen mussten. Das Camp wird regelmäßig von Hilfsorganisationen, Freiwilligen und Regierungsmitgliedern besucht. Trotzdem leiden die umgesiedelten Familien sehr. "Wir sind seit drei Tagen hier. Es ist wie auf einem Berg. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser und die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist unzureichend", sagt Ajmeer, der am 11. Mai das Swat Tal verlassen hat. Sein früheres Leben, dass der 49-jährige als Tagelöhner führte, kommt ihm nun -  im Vergleich zu seiner jetzigen Situation -  ziemlich gut vor.

Die Armee hat Ende April und Anfang Mai in drei Regionen Pakistans Militäreinsätze gegen die Taliban gestartet. Um den Angriffen zu entkommen, sind etwa 1,5 Millionen Menschen geflohen. In den 16 von der Regierung errichteten Camps haben sie Zuflucht gefunden. Manche sind auch bei Verwandten oder Freunden untergekommen.

Der 51-jährige Ddaulat Khan ist ein typisches Beispiel der menschlichen Tragödie, die sich zur Zeit in Pakistan abspielt. Er ist am 5. Mai zu Fuß aus Buner geflüchtet. Nach sechs Stunden erst konnte er mit einem Auto zum Sheikh Shehzad Camp gebracht werden, um sich dort registrieren zu lassen. "Wir haben alle gearbeitet. Wir schämen uns jetzt so sehr, wenn wir unsere Hände nach Almosen ausstrecken müssen. Leider ist es unsere einzige Möglichkeit, den Kindern Essen zu geben", erzählt der Gemüsehändler.

Alle Flüchtlinge stellen sich die gleiche Fragen: Wie lange werden die Militäreinsätze noch anhalten, und wann wird es möglich sein, nach Hause zurück zu kehren? Leider gibt es hierauf keine Antwort. Mohammad Aslam, der jetzt im Camp wohnt, war zuvor Student in Buner. Er berichtet, dass die Moskitos im Camp den Menschen schlaflose Nächte bereiten. "Bis die Taliban kamen, haben wir ein gutes und friedliches Leben geführt. Ich bin mir sicher, dass die Gerechtigkeit bald wieder auf unserer Seite sein wird und wir dann in unsere Heimatdörfer zurückkehren können", sagt er optimistisch. Fotografiert werden möchte er nicht, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Taliban. Trotzdem erzählt er offen über Probleme und das tägliche Leben im Camp. Als begeisterter Cricketspieler würde er gerne wieder seinem Hobby nachgehen. Nur mit "wem und wann", das weiß er leider nicht.

Bisher sind insgesamt 21.291 Familien  in den Camps registriert. Außerhalb der Camps gibt es noch mehr Flüchtlinge: In Mardan, Malakand, Nowsera und Charsadda, Pesahwar und Swabi wurden insgesamt 133.557 Familien verzeichnet.

133.557 Familien, das sind mehr als eine Millionen Menschen. Eine Millionen Geschichten, wie die des 20-jährigen Bauern Iqbal aus dem Dorf Hattar: "Während der Kämpfe bin ich ins Swat Tal gereist, um Mitglieder meiner Familie aus der Krisenregion herauszuholen. Mehr als zwei Tage sind wir gelaufen, um einen sichereren Ort zu erreichen. Letztlich war der mühsame Fußmarsch zuviel für mich. Nach ein paar Tagen waren all meine Energien verbraucht. Palwashay, ein kleines Mädchen, das ich auf dem Arm getragen hatte, konnte ich nicht mehr halten. Das schwache Kind fiel herunter und brach sich den Arm. In der Nähe gab es keine Möglichkeit, erste Hilfe zu leisten, von einer angemessenen ärztlichen Behandlung ganz zu schweigen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit dem vor Schmerzen weinenden Mädchen auf meinem Arm weiterzuziehen, bis wir in der Nähe von Taxila eine Klinik erreichten. Dort konnte endlich jemand ihren Arm bandagieren. Zurzeit leben drei Familien – insgesamt 15 Personen – mit mir in meiner kleinen Lehmhütte. Es fällt mir schwer, sie alle zu ernähren, aber ich hoffe, dass wir bald Hilfe von Außen erhalten."

 Die Menschen in den Camps sind vielen Schwierigkeiten ausgesetzt: sauberes Wasser fehlt, Nahrung, Medizin und Elektrizität. Es wird befürchtet, dass die Menschen in der bevorstehenden heißen Jahreszeit noch mehr leiden werden. Vor allem fürchten sie jedoch, dass die internationale Gemeinschaft ihr Leiden aus den Augen verliert.