„Zwei gute Ernten sind jetzt Realität“

Interview mit Dejan von Roman zum EuropeAid Projekt in Malawi

Herr von Roman, Sie sind gerade aus Malawi zurückgekehrt. Was genau macht CARE dort?


Es gibt verschiedene Projekt von CARE in Malawi, die von Ernährungssicherung bis zur Bildungsarbeit reichen. Ich besuchte ein Projekt, das die Nahrungsmittelversorgung von Menschen in 25 Gemeinden in Zentral-Malawi sicherstellen soll. Denn seit 2008 steigen die Lebensmittelpreise weltweit immer weiter an und Malawi ist eines der am meisten davon betroffenen Länder. Deswegen erarbeiten wir mit den Menschen vor Ort neue Anbaumethoden, machen Hühnerhaltung effizienter, verteilen verbessertes Saatgut, bauen Bewässerungsanlagen aus oder bieten einfache Mikrofinanzierungskonzepte, also Spar- und Kreditgruppen an. Etwa 3.000 Haushalte können sich auf diese Weise gut selbst zu versorgen und sind nicht darauf angewiesen, teure Lebensmittel zu kaufen.

Außerdem verdienen die Dorfbewohner sich in sogenannten Cash-for-Work-Programmen etwas dazu. Das läuft so, dass sie etwa Fischteiche ausheben oder einen neuen Kornspeicher für die Gemeinde bauen, und dafür von CARE ein kleines Entgelt erhalten. Damit verpflichten sie sich auch, sich an einer Spar- und Kreditgruppe zu beteiligen und die dadurch erwirtschafteten Einkünfte wiederum sinnvoll zu investieren. Auch Gemeindesaatgutbanken machen die Bewohner unabhängiger.

Was kann man sich unter einer „Gemeindesaatgutbank“ vorstellen?


Eine Saatgutbank funktioniert ähnlich wie eine normale Bank. In den Gemeinden wurden jeweils zwei große verbesserte Kornspeicher gebaut. Die Menschen bekommen beispielsweise zehn Kilo Maissaatgut zur Verfügung gestellt und müssen nach der Ernte wieder zehn Kilo für die nächste Aussaat zurückzahlen und in einen der zwei Kornspeicher einlagern. In den anderen Kornspeicher müssen sie jeweils 40 Kilo zurück erstatten, welcher für Dürreperioden und Notlagen eingelagert wird. Dieser Vorrat wird dann zu günstigen Preisen an die Gemeindemitglieder verkauft und das erwirtschaftete Geld für den Neukauf von Saatgut in den Folgejahren genutzt. Insgesamt werden also 50 Kilo Mais pro Saatgutempfänger zurückgezahlt.


Ein ähnliches Prinzip wird bei den Spargruppen angewendet. Sie legen gemeinsam Spareinkünfte zusammen und vergeben untereinander Kredite mit einem vereinbarten Zinssatz. Dieser beträgt rund 20 Prozent. Das erscheint auf den ersten Blick sehr hoch, aber er ist viel niedriger, als die Sätze, die vor der Einrichtung dieses System an Geldverleiher gezahlt werden mussten. Von dem geliehenen Geld können sich die Mitglieder der Spargruppe dann zum Beispiel Dünger und Saatgut kaufen, einen Kiosk betreiben oder Hühner halten. Auch Schulgelder, Medizin und Lebensmittel können so gekauft werden. Die Spargruppen sind wirklich sehr engagiert und gewissenhaft: Eine der vielen Gruppen hat so schon beispielsweise 233.000 Malawische Kwacha, also knapp 1.000 Euro, innerhalb eines Jahres angespart! Besonders schön finde ich, dass auch Raum für Wohltätigkeit bleibt: Von den Spareinlagen werden auch Sozialfonds eingerichtet, um Mitglieder und deren Familien zu unterstützen, die einen Krankenhausaufenthalt oder eine Beerdigung finanzieren müssen. Der Erfolg und die Ersparnisse machen die Menschen sehr stolz. Sie inspirieren damit auch andere, selbst eine Spargruppe zu gründen.

Das Projekt läuft seit Anfang 2010. Wie war die Lage in den Gemeinden vor dem Projekt und was hat sich bis heute verändert?


Am Anfang muss natürlich erstmal die nötige Infrastruktur für so ein Projekt aufgebaut werden: Die lokalen Mitarbeiter müssen angestellt und Ausrüstung für das Projekt beschafft werden. Vorher waren die Möglichkeiten, das geerntete Getreide traditionell zu speichern, unzureichend.

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Nachernteverluste betrugen häufig etwa ein Drittel des eingelagerten Korns oder sogar mehr. Mit dem Bau der optimierten Gemeindekornspeicher hat sich das geändert: Wir hoffen, dass der Verlust sich jetzt auf lediglich ein Zehntel beschränkt. Das alleine ist schon ein enormer Erfolg der zur Ernährungssicherung beiträgt! Das ist aber nicht alles.

Auch durch den Bau von Fischteichen und der Ausbildung von Fachpersonal, die diese Teiche auch langfristig bewirtschaften können, hat sich die Versorgungslage in den Gemeinden schon sehr verbessert. Und auch von Regenzeiten sind die Menschen nicht mehr so abhängig: Mit dem Bau der einfachen neuen Bewässerungssysteme muss man auf zwei gute Ernten nicht mehr nur hoffen, sondern sie werden Realität.

Also funktioniert das mit der Nachhaltigkeit auch nach Ende des Projektes?


Bisher stehen die Zeichen dafür sehr gut. In der Gemeinde Mwanang’ Ombe etwa haben mehr als die Hälfte aller Haushalte mit eigenen Mitteln einen privaten verbesserten Kornspeicher gebaut. Auch die Idee, Fischteiche zu betreiben, hat in vielen Nachbargemeinden Nachahmer gefunden. Sie haben selbst Teiche gebaut und sich dann von dem Besitzer des Teiches, der vom Projekt in Fischzucht geschult wurde, Jungfische gekauft. Dass die Menschen in den Gemeinden selbst Initiative zeigen, zeigt, wie sehr sie die Ideen und das Konzept annehmen. Die Menschen sind auch stolz darauf, was sie selbst alles bewegen können. Mit der Ausbildung einfacher „Gemeindetierärzte“ können Krankheiten vermindert und so die Hühnerzucht nachhaltig verbessert werden. Über die Nachhaltigkeit des Projekts entscheidet vor allem der Erfolg der einzelnen Maßnahmen. Die Zahlen und die vielen Nachahmungen sprechen sehr dafür.

Was sind bisher und für die Zukunft die größten Herausforderungen?


Eine große Herausforderung für viele Aspekte des Projekts ist der straffe Zeitplan. Da das Projekt im Oktober dieses Jahres ausläuft, müssen wir alle Arbeiten wie den Bau der Kornspeicher und das Ausheben der Fischteiche in den noch verbleibenden Gemeinden bis dahin fertig stellen. Manchmal sind es auch Arbeitsabläufe und Verhaltensregeln, die noch verbessert werden müssen. So haben immer noch nicht alle Teilnehmer verinnerlicht, dass Gummihandschuhe und Gesichtsmaske Pflicht sein müssen, wenn Pflanzenschutzmittel gespritzt werden. Auch unvorhersehbare Dinge können große Herausforderungen bedeuten: Letztens sind zum Beispiel viele Küken nach der Anlieferung gestorben. Das wirft uns erstmal zurück, schließlich müssen die Gemeindemitglieder Ersatz vom Zulieferer bekommen.

Sie waren ja selbst schon öfter in Malawi. Gab es eine Situation bei Ihrem letzten Besuch, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?


Als wir bei meinem Besuch das erste Mal zu Mittag aßen, gab es Innereien, Magen und Darm. Ich persönlich mag das nicht ganz so gerne, aber, um die Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen, habe ich es natürlich gegessen. Das gleiche gab es dann auch am zweiten Tag. Am dritten sah ich, wie Frauen leckeres Ziegenfleisch zubereiteten. Mir lief das Wasser im Mund zusammen und ich hoffte, dass das Fleisch für uns Besucher bestimmt wäre. Als wir dann aber am Esstisch saßen, gab es wieder Innereien. Enttäuscht fragte ich einen Kollegen, ob es auch noch das leckere Ziegenfleisch gäbe, das ich gesehen hatte. Er erklärte mir, dass die Innereien nur für ganz besondere Gäste bestimmt seien und sie essen zu dürfen eine große Ehre sei.


Bei meiner Abreise erzählte mir eine andere Kollegin, dass sie für mich am ersten Tag auch vorsorglich ein Lunchpaket dabei hatten, aber sie alle waren dann ganz stolz auf mich, dass ich die Innereien gegessen hatte. Und am zweiten Tag hatten sie schon gar kein Lunchpaket mehr dabei. Das hat man dann davon, wenn man kulturell sensibel ist und in den ländlichen Regionen niemanden vor den Kopf stoßen möchte.