Die letzten Tage waren lang, deshalb klingelt mein Wecker heute erst um 6.30 Uhr. Kurz frühstücken, dann sind wir auch schon auf dem Weg zu einem Aufnahmezentrum für Menschen, die aus der Ukraine nach Polen fliehen mussten. Wir, das sind meine Kollegin Siobhan Foran, Gender-Expertin, mein Kollege Emmanuel Deisser, Sicherheitsexperte, und ich. Nach etwa eineinhalb Stunden Autofahrt kommen wir an zwei Lagerhallen in Korczowa an. Viele parkende Busse und Autos. Uns kommen einige Menschen entgegen, Geflüchtete, Helfer:innen und Journalist:innen. „Polen hilft der Ukraine“ steht auf der elektronischen Werbetafel, darunter befinden sich die Landesflaggen der beiden Länder in Herzform. Vor dem Zentrum steht eine lange Schlange von Menschen, die auf Busse warten. 

Über eine Million Menschen sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine in Polen angekommen, melden die Vereinten Nationen, während wir vor dem Aufnahmezentrum stehen. Frauen, Kinder und ältere Menschen, sie kommen aus Kiew, Kharkiv und anderen ukrainischen Städten.

Gefluechtete aus der Ukraine am polnischen Grenzübergang Medyka.
Immer mehr Menschen aus der Ukraine treffen täglich in der Grenzregion zu Polen ein.

Ich sehe eine kleine Gruppe von Frauen am Rand des Aufnahmezentrums essen. Einer der Helfer erklärt mir, dass die Familie seit zwei Tagen nichts zu sich genommen habe. Als sie aufgegessen haben, gehe ich rüber und frage: „Do you speak English?“. „A little“, antwortet eine der Frauen. Sie sieht sehr müde aus, nimmt sich aber trotzdem kurz Zeit, um mit mir zu sprechen. Ich frage sie, woher sie kommt. Aus Kharkiv, antwortet sie mir. Sie habe mehr als 22 Stunden zur Grenze gebraucht, dicht gedrängt haben sie im Bus gestanden. Immer wieder waren Bombeneinschläge zu hören. Seit zwei Tagen habe sie nichts gegessen und nicht geschlafen. Sie müsse sich einfach erst einmal ausruhen, dann ginge es weiter zu einem Freund in einer Stadt im Südwesten von Polen, sagt sie. Als sie mich fragt, ob ich ihr helfen kann dorthin zu kommen, muss ich leider verneinen. Aber ich versuche ihr alle Informationen zu den Bussen zu geben, die ich habe. Mehr als das und sie endlich schlafen zu lassen, kann ich - auch wenn es schwer fällt - aktuell nicht tun. 

Im Aufnahmezentrum stehen rund 2.000 Betten dicht aneinandergedrängt. Alle sind belegt. Kinder spielen, einige Menschen versuchen zu schlafen, andere stehen an einem kleinen Schalter an, um sich eine kostenlose SIM-Karte für ihr Handy abzuholen. Wir schauen uns kurz um, werden aber schnell wieder rausgeschickt. Die Menschen haben ein Recht auf Privatsphäre.

Draußen ist in der Zwischenzeit ein neuer Bus angekommen. Die Menschen stehen Schlange, auch vor einem Zelt, in dem warme Mahlzeiten ausgegeben werden. Ich mache ein kurzes Video, um die Situation zu erklären, und werde fast von einem Bus angefahren. Es ist ohnehin Zeit zum Auto zurückzukehren. Die Kolleg:innen warten schon auf mich.

Gefluechtete Ukrainer:innen in einem Aufnahmezentrum im polnischen Korczowa.
Dicht gedrängt stehen die Betten im Aufnahmezentrum von Korczowa.

Etwa 35 Autominuten später kommen wir in an einem anderen Aufnahmezentrum in Przemysl an. Es ist mittlerweile 13.00 Uhr. Auch hier stehen viele Menschen davor. Medien und Menschen, die an diesem Ort keine Zuflucht suchen oder arbeiten, dürfen nicht rein. Das ist gut, denke ich. Die Menschen brauchen ein bisschen Ruhe, um schlafen zu können. 

Vereinzelt laufen Männer mit Pappschildern vor dem Zentrum herum, auf denen Berlin, Estland oder andere europäische Städte und Länder stehen. Neben dem Zentrum treffe ich zwei junge Frauen. Sie stehen allein dort. Auf ihren Rücken tragen sie kleine Rucksäcke – mehr Gepäck haben sie nicht dabei. Eine von ihnen hält einen Plastikordner mit Dokumenten in der Hand. Die beiden Schwestern warten auf den nächsten Bus. Sie wollen zu ihrer Mutter fahren, die schon lange in Polen arbeitet. Ganz allein sind sie über die Grenze gereist, sagt mir die ältere der beiden Schwestern. Als ich sie frage, was die Menschen in der Ukraine am meisten brauchen, kämpft die 21-Jährige verzweifelt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich sage ihr, dass sie auf sich aufpassen sollen, als ich mich bedanke und verabschiede. Auf dem Weg zum Auto bete ich, dass die beiden es sicher zu ihrer Mutter schaffen.

Gegen 15.00 Uhr kommen wir am Grenzübergang Medyka an. Hier waren wir auch gestern schon. Diesmal standen wir allerdings nicht stundenlang im Stau. Es sind weniger Helfer:innen vor Ort. Heute gibt es anders als gestern auch medizinische Unterstützung für Verletzte und Menschen, die chronische oder andere Krankheiten haben. Wir sehen viele Frauen, Kinder, ältere Menschen und vereinzelt auch Menschen in Rollstühlen, die über die Grenze kommen. Für uns als CARE-Mitarbeiter:innen sind all diese Beobachtungen wichtig, um die humanitäre Hilfe für die kommenden Tage und Wochen zu planen. Denn unser Ziel ist es, die Menschen mit dem zu unterstützen, was sie wirklich brauchen. 

Auf dem Rückweg zum Auto kommt uns ein junger Mann entgegen. Er hat kleine Wunden im Gesicht, es sieht so aus als wurde er geschlagen. Er schwankt stark, sein Blick wirkt verloren. Er scheint paralysiert zu sein, läuft aber zum Glück in Richtung der medizinischen Unterstützung. Ich mag mir gar nicht ausmalen, welchen Horror er erlebt haben muss. 

Unser letzter Stopp für heute ist ein etwas kleinerer Grenzübergang, weiter südlich von Medyka. Auch in Kroscienko kommen die Menschen in Autos und kleinen Bussen an. Es sind wenig Menschen vor Ort. Das mag vielleicht auch an der Dämmerung liegen, die gerade eintritt. Ich nehme noch ein kleines Video mit meiner Kollegin Siobhan auf. Als Gender-Expertin zieht sie Schlüsse aus dem, was wir heute beobachten konnten. Sie macht deutlich, dass sie potenzielle Risiken der Ausbeutung, auch der sexuellen, für Frauen und Kinder sieht, die allein reisen. Besorgt ist sie vor allem um Frauen, die nicht wissen, wo sie in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten unterkommen sollen.  

Als wir im Hotel ankommen, ist es 20.00 Uhr. Ein schnelles Abendessen. Danach bearbeite ich Videos, lade Fotos hoch und teile Informationen mit Kolleg:innen in Deutschland. Um 23.30 Uhr falle ich ins Bett und denke neben all dem Leid, dass die Menschen aus der Ukraine gerade ertragen müssen, vor allem an die unglaubliche Geduld und Stärke mit denen sie uns, anderen Helfer:innen und zahlreichen Journalist:innen vor Ort begegnen.

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