Ninja Taprogge ist Teil einer Gruppe von CARE-Helfer:innen, die sich seit wenigen Tagen an der polnisch-ukrainischen Grenze befinden. Hier schildert sie ihre ersten Eindrücke.

Stille. Überwältigende Stille. Trotz hunderter parkender Autos und sehr vielen Kleingruppen von Menschen, die die Straße entlang laufen. Viele von ihnen mit leichtem Gepäck oder Rollkoffern, die meisten sind Frauen und Kinder. Die Stille macht mich nervös, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine vor acht Tagen verfolge die Nachrichten im Stundentakt. Die Bilder der Zerstörung und das Leid der Menschen haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Heute befinde ich mich selbst an der polnisch-ukrainischen Grenze. Zusammen mit einem kleinen CARE-Nothilfe-Team bin ich hier, um mit Betroffenen des Krieges zu sprechen und die weitere humanitäre Hilfe mit zu planen.
 

CARE-Helferin Ninja Taprogge blickt in die Kamera an einem polnisch-ukrainischen Grenzübergang.
CARE-Helferin Ninja berichtet von der polnisch-ukrainischen Grenze.

 Als wir ankommen, steht ein Bus nach Krakau bereit. Davor eine lange Schlange von Menschen. Daneben eine Reihe von Kartons mit Hilfsgütern: Winterkleidung, Babynahrung, Windeln. Nur wenige der Ankommenden schauen in die Boxen. Der Busfahrer öffnet die Türen, es dauert ein paar Minuten, bis alle sitzen und schon fährt der Bus nach Krakau ab.

Es scheint als wüssten die Menschen, die hier ankommen, wo sie hinwollen. Das erklärt mir auch das junge Mädchen, mit dem ich kurz sprechen kann. Sie kommt aus dem Süden von Kiew. Zusammen mit ihrer Mutter, Großmutter und jüngeren Geschwistern ist sie mit dem Auto bis kurz vor die Grenze gefahren. Den Rest ist die Familie zu Fuß gegangen. Nun warten sie seit etwa einer Stunde auf einen Freund, der sie abholen und nach Krakau bringen soll. Aber dort wollen sie nur kurz bleiben, ihr Ziel ist Bournemouth, im Süden von England. Denn dort arbeitet ihr Vater seit einigen Jahren. Als ich sie frage, was Verwandte, Freunde und Bekannte brauchen, die sie in der Ukraine zurücklassen mussten, sagt sie nur: “Schließt den Luftraum.” Und dann ist der Freund mit dem Auto auch schon da. 

Polnisches Aufnahmezentrum für ukrainische Geflüchtete.
Für 24 Stunden können Menschen aus der Ukraine sich in diesem Center in Korczowa ausruhen, schlafen und etwas essen.

Hier an der Grenze treffe ich auch viele andere Deutsche. Sie kommen aus Köln, Frankfurt und Stuttgart. Die meisten von ihnen sind erst seit heute Morgen hier und planen am Abend wieder nach Hause aufzubrechen. Sie haben heißen Tee, Dosensuppen und andere Hilfsgüter mitgebracht. “Zuerst wollten sie uns nicht in den Grenzbereich lassen, als sie aber gesehen haben, dass wir Heizbehälter für Tee und Suppen dabei haben, wurden wir durchgelassen. Es fühlt sich gut an hier zu helfen”, erklärt mir einer der jungen Männer. Ein anderer sagt, er würde allen Menschen in Deutschland, die ihre Solidarität zeigen und helfen wollen, raten zu Hause zu bleiben und Geld an Hilfsorganisationen zu spenden. Er habe den Eindruck er würde die Hilfe hier eher behindern, als wirklich einen Unterschied machen zu können.
 

Ukrainische Geflüchtete an einem polnischen Grenzübergang.
Am Grenzübergang in Kroscienko warten die Menschen auf Busse, um sie in die nächstgelegenen polnischen Städte zu fahren.

Auf dem Weg zurück aus dem Grenzbereich stehen wir wie auch schon auf der Hinfahrt sehr lange im Stau. Polizei und Krankenwagen fahren an uns vorbei. Medizinische Notfälle haben Vorrang. Auf der anderen Seite der Grenze herrscht ein grausamer Krieg, denke ich, hier in Polen habe ich heute aber Menschen getroffen, die trotz allem eines ausstrahlen: Zuversicht. 

Bitte unterstützen Sie die Nothilfe für die Menschen aus der Ukraine mit Ihrer Spende!

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