In der Ukraine unterstützt CARE eine Reihe von Partnerorganisationen, die sich in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe bewährt haben. Freiwillige und kleinere lokale Initiativen erhalten finanzielle Unterstützung, um flexibel vor Ort helfen zu können. Zudem stellt CARE Unterkünfte und sichere Räume für Frauen und Familien bereit, verteilt Nahrungsmittel, Wasser, Hygieneartikel und leistet psychosoziale Unterstützung und Bargeldhilfe. Wie immer berücksichtigt CARE die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen, aber auch Kleinkindern, älteren Menschen und solchen mit Behinderungen. Zusammen mit unseren Partnern wird die CARE-Hilfe in den nächsten sechs Monaten über 150.000 Menschen erreichen. In der vergangenen Woche machte sich der Generalsekretär von CARE Deutschland, Karl-Otto Zentel, selbst ein Bild von der Hilfe vor Ort. Im Interview schildert er seine Eindrücke.

Sie sind gerade aus der Ukraine zurückgekehrt. Wie ist dort die humanitäre Lage?

Karl-Otto Zentel: Sie ist hochkritisch im Osten des Landes, wo aktuell weiter schwere Kampfhandlungen stattfinden. Menschen können diese Gebiete teilweise nicht mehr verlassen und kämpfen um ihr Überleben. In anderen Teilen des Landes, insbesondere im Westen, findet man noch vom Krieg unberührte Strukturen vor. Hier kommen viele Geflüchtete und Vertriebene an. Das bedeutet, hunderttausende Menschen benötigen eine Unterkunft, Lebensmittel, Kleidung und Dinge des alltäglichen Bedarfs. Hier sind unzählige Freiwillige und Hilfsorganisationen rund um die Uhr im Einsatz. 

Welche Herausforderungen gibt es für die Helferinnen und Helfer? 

Die humanitäre Situation vor Ort verändert sich jeden Tag. Die Informationen und Bedarfe, die diese Woche noch gesammelt und identifiziert worden sind, könnten nächste Woche schon wieder anders sein. Während am Anfang des Krieges die Geflüchteten und Vertriebenen dringend Dinge des alltäglichen Bedarfs benötigten, sind es jetzt Unterkünfte, die knapp und teuer werden. Viele der Vertriebenen im Westen des Landes suchen jetzt auch aktuell nach Arbeitsmöglichkeiten. In Kiew haben wir die Situation, dass zunehmend mehr Menschen wieder zurückkommen, sodass diese Menschen, die letzte Woche noch Vertriebene waren, nun Unterstützung beim Wiederaufbau benötigen.

Karl-Otto Zentel im Gespräch mit Partner in Kiew.
Karl-Otto Zentel im Gespräch mit Vertreter:innen lokaler Partnerorganisationen von CARE in Kiew.

Was wird aktuell besonders gebraucht?

Im Westen kann mit Bargeld sehr viel erreicht werden. Mit dem Geld können sich die Menschen auf der Flucht selbst versorgen und selbst entscheiden, ob sie damit Lebensmittel oder ein Busticket kaufen möchten. Die meisten Geflüchteten und Vertriebenen sind Frauen mit ihren Kindern, sodass hier insbesondere Babynahrung und Windeln benötigt werden. Aber in einigen Gebieten werden wiederum Lieferungen von Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten dringend benötigt, da es Regionen gibt, die vollständig von der Versorgung abgeschnitten sind. Hier ist der Bedarf an haltbaren Lebensmitteln, wie etwa Konserven, besonders hoch.

Wie ist die Situation für Frauen und Mädchen?

Die Ukraine-Krise birgt enorme Schutzrisiken, insbesondere für Frauen und Kinder, die sowohl innerhalb der Ukraine als auch in die Nachbarländer vertrieben wurden. Über 90 % der in die Nachbarländer fliehenden Menschen sind Frauen und Kinder. Viele von ihnen sind allein unterwegs und sind einem erhöhten Risiko von geschlechtsspezifischer Gewalt, Ausbeutung, Missbrauch, Diskriminierung, Menschenhandel und schlechtem Zugang zu lebenswichtigen Gesundheitsdiensten ausgesetzt. Insbesondere der gerade zu Beginn der Krise eher unkontrollierte Zugang zu den Grenzübergangsstellen bot perfekte Bedingungen, um Menschenhändler anzuziehen. Um diese Art von Menschenhandel zu verhindern, ist es von entscheidender Bedeutung, dass an den Grenzübergängen, aber auch in den Ankunftsländern, Koordinierung, Information und Bereitstellung von Dienstleistungen und Materialien gewährleistet sind.

Karl-Otto Zentel im Gespräch mit Valeriya Vershynina vom Partner CFSSS.
Im Gespräch mit Valeriya Vershynina von unserer Partnerorganisation CFSSS erfährt Herr Zentel von der konkreten Hilfe in Lwiw.

Was hat Sie vor Ort am meisten beeindruckt?

Beeindruckt hat mich das immense Engagement der Zivilgesellschaft und der Freiwilligen, die sich selbst organisieren. Sie unterstützen bei der Ankunft der Geflüchteten und bei der Registrierung, bei der Suche nach einer Unterkunft und bei der Vermittlung einer Arbeitsstelle. Die ukrainische Bevölkerung hat großzügig mit Spenden unterstützt, seien es die eigenen Büroräume als temporäre Unterkunft, aber auch Lebensmittel, Kleidung und Dinge des alltäglichen Bedarfs wurden gespendet. Hier kommen Menschen zusammen, die ihren eigentlichen Berufen nicht mehr nachkommen können und ihre Fähigkeiten nutzen, um Menschen in Not zu helfen. Ich habe mit einem Architekten gesprochen, der ein Netzwerk an Restaurants ins Leben berufen hat, welches nun bis zu 11.000 Mahlzeiten am Tag verteilt. Eine Buchhalterin fährt jeden Tag zu den Menschen nach Hause, um Medikamente zu verteilen. Es ist wahrlich beeindruckend, wie engagiert diese Menschen sind.

Gemeinsam mit dem Slowenischen Roten Kreuz konnte CARE Deutschland bereits einen großen Konvoi mit Hilfsgütern auf den Weg bringen.

Was ist in den kommenden Wochen und Monaten wichtig?

In den kommenden Wochen und Monaten ist es wichtig, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie dringend gebraucht wird. Diese Hilfe muss regional entsprechend angepasst sein, damit die individuellen Bedürfnisse gedeckt werden. Wichtig ist auch, dass die vielen kleineren, lokalen Freiwilligenorganisationen von den Strukturen und der Expertise von größeren Organisationen, wie CARE, profitieren können, um so vielen Menschen wie möglich helfen zu können. Die sich stetig verändernde Lage muss dabei genau beobachtet werden, damit wir entsprechend schnell reagieren können.

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