Abschlussblog von Jemima Newsome, Bundesfreiwillige im Berliner Büro von CARE

Wir alle kennen die Angst vor Neuanfängen. Aber manchmal lernt und erlebt man auf einen Schlag so viel Neues, dass man gar nicht mehr die Zeit hat, Panik aufkommen zu lassen. So ging es mir, als ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei CARE in Berlin antrat.

Ein Gruppenbild der Abteilung Kommunikation und Advocacy.

Gerade angekommen und schon mittendrin

Schon mein allererster Arbeitstag war sehr aufregend: CARE nahm an der „Fridays for Future“-Klimademonstration in Berlin teil. Zum ersten Mal zeigte ich mich öffentlich in „CARE-Orange“ und fühlte sofort Stolz – weil ich plötzlich ein Teil von CARE war, ein Teil einer Organisation, die sich seit Jahrzehnten beharrlich für den Klimaschutz einsetzt und mir nun die Möglichkeit gab, mich tagtäglich mit den wirklich wichtigsten Themen weltweit auseinanderzusetzen: ob mit der Heuschreckenplage in Ostafrika, mit der Flüchtlingskrise in Myanmar oder mit der Hungersnot im Jemen.

In meiner zweiten Woche erfuhr bei einer CARE-Veranstaltung, für die vier Aktivistinnen und ein Aktivist aus dem Jemen nach Berlin reisten, mehr über das große Leid im Jemen. Die Delegation berichtete von ihren Friedens-, Jugend- und Frauenbewegungen, die ihnen während dieses grausamen Kriegs im Jemen Halt geben. Ihre Resilienz, Hoffnung und Kraft inspiriert mich noch heute. Am nächsten Tag durfte ich eine der Aktivistinnen zu einem Interview mit der Deutschen Welle begleiten und war besorgt zu hören, dass die Diskriminierung von Frauen im Jemen so schlimm wie sonst fast nirgendwo auf der Welt ist.

Eine Bundesfreiwillige steht an einem Pult.

Bei CARE ist kein Tag wie der nächste

Mein typischer Arbeitstag bei CARE war alles andere als langweilig: plötzliche Krisen und Katastrophen wie die Eskalation der Kämpfe in Nordsyrien oder die zwei Zyklone in Mosambik im Frühjahr 2019 sorgten für arbeitsreiche Tage. Zusätzlich zu meinen regelmäßigen Aufgaben wie Grundsatzpapier-Übersetzungen, Recherchen zu aktuellen Krisenzahlen und der wöchentlichen Presseschau, vertrat ich CARE auch bei einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt zu "50 Jahre Humanitäre Hilfe seit dem Biafra-Krieg". Mein erstes Mal im Auswärtigen Amt, mit einer faszinierenden Podiumsdiskussion inklusive Meinungsverschiedenheiten zu Parallelen der aktuellen Äthiopien-Krise mit dem Biafra-Krieg sowie einem bereichernden Austausch mit Fachexpert:innen im Anschluss, war ein sehr aufregendes Erlebnis für mich.

Beeindruckt hat mich auch die Vielfältigkeit meiner Aufgaben bei CARE. Als Bundesfreiwillige war ich nicht nur mit meiner eigenen Abteilung vertraut, sondern habe viele weitere Abteilungen und Bereiche von CARE kennengelernt. Im November unterstütze ich die Inlandsabteilung bei einem KIWI-Training für Lehrer:innen in Berlin. Wenige Monate später half ich im Veranstaltungsbereich bei der großen CARE-Millenniumspreisverleihung aus. Dort lernte ich sowohl andere CARE-Teams als auch ganz neue Arbeitsfelder kennen.

Für Mitarbeitende internationaler Organisationen gehören Dienstreisen dazu. Auch ich durfte für CARE reisen, von Berlin nach Bonn in die Zentrale der Organisation. Alle Mitarbeitenden in Bonn persönlich kennenzulernen, war ein weiteres Highlight für mich. Außerdem durfte ich dort mit anderen Bundesfreiwilligen ein Weihnachtsspendenvideo für CARE drehen, für welches wir über mehrere Wochen gemeinsam geplant hatten. Es hat uns viel Spaß gemacht, das Konzept des Videos zu entwickeln, an den Texten zusammenzuarbeiten und beim Videodreh kreativ zu werden.

Aber einer der wichtigsten Momente für mich bei CARE war die Veröffentlichung des CARE-Berichts „Suffering in Silence“ im Auswärtigen Amt. Ich hatte beim Entstehungsprozess des Berichtes mit der Bilderauswahl und der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche unterstützt und war sehr froh darüber, den gedruckten Bericht dann endlich in der Hand zu halten. Es war schön zu sehen, wie viele Bundestagsabgeordnete an unserer Veranstaltung teilnahmen und sich durch das Engagement von CARE für „vergessenen Krisen“ interessierten.

Auch die COVID-19-Pandemie spielte eine große Rolle in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr. Nicht nur, weil wir plötzlich alle aus dem Homeoffice arbeiteten, sondern vor allem, weil mir einmal mehr klar wurde, wie dringend und unverzichtbar humanitäre Hilfe für die Menschen in den vielen Krisenländern der Welt ist. Etwa in Flüchtlingscamps wie im griechischen Moria, in Syrien oder in Bangladesch, weil dort weder der Mindestabstand eingehalten werden kann noch ausreichend Hilfsgüter wie Mund-Nase-Schutz und Seife vorhanden sind. Für viele Menschen bedeutete der Ausbruch von Corona außerdem den Jobverlust oder weniger Arbeitsstunden, für humanitäre Helfer:innen bedeutet Corona Ausnahmezustand, nicht nur kurz, sondern langfristig.

Was ich aus einem Jahr Bundesfreiwilligendienst mitnehme

Wenn ich auf diese Zeit und das Jahr bei CARE zurückblicke, stelle ich einmal mehr fest, dass mir diese Phase meines Lebens auch persönlich sehr am Herzen liegt. Dieses Jahr hat mich dem Heimatland meines Opas nähergebracht – dem Irak. Zum Welttag der humanitären Hilfe interviewte ich eine deutsche CARE-Kollegin im Irak zur aktuellen Lage in Zeiten von Corona und CAREs Hilfe für Frauen und Mädchen. Mir bedeutet es sehr viel, dass ich dank CARE eines meiner Herkunftsländer aus einer humanitären Sicht besser kennenlernen durfte und meinem Opa vieles über seine Heimat berichten konnte, in die er seit Jahrzehnten nicht zurückkehren kann.

Was habe ich in diesem Jahr gelernt? Zu viel, um es in einem kurzen Absatz zusammenzufassen. Doch eines kann ich sagen: ich weiß, dass ich vor Neuanfängen keine Angst mehr haben muss, sondern mich darauf freuen kann.

Denn manchmal werden sie zum Spannendsten, das ich je erlebt habe.