Vor achtzig Jahren kam das erste CARE-Paket in Deutschland an. Das Friedensprojekt von CARE heißt heute Geschlechtergerechtigkeit. Ihm gehört die Zukunft.

Von Heribert Prantl

Portraitfoto des Publizisten Heribert Prantl. Foto: Nina Tenhumberg

Es gibt viele Hilfsorganisationen, die wunderbare Arbeit leisten. CARE Deutschland gehört zu ihnen. CARE Deutschland macht nicht nur wunderbare, sondern auch phantasievolle Arbeit. Und: CARE Deutschland hat ein besonders respektables Fundament und eine herzzerreißende Geschichte: Vor achtzig Jahren kamen die ersten CARE-Pakete aus Amerika nach Deutschland; sie kamen aus einem Land, das noch kurz vorher Kriegsgegner gewesen war. Die Pakete enthielten Überlebensmittel - und sie enthielten Menschlichkeit. Am 15. Juli 2026 jährt sich zum achtzigsten Mal die Ankunft des ersten CARE-Pakets in Deutschland. In den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Pakete für viele Menschen ein wichtiger Beitrag zum Überleben. Fast zehn Millionen CARE-Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeugen erreichten dann zwischen 1946 und 1960 Deutschland, Österreich und andere europäische Staaten.

Als es das Wort Entspannungspolitik noch gar nicht gab, waren diese Pakete schon der Beginn davon und ihr Ausdruck.

CARE zeigte, dass das Unmögliche möglich ist; und CARE bewies, dass Menschlichkeit die Welt friedlicher macht – und dass Nächstenliebe nicht nur ein religiöses, sondern auch ein politisches Wort und ein politischer Wert ist. CARE praktizierte das, was Immanuel Kant gelehrt hat: Dass Frieden kein natürlicher Zustand ist und dass er nicht einfach eintritt, wenn Papiere, wenn Kapitulationserklärungen und Friedensdokumente unterzeichnet worden sind – sondern dass der Frieden gestiftet werden muss.

 

Frauen und Kinder tragen CARE-Pakete.
Nach dem zweiten Weltkrieg verteilte CARE allein in Europa 10 Millionen CARE-Pakete.

Frieden stiften: Das hat CARE damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, beherzt und bravourös getan, ganz ohne Trara und Selbstbeweihräucherung. Und das achtzigjährige Jubiläum ist nichts Nostalgisches, sondern etwas Gegenwärtiges: CARE ist ein globales Friedenswerk geworden, welches das Gründungsmovens, also das Friedensstiften, mit Einfalls- und Ideenreichtum, mit Schöpferkraft und Originalität weiterbetreibt und fortentwickelt – als weltweites Netzwerk, das bewusst Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Bei CARE ist nicht Nostalgie zu Hause, sondern das Friedensstiften ist phantasievolle Gegenwart. Und diese Gegenwart braucht mehr Frauen – mehr Frauen, die den Wandel anführen, wenn es, zum Beispiel, um den Kampf gegen die Klimakrise geht. Es ist daher klug, wenn CARE nicht nur Hilfspakete für Kriegs- und Krisengebiete packt, sondern sich dafür einsetzt, Diskriminierung abzubauen, den Zugang von Mädchen und Frauen zu Bildung, Ressourcen und Technologie zu fördern. Das Friedensprojekt von CARE heißt Geschlechtergerechtigkeit – und das ist gut so.

Portraitfoto von Prof. Dr. Rita Süssmuth.

Das ist Hilfspolitik ganz im Sinn der im Februar 2026 verstorbenen früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die jahrzehntelang bei CARE Deutschland aktiv war, die dort das Kuratorium leitete und Schirmherrin war. Süssmuth hat in einem Interview Anfang April 2025 eindringlich warnend gesagt: „Wir haben nichts gelernt. Wir tun so, als gehörte der Krieg zur Schöpfung. Männer drücken durch Krieg ihre Macht aus. Dabei ist er Ausdruck einer Ohnmacht. Wenn uns nichts Besseres einfällt, als Krieg zu führen, sind wir auf dem Weg der Vernichtung – statt Schutz und Erhalt des Geschaffenen.“ Und auf die Frage, was auf dem Spiel stehe, antwortete sie sehr ernst: „In einem Wort: Wir. Die Welt ist aus der Balance. Wie lange wir diesen Planeten noch bewohnen können, wissen wir nicht.“ CARE versucht, zu dieser Bewohnbarkeit beizutragen.

Hoffnung – das ist das Wort der Stunde. Ins CARE-Paket von heute gehört auch Hoffnung. Wir leben in einer Mischung aus Müdigkeit, Gereiztheit und Angst.

Es gibt, wen wundert es, eine Lust am katastrophischen Denken; sie ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krisen und Katastrophen zu überwinden. Wir brauchen kreative Kraft, um die Klimakrise zu überleben. Wir brauchen sie, um den Menschen in der Ukraine und im Nahen Osten zu helfen. Wir brauchen diese Kraft für den Kampf gegen die Kinderarmut, wir brauchen sie für eine gute Bildungspolitik. Wir brauchen sie für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Das ist eine Frage der Selbsterhaltung. Es ist gut, wenn CARE dazu beiträgt.

Fünf Frauen aus Bangladesch stehen Arm in Arm nebeneinander und lächeln
CARE setzt sich heute besonders für Geschlechtergerechtigkeit und die Teilhabe von Frauen und Mädchen weltweit ein.

Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es! Süssmuth hat als Politikerin Erich Kästners geflügeltes Wort in Politik übersetzt – in eine Politik, die dem Patriarchentum und dem Machotum widerstand, wo immer die sich zeigten. Und Süssmuth wusste, dass man Mitstreiter und Unterstützerinnen braucht, um etwas Positives zu bewirken, um einen aufgeklärten, um einen friedlichen Zeitgeist zu wecken. Friedenspolitik war für sie eine Politik mit mehr Frauen. CARE will Frauen überall auf der Welt so stärken, dass sie selbstbestimmt Entscheidungen treffen und ihr Leben eigenständig gestalten können. Dazu braucht es Bildung, dazu braucht es die Förderung wirtschaftlicher und politischer Teilhabe. Man kann das feministische Friedenspolitik nennen. Es ist Zukunftspolitik.

Über den Autor

Heribert Prantl, Prof. Dr. jur. und Dr. theol. h.c. ist Publizist, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung. Er war erst Richter und Staatsanwalt in Bayern, wechselte dann zur Süddeutschen Zeitung, war dort über dreißig Jahre lang Redaktionsmitglied, zunächst als Redakteur für Rechtspolitik, dann 25 Jahre lang Chef erst der SZ-Redaktion Innenpolitik, dann der SZ-Redaktion Meinung. Acht Jahre lang war er zugleich Mitglied der SZ-Chefredaktion. Beim Trauerstaatsakt für Rita Süssmuth im Bundestag am 24. Februar 2026 hat er die Gedenkrede gehalten.