Die 22-jährige Athieng sitzt auf einem schmalen Krankenhausbett in Pariang, Südsudan, und drückt ihre einjährige Tochter Athiei an ihre Brust. Der CARE-Krankenpfleger misst Athieis Oberarm: MUAC 10,5 cm (Mid-Upper Arm Circumference, Oberarmumfang), dazu die Farbe Rot. Das bedeutet: Schwere, akute Unterernährung. Athieis kleiner Körper hat bereits alle seine eigenen Reserven verbraucht, um am Leben zu bleiben. Die immer noch dramatischen Werte stellen aber bereits eine Verbesserung ihres Zustands dar, so unglaublich es scheinen mag. Ihre Mutter Athieng erklärt dazu: „Ich bin hierhergekommen, weil mein Kind krank war. Sie hat sich übergeben und hatte Durchfall. Außerdem hatte sie hohes Fieber.“

Athiei sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Athieng.

In ihrem Dorf ist Athiengs Familie auf Sorghum angewiesen. Zu Mehl gemahlen und zu Brei gekocht, ist es die einzige Mahlzeit, die ein Kind am Leben halten sollte. Doch der Regen fällt nicht mehr so, wie er sollte. Überschwemmungen fluten die Felder, oder Dürre lässt sie aufbrechen. Vögel picken die Samen vor der Ernte ab.

Athiei wird mit einem MUAC-Band vermessen.

Die Preise für Saatgut steigen immer weiter. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte – die Möglichkeit zu haben, sein Kind zu ernähren –, ist unmöglich geworden. Weltweit leiden fast 45 Millionen Kinder unter fünf Jahren an akuter Unterernährung, die zu Unterentwicklung führt.

Athiei bekommt Fieber gemessen.

Der CARE-Krankenpfleger misst Athieis Temperatur. In den letzten zwei Wochen im Krankenhaus ist ihr Fieber langsam gesunken.

Im Bett neben Athieng liegt das Baby Nyabany in den Armen ihrer Mutter Rebeca. Nyabany ist so geschwächt, dass sie Infusionen ins Handgelenk bekommt. Die Hand des Kindes ist still, zu still für jemanden, der so jung ist. „Ich bin zwei Tage lang gelaufen, um zu diesem Krankenhaus zu gelangen“, sagt Rebeca. „Mein Kind lag im Sterben. Sie war so krank, und das Fieber war so hoch. Sie atmete nicht mehr richtig.“ Sie trug ihre Tochter durch 42 Grad Hitze und hielt nur einmal an, um in der Hütte eines Fremden zu schlafen, bevor sie weiterging.

 

Nyanbany bekommt eine Infusion.

„Wir hatten nicht genug, um uns zu ernähren“, sagt Rebeca. „Wir sammelten Brennholz, um es zu verkaufen, aber es reichte nicht aus, um Essen zu kaufen. Es gibt keine andere Möglichkeit, als hierher zu kommen, damit meine Tochter überleben kann. Wir alle müssen das tun. Wenn wir kranke Kinder haben, dann laufen wir.“ 

Rebecca hält ihre schlafende Tochter auf dem Schoß.

Die letzten beiden Ernten sind ausgefallen. Die erste wurde von Überschwemmungen vernichtet, die nächste von Vögeln gefressen. Da es aufgrund des Klimawandels weniger Grassamen in der Natur gibt, stürzen sich Schwärme von Webervögeln auf die Felder und fressen sie kahl. Die Ernährungsstation im Krankenhaus von Pariang behandelt jeden Monat etwa 20 schwere Fälle. Die meisten Kinder bleiben mehrere Wochen.

Nicht alle können gerettet werden

Aber manchmal ist es zu spät. CARE-Krankenpfleger Miabek Miathiang hat das schon zu oft gesehen. Körper, die vor Ödemen anschwellen, verengte Kehlen, Blut, das so dünn wird, bis man nichts mehr tun kann. Die höchste Zahl, an die er sich erinnert, sind vier Kinder, die allein in einem Monat starben. „Durch die Schwellungen können die Kinder die Milch nicht mehr trinken. Wir haben viele Fälle, in denen Mütter allein sind, weil ihre Ehemänner im Krieg gestorben sind. Sie sind so traumatisiert, dass sie sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern können. In den lokalen Dörfern sind es der Mangel an Einkommen und viele ausgefallene Erntezeiten. Manche, wie Rebeca, laufen zu Fuß und kommen rechtzeitig an, um ihre Kinder zu retten. Andere nicht“, sagt Miabek Miathiang.

Miawer ist ein Jahr alt und lebt mit seiner Mutter Aker, 20, in Jamjang, einer Stadt in der Nähe der Flüchtlingscamps. Er ist erschöpft und kann kaum noch allein stehen. Seine Mutter, Aker, 20, sagt: „Mein Kind war so schwach. Er hatte Fieber, und ich habe weder Essen noch Milch für ihn.“ Im Südsudan haben steigende Lebensmittelpreise Familien an den Rand des Überlebens gedrängt. Sorghum, einst die tägliche Mahlzeit, ist unerschwinglich geworden. Was vor wenigen Wochen noch 12.000 südsudanesische Pfund (etwa 2,5 USD) kostete – was schon der erhöhte Preis ist -, kostet nun 15.000 (etwa 3,2 USD) für eine einzige Portion. „Wir können uns nichts mehr zu essen leisten“, fügt Aker leise hinzu. Auch ihr eigener Körper zeigt Anzeichen von Unterernährung. Hunger ist keine temporäre Notlage mehr. Er ist allgegenwärtig. Und bei Kindern wie Miawer verändert er den Körper von innen heraus. Er verlangsamt sein Wachstum, und wenn er keine Behandlung erhält, werden seine Organe versagen. Unterernährung wirkt sich nicht nur auf das Gewicht des Kindes aus. Sie schwächt seine Knochen, führt zu Haarausfall und verformt den Körper. Sie beeinträchtigt sogar das Gehirn, wobei Teile davon ganz aufhören können zu wachsen.

Der Kopf von Miawer aus der Sietenansicht. Der Kopf ist durch Unterernährung verformt.

Miawers Hals ist zu dünn und zu schwach, um das Gewicht darüber zu tragen. Der Hinterkopf wölbt sich nach außen. Seine Haare sind bereits ausgefallen. Ein häufiges Anzeichen dafür, dass der Körper nicht mehr genug Eiweiß hat, um selbst die grundlegendsten Funktionen aufrechtzuerhalten.

Miawer haelt die Hand seiner Mama.

„Die letzten Ernten waren schlecht“, erklärt Aker. „Was sollen wir tun, um unsere Kinder zu ernähren, wenn nichts wächst und es keine Arbeit für uns gibt?“ Miawers Haut ist zu trocken. Seine Fingernägel sind weiß geworden. Die Innenseite seiner Handflächen ist blass. 

Miawer auf dem Arm seiner Mutter Aker.

Das ist der Beginn einer Anämie, eines der letzten Warnzeichen. Es ist nicht mehr genug Blut da, nicht genug Eisen, nicht genug Kraft, damit der Körper den Sauerstoff dorthin transportieren kann, wo er gebraucht wird.

In fortgeschrittenen Stadien der Unterernährung häufen sich die Anzeichen: Der Bauch kann nach außen schwellen, Finger und Füße können anschwellen, und wenn man darauf drückt, springt die Haut nicht zurück. Sie bleibt eingedrückt, als hätte der Körper vergessen, wie er sich selbst heilen kann. Krankenpfleger Miabek hat das schon zu oft gesehen. „Wenn ein Kind anämisch wird, kann es jeden Moment sterben.“
 

Kein Kind wird abgewiesen

CARE behandelt Kinder wie Athiei und Miawer. In Pariang erhält Athieng alle vier Stunden Milch für ihre Tochter. Und Athiei beginnt, darauf anzuspringen. Ihr Fieber sinkt, und ihr Körper nimmt die Nährstoffe langsam wieder auf. Sie ist auch viel kräftiger und hält ihren Löffel sogar selbst. In Jamjang verteilt das CARE-Ernährungszentrum Plumpy’Nut-Beutel (Erdnusspaste), die reich an Kalorien, Proteinen und Mikronährstoffen sind. Sie werden entsprechend dem Gewicht verabreicht.

Athieng füttert ihre Tochter Athiei.

Ein Kind wie Miawer, das gerade einmal 6,6 Kilogramm wiegt, würde 21 Beutel pro Woche, drei pro Tag, benötigen, um wieder aufzubauen, was der Hunger ihm genommen hat. Und die CARE-Mitarbeitenden behandeln weiterhin jedes unterernährte Kind, das durch die Türen des Krankenhauses kommt. Immer wieder, Tag und Nacht, kämpfen sie um das Überleben jedes einzelnen Kindes.
 

Mit Ihrer Spende helfen Sie Kindern wie Athiei, Nyanbany und Miawer und ermöglichen ihnen eine echte Überlebenschance.

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