Agutduels Mund bleibt beim Atmen leicht geöffnet. Ihre Brust hebt und senkt sich schnell. In der Hitze rinnt ihr der Schweiß von der Stirn. Fliegen lassen sich auf ihrem Gesicht und ihren Armen nieder und werden immer wieder von ihrer Mutter Nyanjok verscheucht, die mit dem Kind in dem schmalen Schattenstreifen neben einer Lehmhütte mit Strohdach im Norden des Südsudans sitzt. Das kleine Mädchen ist zweieinhalb Jahre alt, doch ihr Körper sieht eher aus wie der einer Einjährigen.
Agutduel kann nicht alleine stehen. An den meisten Tagen trägt eines ihrer Geschwister sie auf dem Rücken. Heute ist es ihr sechsjähriger Bruder, der ihren kleinen Körper vorsichtig balanciert, während barfüßige Kinder um sie herum durch den Staub rennen. „Ich merkte, dass etwas nicht stimmte, als sie anfing, schwer zu atmen“, sagt Nyanjok. In einer Hütte in der Nähe liegt ihr Vater mit einer gebrochenen Hüfte auf einem Feldbett. Alle paar Minuten hallt seine Stimme durch die Siedlung. „Ich habe Hunger, gebt mir etwas zu essen.“ Dann, etwas später: „Gott, bitte! Warum? Warum?“ Er ruft im Minutentakt, doch niemand reagiert mehr darauf. Das Schreien ist Teil des Alltags geworden, weil es einfach nichts zu essen gibt, das man ihm geben könnte. Nyanjok redet leise weiter, während er hinter ihr herruft.

Verlorene Ernten
Agutduels Haar wurde vorne immer spärlicher. Ihre Kopfform hat sich durch die schwere Unterernährung verändert. Die Hände ihrer Mutter zittern, als sie sie auf dem Schoß hält. Auch Nyanjok selbst ist geschwächt durch Hunger und Schwangerschaft. „Im Februar hatte ich einfach nicht genug zu essen für sie, weil ich krank war und nicht arbeiten konnte.“ Bevor sie krank wurde, verdiente Nyanjok ein wenig Geld damit, auf dem Markt Essen zuzubereiten. Sie kaufte Mehl, kochte Mahlzeiten und verkaufte sie mit einem kleinen Gewinn. Als sie erkrankte, war das wenige Geld, das sie hatte, aufgebraucht. Jetzt isst die Familie einmal am Tag, und das auch nur an den Tagen, an denen sie Arbeit findet.

Tausende Geflüchtete aus dem Sudan
Ihre Stadt liegt in der Nähe von Flüchtlingscamps, in denen Menschen untergebracht sind, die vor dem Krieg im Sudan geflohen sind. Tausende von Geflüchteten sind in den letzten drei Jahren in diesen Teil des Südsudans gekommen. Viele kamen mit leeren Händen an. Doch die Gemeinden, die sie aufnahmen, hatten schon lange vor der Ankunft der Neuankömmlinge mit Schwierigkeiten zu kämpfen.
Nyanjoks Familie sind Landwirte. Im Jahr 2024 zerstörten schwere Überschwemmungen große Teile des Ackerlandes. Überschwemmungen sind während der Regenzeit zwar üblich, doch normalerweise wissen die Landwirte, welche Flächen nach dem Rückgang des Wassers noch Erträge liefern können. In jenem Jahr traf es sie härter, und der Großteil der Ernte ging verloren. Dann folgte 2025 eine weitere schlechte Saison. Webervögel, deren Zugmuster sich aufgrund der durch den Klimawandel bedingten Austrocknung der Graslandschaften verändert haben, stürzten sich auf die Sorghumfelder, noch bevor die Pflanzen wachsen konnten. Anstatt sich von Grassamen zu ernähren, fraßen sie die frisch ausgesäten Sorghumsamen. In Teilen der Region fielen die Ernten aus.

„Wir müssen jetzt auf den Markt gehen, um Lebensmittel zu kaufen, aber wir können uns das nicht leisten. Unsere Probleme nehmen zu, hier leiden alle Hunger“, sagt die Mutter. Der Preis für Sorghum ist stark gestiegen. Anfang 2026 kostete eine Mahlzeit aus Sorghum etwa 12.000 südsudanesische Pfund (2,20 EUR). Jetzt liegt der Preis bei fast 15.000 (2,80 EUR). Für Familien, die von Tag zu Tag leben, hat dieser Anstieg Lebensmittel noch unerschwinglicher gemacht. Mit der Ankunft der Flüchtlinge sind nun Zehntausende weitere Menschen auf Nahrungsmittel angewiesen. „Anfangs war es einfacher, da ich auch mehr Kunden hatte, als ich noch arbeitete. Aber jetzt suchen auch sie nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen und sich Lebensmittel leisten zu können“, sagt Nyanjok.
Auch humanitäre Organisationen mussten im gesamten Südsudan erhebliche Mittelkürzungen hinnehmen. In den Flüchtlingscamps erhält mittlerweile nur noch knapp 20 % der Bewohner:innen Nahrungsmittelhilfe.
Nichts mehr übrig
Im Februar brachte Nyanjok ihre Tochter zum ersten Mal in das CARE-Ernährungszentrum. „Meine Tochter lag einfach nur auf dem Boden und rührte sich nicht. Sie trank kein Wasser mehr. Sie spielte nicht und war sehr schwach. Also habe ich Hilfe für sie gesucht.“ Agutduel trägt ein T-Shirt, das sie von einem Bruder geerbt hat, und eine Hose, die sie sich von einem Nachbarn ausgeliehen hat. Die Kleidung wird unter den Kindern geteilt. Der Junge, dessen Kleidung sie jetzt trägt, während sie auf dem Schoß ihrer Mutter sitzt, rennt gerade nackt über die trockenen Schlammwege. Im Zentrum erhielt sie „Plumpy’Nut“, die therapeutische Paste auf Erdnussbasis, die zur Behandlung schwerer Unterernährung bei Kindern unter fünf Jahren eingesetzt wird. Jeden Montag sollte sie zurückkommen, um neue Beutel zu holen. Doch an einem Montag Ende März war nichts mehr da. Die Zahl der Unterernährungsfälle ist zu stark angestiegen.

Der CARE-Ernährungsbeauftragte erklärt, dass die Engpässe auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen sind: Mittelkürzungen, gestiegene Logistikkosten aufgrund regionaler Konflikte, unterbrochene Lieferwege, Treibstoffknappheit und eine wachsende Zahl hungernder Familien. In den heißesten Monaten nehmen auch die Fälle von Durchfall stark zu, was die Unterernährung bei Kleinkindern verschlimmert, die ohnehin schon von zu wenig Nahrung leben. Allein in Nyanjoks Ort betreut CARE derzeit rund 70 aktive Unterernährungsfälle, obwohl das Budget geringer ist als im Vorjahr. Es gibt einfach nicht genug Behandlungsmittel für alle, die sie benötigen. Nyanjok denkt nun von Woche zu Woche. Sie hofft, dass am kommenden Montag, wenn sie zurückkehrt, noch Erdnusspaste übrig sein wird. Andernfalls weiß sie nicht, wie ihre Tochter die Woche danach überstehen soll.
Ihre Spende unterstützt Ernährungszentren im Südsudan, die Kinder wie Agutduel mit lebensrettender Nahrung versorgen.
























