Sammy reagiert nicht

Der 4-jährige Sammy war zu schwach, um zu antworten, als seine Mutter seinen Namen rief. Seine Augen öffneten sich nicht. Er konnte nur noch daliegen und war nicht mehr in der Lage zu gehen, als seine Mutter und seine fünf Geschwister aus Kadugli in Süd-Kordofan im Sudan flohen. Im Aufnahmezentrum in Yida, nahe der sudanesischen Grenze im Südsudan, hatte Kochoro, klinischer Mitarbeiter in der örtlichen CARE-Gesundheitseinrichtung, in den letzten Monaten bereits viele Kinder wie Sammy gesehen: dünne Arme, stumme Gesichter, Körper, denen die Kraft schon lange vor Erreichen der Sicherheit ausgegangen war. 

Täglich kommen zwanzig bis dreißig Patient:innen in die Einrichtung, die mit der Unterstützung des deutschen Auswärtigen Amtes finanziert wird. Mit dem Regen nehmen die Malariafälle zu. Die Kinder kommen mit leeren Mägen an. Ihre dünnen Oberarme werden mit einem farbigen Maßband vermessen, um festzustellen, wie dringend ihr Überleben ist. Allein in dieser Woche wiesen zwei Kinder einen Wert von 11 auf der MUAC-Skala (Oberarmumfang) auf, was auf akute Unterernährung hindeutet. Sie wurden sofort zur Behandlung überwiesen und erhielten Plumpy’Nut – eine Erdnusspaste, um sie langsam wieder gesund zu pflegen. Jede Woche kommen drei oder vier Kinder in diesem Zustand hier an.

Sammy blickt in die Kamera.
Sammy wird mit einem MUAC-Band vermessen.
Hanan steht mit ihren vier Kindern vor einer Behausung.
Hanan mit vier ihrer Kinder.

Das einzige Gesundheitszentrum in der Gegend

„Anfang dieses Jahres gab es viele Fälle von Unterernährung unter den flüchtenden Kindern, da viele Neuankömmlinge aus Kadugli kamen, kurz nachdem die von bewaffneten Gruppen verhängte Blockade aufgehoben worden war“, sagt Kochoro. „Sie kamen in einem sehr geschwächten Zustand hier an. Jetzt ist es etwas besser, da die Geflüchteten wieder zu Kräften gekommen sind oder sich in anderen Gesundheitseinrichtungen erholt haben, bevor sie hierherkamen.“ 

Die Einrichtung schließt eigentlich nie. Kochoro ist rund um die Uhr im Dienst. Sein Telefon bleibt eingeschaltet. „Ich werde ein- oder zweimal pro Woche zu Notfällen gerufen, und dann springe ich auf mein Motorrad, um hierher zu kommen und sie zu behandeln.“ Er sagt das ohne Betonung, einfach als eine Routine, die zur Normalität geworden ist. Aber ihm ist klar, was seine Arbeit bedeutet. „Dieses Projekt hat verhindert, dass die Zahl der Todesfälle steigt. Dies ist das einzige aktive Gesundheitszentrum in der Gegend. Es gibt niemanden sonst, der sie behandeln kann. Ohne die Hilfe würden die Kinder an Hunger oder Malaria sterben, und schwangere Frauen würden bei der Geburt sterben. Die Geflüchteten kommen mit leeren Händen hierher. Sie haben kein Geld, um in eine Klinik zu gehen und dort Hilfe zu suchen.“ 

Das Projekt ist bis Juni finanziert. Danach ist ungewiss, ob CARE seine Arbeit hier fortsetzen und Geflüchtete wie Sammy und seine Mutter Hanan Tia, 37, unterstützen kann. Sie sind nach sechs Monaten auf der Flucht hier angekommen.

Hanan steht mit ihrer Familie neben Wasserkanistern.
Hanan floh mit ihrer Familie aus Kadugli im Sudan.

„Wir hätten sterben müssen"

An dem Tag, als Hanan Tia beschloss, zu fliehen, war die Blockade noch immer in Kraft. Es gelangte kein Essen in die Stadt. „Ich wusste, dass es Zeit war, zu gehen, sonst wären wir dort gestorben. Entweder vor Hunger oder durch eine Bombe.“ Sie flohen in Etappen und machten wochenlange Pausen, wenn sie nicht mehr weiterkonnten. Ein Dorf außerhalb von Kadugli nahm sie für einen Monat auf, sie konnten bei ihrer Großmutter wohnen. Aber auch dort gab es nichts zu essen. Nicht einmal Brot. Also zogen sie weiter. Sie hatten von der Aufnahmeeinrichtung gehört. Dass es dort vielleicht Essen gäbe. Dass es dort vielleicht Hilfe gäbe. 

Die letzte Etappe hätte sie fast das Leben gekostet. „Die letzten fünf Tage waren die schwersten. Ich dachte, wir würden sterben. Wir hätten sterben müssen. Ich weiß nicht, wie wir überlebt haben“, erinnert sich Hanan mit leiser Stimme. Sie trug ihre zweijährige Tochter Fatma auf dem Rücken. Sammy trug sie vor der Brust. Er konnte nicht mehr laufen. Er konnte nicht sprechen. „Wir gingen von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends, bis die Sonne unterging und es zu gefährlich wurde, weiterzugehen. Ich breitete eine Decke aus, auf der die Kinder schlafen konnten, und sie waren so erschöpft. Um 5 Uhr morgens wachten sie auf und fragten nach Essen, aber ich hatte nichts.“

Hanan sitzt mit zwei kindenr auf einer Bank.

Unterwegs gab es keine Hilfe. „Die Menschen, denen wir begegneten, hatten auch kein Essen mehr. Einige sagten mir, ich solle weitergehen, vielleicht gäbe es irgendwo Leute mit Essen. Aber je weiter wir gingen, desto weniger Menschen trafen wir.“ Sie gingen trotzdem weiter. Sie hatten keine andere Wahl. „Sie sagten: ‚Geh weiter, die Grenze ist so nah.‘ Aber wir brauchten fünf Tage, und diese fünf Tage hätten uns fast das Leben gekostet.“ Sie tranken aus Regenpfützen. Schlammiges Wasser, vermischt mit Sand. 

Als sie endlich die Grenze erreichten, hielt sich Sammy kaum noch auf den Beinen. Jetzt läuft er wieder, spricht und spielt. In der Klinik legt ihm der Ernährungsexperte von CARE das MUAC-Band um den Arm. Es zeigt 15,1 an. Im grünen Bereich. Gesund. Hanan schaut aufmerksam zu und lächelt sanft. Sie weiß, was diese Zahl bedeutet. „Projekte wie dieses haben meinem Sohn das Leben gerettet. Ich bin allen hier sehr dankbar, die gekommen sind, um Menschen wie mir zu helfen.“

Hanan sitzt mit ihren vier Kindern an deren Schlafplatz.
Hanan sitzt mit ihren Kindern an ihrem Schlafplatz.

Ein Ort ohne Bomben

Um sie herum läuft das Leben im Aufnahmezentrum in einem langsamen, gleichmäßigen Rhythmus. Kinder versammeln sich um sechs Wasserbecken und waschen Kleidung oder sich selbst. Einige tragen gelbe Kanister mit sauberem Wasser zurück zu ihren Familien. Eine Schlange bildet sich für die Essensausgabe: Linsen und Brei. Drei Mahlzeiten am Tag. Die Portionen sind klein, aber es ist mehr, als sie vorher hatten. Hanan und ihre sechs Kinder schlafen in einem offenen Raum mit 35 anderen Menschen, da alle überdachten Bereiche bereits voll sind. „Die Zelte sind voll, aber das ist in Ordnung, denn hier sind wir sicher“, sagt Hanan. Sicher, aber nicht unversehrt.

Mit jedem Neuankömmling gelangen immer noch Nachrichten über die Grenze. Letzten Monat erfuhr sie, dass ihr Neffe in Kadugli getötet worden war. Eine Bombe traf ihn auf dem Weg zum Markt. Sie erzählt es leise, aber ohne zu zögern. Der Krieg und seine Tragödien verfolgen sie bis hierher in den Südsudan. „Ich möchte einfach nur einen sicheren Ort, an dem meine Kinder überleben können. Einen Ort ohne Bomben und Kämpfe“, schließt sie.

Ihre Spende unterstützt Aufnahmezentren für Geflüchtete im Südsudan, wo Kinder wie Sammy versorgt werden.

Jetzt spenden