Die Schuluniform liegt auf dem Bett, die Schultasche steht daneben. Heute öffnen die Schulen das erste Mal wieder seit langem. Fatima kontrolliert ein letztes Mal, ob alles eingepackt ist. Sie hatte ihre Tasche schon gestern Abend vorbereitet, aber sie will ganz sicher sein. Vor der Schule warten viele aufgeregte Mädchen darauf, dass das Tor geöffnet wird. Viele sind schon sehr früh gekommen, teilweise schon Stunden vor Schulbeginn. Dann kommt eine Lehrerin den Mädchen entgegen und sagt ihnen, dass sie nach Hause gehen müssen. Sie müssen nach Hause gehen, weil sie Mädchen sind. Die Sekundarschule wird heute nicht für Mädchen geöffnet. Es ist der 23. März in Afghanistan.

„Ich habe jeden Tag geweint, nachdem mir gesagt wurde, dass die Schulen immer noch geschlossen sind. Das war ein sehr dunkler Tag für Mädchen. Zuerst konnte ich es kaum glauben. Ich denke, wir waren alle schockiert“, erinnert sich Fatima, 18. Sie wäre in die 11. Klasse gegangen.

Ein dunkler Tag für Mädchen
„Als kleines Mädchen habe ich in der Schule Mädchen gesehen, die sehr schöne und besondere Kleidung trugen. Ich fragte meine Lehrerin danach, und sie sagte mir, dass die Mädchen ihre Abschlusskleidung tragen. Ich wollte wissen, ob ich eines Tages auch solche Kleider tragen würde, und war sehr glücklich, als sie ja sagte. Aber so weit bin ich nie gekommen“, erzählt Fatima, die neben ihrer Schwester Zahra auf einem Kissen auf dem Boden ihres Wohnzimmers sitzt. Seit drei Jahren ist sie nicht mehr zur Schule gegangen. Zuerst wegen der COVID-19-Pandemie, jetzt berauben die Einschränkungen eine ganze Generation von Frauen und Mädchen ihr Recht auf Bildung.
Keine Bildung für Mädchen gefährdet die Gesundheitsversorgung
„Ich habe meine Hoffnung verloren. Nicht zur Schule gehen zu können, hat negative Auswirkungen auf jedes Mädchen. Ich fühle mich deprimiert und psychisch belastet. Wenn ich in die Zukunft blicke, ist es dunkel. Wir leiden jeden Tag, an dem wir nicht zur Schule gehen können. Wir hatten Ambitionen, aber jetzt haben wir uns selbst verloren“, sagt Fatima. Sie möchte Ärztin werden, aber aufgrund der derzeitigen Einschränkungen wird sie nicht in der Lage sein, eine Universität zu besuchen, um sich als Ärztin ausbilden zu lassen. Dies wird sich in Zukunft auch negativ auf den Zugang von Frauen zu Gesundheitsdiensten auswirken. Es wird einen Mangel an Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen geben. Ohne eine angemessene medizinische Ausbildung für Frauen wird es keine ausgebildeten weiblichen Gesundheitsfachkräfte geben. Kulturell bedingt brauchen Frauen jedoch weibliches Gesundheitspersonal, um sich behandeln zu lassen. Frauen dürfen nicht von Männern untersucht werden.

Sticken statt Schreiben
„Jetzt habe ich nur noch freie Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich der Kleinspargruppe von CARE anschließen konnte. Sie hilft mir, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich habe gelernt, wie ich Geld für mich selbst sparen und wie ich ein Geschäft gründen kann. Ich mache jetzt Stickarbeiten und habe wieder ein wenig Hoffnung“, erklärt Fatima, während sie die Falten in der Verpackung ihrer Arbeit ausstreicht. Sie hält ein Stück Leinenstoff mit Blumenstickerei in der Hand, welches sie als Tischtuch verkaufen möchte. CARE schult Frauen und Mädchen nicht nur in handwerklichen Fertigkeiten, sondern auch darin, wie sie Geld sparen können und durch Geschäfte ein Einkommen erzielen können. Fatima und ihre Schwester Zahra, 22, verkaufen ihre Stickarbeiten auf dem lokalen Markt. Sie suchen sich zwischen den Lebensmittelständen in der geschäftigen Stadt Kabul Ladenbesitzer:innen, die ihre Handarbeit kaufen. „Ich habe immer Angst, wenn wir hinausgehen, um unsere Arbeit zu verkaufen, weil es so viele Explosionen gibt,“ sagt Zahra. Sobald sie jemanden gefunden haben, der zum Kauf bereit ist, eilen sie zurück nach Hause. „Es ist nur ein kleiner Gewinn, aber er hilft unserer Familie.“
„Ich bin dankbar, dass Fatima der Familie hilft, aber ich möchte, dass sie ihre Ausbildung fortsetzen und sich ihre Wünsche erfüllen kann", sagt Zainab, die Mutter der Mädchen. Sie hat sehr viel geweint, als sie die Nachricht erhielt, dass Fatima zu Hause bleiben muss und nicht zur Schule gehen kann. „Meine Botschaft an die Welt ist, die Türen der Schulen wieder zu öffnen, damit Mädchen ihre Hoffnungen und Wünsche erfüllen können und wir Mütter aufhören können zu weinen.“
Bitte unterstützen Sie die Hilfe von CARE in Afghanistan!















