
Amina [1] bereitet einen Kreißsaal vor. Nur eine Tür weiter warten bereits einige Frauen darauf, endlich mit Amina sprechen zu dürfen. Manche Frauen sind schwanger, andere haben ihre Babys dabei, weitere möchten Medikamente für ihre Kinder abholen. Die Klinik liegt im ländlich geprägten Herat im Westen Afghanistans und wird von CARE und der lokalen Partnerorganisation OCCD unterstützt. Die Klinik liegt weit entfernt von der Stadt, umgeben von trockenem Land und verstreuten Dörfern. Für viele Frauen ist dies der einzig halbwegs erreichbare Ort, an dem sie eine Hebamme aufsuchen, Medikamente erhalten oder sicher entbinden können. Amina lebt für ihren Beruf. „Wenn eine Mutter und ihr Kind mein Zimmer gesund verlassen, macht mich das glücklich“, sagt sie. „Die Gesundheit von Müttern und Kindern hat für mich oberste Priorität.“
Seit elf Jahren arbeitet sie als Hebamme – vier davon in diesem Krankenhaus. Dabei ist bereits der Berufsweg eine Herausforderung. Insgesamt sitzt sie vier Stunden am Tag im Auto. Zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. „Die Fahrt ist lang und anstrengend, aber ich mache weiter, weil ich weiß, was passieren würde, wenn Frauen nicht schnell an medizinische Versorgung kommen“, erzählt Amina. Dabei war für sie früh klar, dass sie Frauen in der vielleicht vulnerabelsten Situation ihres Lebens helfen möchte: einer Geburt. Amina hatte bereits miterlebt, wie Bekannte während der Geburt gestorben sind, weil es kein Krankenhaus in der Nähe gab. Sie hat aus dieser Erfahrung Konsequenzen gezogen. Heute begleitet sie Frauen durch Schwangerschaft, Geburt und die Zeit nach der Entbindung. Sie bietet Vor- und Nachsorgeuntersuchungen, Impfungen und Geburtsplanung an. Mittlerweile haben sogar viele Frauen Aminas Handynummer, damit sie die Hebamme erreichen können, falls nachts Komplikationen auftreten.

Hohe Müttersterblichkeit und fehlende Versorgung
Solche Komplikationen können in Afghanistan lebensgefährlich werden. Das Land hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten weltweit: Schätzungen aus dem Jahr 2024 gehen davon aus, dass rund 638 Todesfälle auf 100.000 Lebendgeburten kommen. Viele Frauen bringen ihre Kinder noch immer ohne Zugang zu qualifiziertem Gesundheitspersonal oder geburtshilflicher Notfallversorgung zur Welt – besonders in ländlichen Regionen, wo die Wege weit und medizinische Einrichtungen rar sind. Mehr als 10,7 Millionen Frauen und Mädchen in Afghanistan werden im Laufe dieses Jahres humanitäre Hilfe benötigen. Konflikte, wirtschaftliche Krisen, Dürre und Unterfinanzierung haben das afghanische Gesundheitssystem geschwächt. Zudem herrscht ein gravierender Mangel an weiblichen Gesundheitsfachkräften.

Ein langer Weg für medizinische Hilfe
Die junge Mutter Aisha [2] sitzt auf dem Boden der Klinik. Während der dreijährige Sohn ruhig neben ihr sitzt, hält sie ihr kleines Baby im Arm. Die Hände des Kindes sind winzig, denn es ist nicht mal einen Monat alt. Ihr Heimatdorf liegt etwa zwei Stunden entfernt. „Manchmal gehen Familien zu Fuß zur Klinik oder kommen mit einem Esel. Wenn sie Glück haben, besitzt jemand ein Motorrad. Wir haben nicht viel Geld“, sagt sie. „Wir können uns weder private Ärzte noch Medikamente leisten.“ Während ihrer Schwangerschaft kam sie regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung in die Klinik. Jetzt kehrt sie mit ihrer neugeborenen Tochter für Nachsorge, Ernährungsunterstützung und Medikamente zurück.
Die Klinik bietet Untersuchungen, Nahrungsergänzungsmittel und Behandlungen kostenlos an. Doch der finanzielle Aspekt ist nicht der einzige Grund, weshalb Frauen hierherkommen. In der Klinik finden sie Beratung und werden mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen. Einen Ort, an dem Mütter wie Aisha gehört werden. „Wenn diese Klinik nicht hier wäre, wäre es sehr schwer für uns“, sagt sie leise. „Wir hätten keinen Ort, an den wir gehen könnten.“

Mehr Bedarf, weniger Ressourcen
Der Bedarf wächst weiter. Afghanistan ist mit zunehmender Ernährungsunsicherheit und sich verschärfender Mangelernährung konfrontiert. Schätzungsweise 1,2 Millionen schwangere und stillende Frauen werden in diesem Jahr unter akuter Mangelernährung leiden. Millionen von Kindern werden auf medizinische Unterstützung angewiesen sein, weil sie nicht genug zu essen haben. Anhaltende Dürre und die Rückkehr von mehr als fünf Millionen Geflüchteten aus Iran und Pakistan belasten die ohnehin überlasteten Gesundheitsdienste zusätzlich, besonders in Grenzprovinzen wie Herat. Amina sagt, dass sich die Situation für Frauen, die medizinische Versorgung suchen, in den letzten Jahren verschlechtert habe. Es gebe weniger weibliche Gesundheitsfachkräfte, besonders in abgelegenen Gebieten, während Kliniken mit knapperen Ressourcen und steigenden Patientenzahlen kämpfen. Manche Frauen kommen noch immer zu spät zur Behandlung, weil es keine Transportmöglichkeiten gibt, der Weg zu weit ist oder Familien zu Hause hoffen, dass Komplikationen von selbst verschwinden.

Hoffnung unter Druck
Und nun steht auch diese Klinik vor einer ungewissen Zukunft. Die humanitäre Finanzierung für Afghanistan ist stark zurückgegangen. Bereits die Kürzungen der humanitären Hilfe im Jahr 2025 führten zur Schließung von mehr als 422 Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land. Dadurch verloren rund drei Millionen Menschen den Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung. Familien sind ratlos, weil es keine Alternativen gibt. Sollten die Finanzierungskürzungen anhalten, gibt es noch weniger medizinische Versorgung und mehr Frauen in abgelegenen Dörfern müssten ohne eine Hebamme ihr Baby zur Welt bringen. Für kranke Kinder kann eine verspätete oder fehlende Behandlung den Tod bedeuten.
Auch für Amina würde sich der Arbeitsalltag nochmals erschweren, da sie mit weniger Ressourcen auskommen müsste. Sie weiß, worum es geht, denn sie hat gesehen, was passiert, wenn medizinische Hilfe zu weit entfernt ist. Aktuell sind die Türen des Krankenhauses glücklicherweise noch offen. Im Kreißsaal setzt Amina ihre Arbeit fort und hilft Frauen dabei, sicher zu entbinden. An einem Ort, an dem der Zugang zu Gesundheitsversorgung äußerst fragil ist.
Ihre Spende hilft dabei, Krankenhäuser offenzuhalten und damit die Gesundheit von Frauen und Kindern zu stärken.
[1] Name geändert.
[2] Name geändert.
Quellen
- OCHA: Afghanistan: Humanitarian Needs and Response Plan 2026, Dezember 2025
- IPC: Afghanistan: IPC acute malnutrition analysis, Dezember 2025


















