Hayfa Salah überlebte einen Genozid. Jetzt hilft die Sozialarbeiterin anderen Ezidinnen, sich gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder zu wehren.
Die Sonne brennt unbarmherzig vom blassblauen Himmel, als Hayfa Salah einen zerschlissenen Stoff zur Seite schiebt und ein stickiges Zelt betritt. Draußen herrschen 40 Grad, im schummrigen Inneren der windschiefen Behausung sind es gut zehn Grad mehr. Hier lebt Nazan (Name geändert) mit ihren vier Kindern und ihrem Mann. Sie ist eine von Hundertausenden Ezidinnen und Eziden, die 2014 vor dem von Terrorgruppierungen verübten Genozid in den Nordirak flohen und seitdem in trostlosen Camps für Binnenvertriebene und tristen Siedlungen darauf hoffen, in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Wer hier lebt, hat Terror überlebt. Doch unverarbeitete Traumata, patriarchalische Strukturen und die Perspektivlosigkeit des Lebens im Transit führen dazu, dass viele ezidische Frauen und Kinder auch in den Zelten und ärmlichen Behausungen im Nordirak immer wieder Gewalt ausgesetzt sind. Hayfa Salah von CAREs Partnerorganisation „The Lotus Flower“ kämpft jetzt mit Aufklärung, Empowerment und ihrer eigenen Lebensgeschichte dafür, dass ezidische Frauen und Mädchen in Sicherheit und Würde leben können.

Gewalt bleibt ein Problem
„Machen Euch die Temperaturen zu schaffen?“, fragt Hayfa Salah, die 24-jährige Nazan, die sich zum Stillen ihrer jüngsten Tochter in die Hitze ihres Zeltes zurückgezogen hat. Die Lotus-Flower-Mitarbeiterin weiß, dass die durch den Klimawandel immer höheren Temperaturen gefährlich sind. In den Sommermonaten sterben immer wieder Menschen an Hitzschlägen. Die Opfer sind meist Babys und Alte. Doch die Hitze ist nicht nur gefährlich, weil sie die Körpertemperatur über 40 Grad steigen lassen kann, sie erhitzt auch die Gemüter: „Jedes Mal, wenn die Hitze unerträglich wird, rasten Menschen aus. Die Gewalt, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, nimmt dann noch mehr zu“, erzählt Salah. Sie weiß, wovon sie spricht, denn die 30-Jährige arbeitet seit fünf Jahren als Sozialarbeiterin für die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt.
Damit es gar nicht erst zu Gewalt kommt, klärt sie Kinder, Frauen und Männer bei Workshops und Haus- und Zeltbesuchen über Kinder- und Frauenrechte auf und hilft Frauen, Komitees zu gründen, damit sie ihre Interessen gemeinsam vertreten können. Wurden Frauen und Kinder bereits zu Opfern, versucht sie mit den betroffenen Familien Lösungen zu finden. Besonders schwierige Fälle leitet sie an die wenigen Psychotherapeutinnen und -therapeuten weiter, die sich um die Binnenvertriebenen kümmern. Möchten Frauen häusliche Gewalt bei der Polizei anzeigen, unterstützt Salah sie dabei.
„Bis ich mit ihnen spreche, kennen viele Frauen ihre Rechte gar nicht. Sie wissen oft gar nicht, dass ihre Männer sie nicht schlagen oder sich an ihnen vergehen dürfen. Bei uns Eziden waren die Frauen nie gleichberechtigt und haben schon immer unter geschlechtsspezifischer Gewalt gelitten“, berichtet die Lotus-Flower-Mitarbeiterin.
Die Ezidin ist überzeugt, dass die meisten Männer ihre Frauen und Töchter eigentlich nicht schlecht behandeln wollen, sie aber – bewusst oder unbewusst – patriarchale, oft brutale Verhaltensmuster übernehmen. „Sie machen das nach, was ihre Väter und Großväter ihnen vorgelebt haben. Wir versuchen, diese schlimmen Traditionen durch Aufklärung und das Aufzeigen von Alternativen zu durchbrechen“, erklärt Salah. Dennoch haben Traumata und die schlimme und perspektivlose Lage in den Camps und informellen Siedlungen, in denen die Ezid:innen leben, die Lage in den letzten elf Jahren verschärft.


Voller Einsatz trotz eigener Schicksalsschlägen
Alle Familien, um die Hayfa sich seit fünf Jahren im Norden Iraks kümmert, haben während des Genozids Angehörige verloren. Viele Frauen wurden vergewaltigt, andere warten seit elf Jahren darauf, dass ihre Kinder endlich aus Gefangenschaft, Verschleppung und Lagerhaft heimkehren. Manche sind so verzweifelt, dass sie versucht haben, sich umzubringen.
Rückgänge in der Finanzierung von Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe haben dazu geführt, dass viele Hilfsangebote für die geflohenen Ezidinnen und Eziden eingestellt wurden und die Lebensbedingungen in den Lagern für Binnenvertrieben sich dramatisch verschlechtert haben. Die Ankündigung der irakischen Regierung die Camps zu schließen, hat die Angst der Ezidinnen und Eziden in eine gefährliche und zerstörte Heimat zurückkehren zu müssen, weiter verstärkt.
Die Gespräche mit den traumatisierten Frauen in den Camps wecken bei Hayfa Salah jedes Mal schlimme Erinnerungen. Weil es im heillos überladenen Auto, mit dem ihre Familie am 3. August 2014 vor den mordenden Schergen in die Berge floh, keinen Platz mehr gab, versteckte die älteste von sieben Geschwistern sich zunächst drei Tage lang mit ihrem Großvater im Haus der Familie. Sie wusste, dass sie als damals 19-jährige, unverheiratete Frau besonders gefährdet war, von den Kämpfern verschleppt und vergewaltigt zu werden. Schließlich schaffte sie es im Morgengrauen auf einem Traktor mit ihrem Großvater doch noch in die Berge. Neun Tage überlebte sie in der kargen Landschaft. Sie sah Babys, Kinder, Frauen und Männer, die vor Erschöpfung gestorben oder verdurstet waren. Dann gelang ihr die Flucht in den sichereren Nordirak.
Dort lebt sie seit fast elf Jahren im selben Zelt. Sie teilt es sich mit ihrer seit dem Genozid herzkranken Mutter, ihrem gehbehinderten Vater und ihren fünf jüngeren Schwestern.Ihr Einkommen, umgerechnet rund 790 Euro, muss für die ganze Familie reichen. „Weil ich mit meiner Arbeit für sie ein großes Vorbild bin und für sie alle sorge, nennen meine Schwestern mich `Mama´“, erzählt Salah verlegen und auch ein bisschen stolz.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben
„Ich bin Kämpferin für Frauen- und Mädchenrechte geworden, weil ich mir gewünscht hätte, dass es Frauen wie mich schon gegeben hätte, als ich ein Kind war. Ich hätte mir gewünscht, dass jemand meinen Eltern gesagt hätte, dass es nicht in Ordnung ist, dass Kinder und Jugendliche wie ich auf Feldern und Baustellen in der Hitze unbeaufsichtigt schuften. Immer wieder ist es dort passiert, dass Mädchen von älteren Männern missbraucht wurden“, berichtet Salah. „Darum möchte ich dazu beitragen, dass selbstbewusste Mädchen zu starken Frauen heranwachsen“, so die Sozialarbeiterin.
Sollte sie eines Tages einen Mann finden, der kein Problem mit einer starken Frau hat, möchte sie irgendwann eigene Kinder haben: „Ich werde sie so erziehen, wie ich selbst gerne erzogen worden wäre“, sagt die Ezidin.

Die Sozialarbeiterin liebt ihren Job, dennoch würde sie gerne möglichst bald ihr unterbrochenes Wirtschaftsstudium fortsetzen, um anschließend für die irakische Regierung zu arbeiten. In einem klimatisieren Büro möchte sie dann Gesetze auf den Weg bringen, die dafür sorgen sollen, dass alle Mädchen und Frauen gleichberechtigt an der Zukunft eines freien und sicheren Irak mitarbeiten können. Bis es so weit ist, geht sie weiterhin bei über 40 Grad auf staubigen Pfaden von Zelt zu Zelt und klärt Frauen und Mädchen darüber auf, dass sie schon jetzt Anspruch auf ein Leben ohne Gewalt haben.
Mit Ihrer Spende zum Welttag der humanitären Hilfe unterstützen Sie die wichtige Arbeit von engagierten Frauen wie Hayfa!




















