
Auf den ersten Blick wirkt das Leben im Irak vertraut. Menschen sind unterwegs zur Arbeit, vor geöffneten Geschäften warten Kund:innen, der Alltag scheint seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Doch dieser Eindruck täuscht. Schon beim zweiten Hinsehen wird deutlich: Von echter Normalität kann keine Rede sein. Schulen bleiben geschlossen, Kinder lernen online, und Familien müssen ihren Tagesablauf ständig neu organisieren. Eine weitere Herausforderung ist, dass der Strom zum Teil bis 17:00 Uhr abgestellt wird. Um arbeiten zu können, weichen viele in Cafés aus, denn hier gibt es über Generatoren Strom. Planen und Umplanen gehört nun zum Alltag. Im Norden des Irak liegt die Stadt Erbil. Tagsüber sind hier Drohnen zu sehen und die Stille der Nacht wird fast immer von Explosionen durchbrochen. Doch längst beschränken sich diese nicht mehr auf die Dunkelheit. Erst vor Kurzem wurden bei einem Raketenangriff mehrere Menschen getötet. Alltag im Irak.
Die fragile Hoffnung auf Frieden
Diese Momente reißen Menschen aus ihrem Alltag, unterbrechen jede Routine – und doch werden sie mit der Zeit zu etwas, das zum Leben dazugehört. Unsicherheit und Ungewissheit werden zu ständigen Begleitern. Und doch ist damit zu leben schwer. Eine Kollegin aus Erbil erzählte, dass ihre Kinder durch die Explosionen nachts immer wieder wach werden und weinen.

Doch noch größer als die unmittelbare Angst vor Explosionen ist die Sorge vor einer Eskalation des Konflikts. Die Menschen im Irak haben so lange im Krieg gelebt, dass sich langsam ein zartes Gefühl von Frieden einstellte. Gerade deshalb ist die neue Unsicherheit nur schwer zu ertragen. Es geht weniger um die akuten Risiken als um das, was noch zu kommen droht: die Angst, dass das zarte Pflänzchen des Friedens kaputtgeht. Das CARE-Team im Irak erhält jeden Tag Sicherheitsupdates, um über die neuesten Entwicklungen informiert zu bleiben. Die Updates sind schon Teil des neuen Alltags geworden, ebenso wie das ständige Nachrichtenschauen und der Austausch mit Kolleg:innen. Immer wieder müssen Entscheidungen getroffen werden: Ist es sicher, ins Büro zu gehen? Oder ist es besser, von zu Hause aus zu arbeiten?
Kraftquellen finden
Ich persönlich versuche, mich so gut wie möglich zu informieren und mit anderen in Kontakt zu bleiben. Ich schaue Nachrichten, spreche mit Kolleg:innen und fokussiere mich auf meine Arbeit. Außerdem hilft es mir, an Dingen festzuhalten, die mir Halt geben, wie zu fotografieren, zu designen oder für meine Familie zu kochen und mit ihnen abends zu essen.

Selbst in vergleichsweise ruhigeren Regionen wie Duhok ist die Anspannung spürbar. Sie zeigt sich in Gesprächen, im ständigen Blick auf die Nachrichten und in der stillen Sorge, die den Alltag begleitet. Und sie wird immer wieder durch laute Explosionen unterbrochen, die daran erinnern, wie fragil die Situation ist. Und so ist eben nur auf den ersten Blick alles normal.
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