In einem Camp bei Dohuk im Nordirak sitzt Alik, 70, still neben ihrem Ehemann Jiyan, 80. Seit zehn Jahren lebt das ezidische Ehepaar in einem Zelt, das sie kaum vor der extremen Hitze des irakischen Sommers schützt. Im August 2014 flohen sie aus ihrem Heimatdorf in Sindschar – während einer brutalen Angriffswelle gegen die ezidische Bevölkerung. In diesem Jahr wurden über zehntausend Ezid:innen getötet oder verschleppt – viele von ihnen sind nie zurückgekehrt. Mehr als 2.500 gelten bis heute als vermisst.

„Vor dem Völkermord war das Leben gut“, sagt Alik. „Hier sind wir arme Leute. Im Sommer haben wir Angst, dass unsere Zelte Feuer fangen.“ Draußen steigen die Temperaturen auf bis zu 48 Grad Celsius. Im Inneren des Zeltes wird es noch heißer, über 50 Grad. Ein kleiner Ventilator summt vergeblich gegen die Hitze an, Stromausfälle sind häufig.

„Was uns Ezid:innen damals angetan wurde, hat tiefe Spuren in uns hinterlassen“, erinnert sich Alik. „Als sie in unser Dorf kamen, sind alle, die ein Auto hatten, sofort geflohen. Die anderen blieben zurück – sie mussten rennen oder sterben. Meine ganze Familie hat sich in einem Haus versammelt, wir hatten solche Angst, dass keiner mehr schlafen konnte.“ Ihr ältester Sohn fand schließlich ein Auto und versuchte, sie zu retten. „Aber ich wollte niemanden zurücklassen. Lieber wollte ich sterben, als meine Familie im Stich zu lassen. Ich sagte: Nur wenn alle mitkommen können, dann komme ich auch. Also flohen zuerst die Jüngeren. Mein Sohn versprach, zurückzukommen, aber als er es versuchte, wurde auf ihn geschossen.“
Als sich bewaffnete Gruppen dem Dorf näherten, wussten Alik und Jiyan: Sie konnten nicht länger warten. „Wir machten uns zu Fuß auf den Weg – zu fünft. Wir hatten nur eine Flasche Wasser dabei, aber wir kamen nicht weit. Vor uns hielten bewaffnete Männer Menschen und Autos an und schossen auf sie.“

Sie rannten und versteckten sich in einem verlassenen Haus. „Als wir ankamen, standen alle Türen und Fenster offen. Das Erste, was wir taten: Wir schlossen alles. Dann schalteten wir unsere Handys aus, um kein Geräusch zu machen.“ Kaum war die letzte Tür zugezogen, klopfte jemand laut. „Wir hielten den Atem an, bewegten uns nicht. Wir dachten: Das war es. Jetzt sterben wir.“ Das Dorf lag in gespenstischer Stille. Keine Tiere. Keine Menschen. Nur das Klopfen – und in der Ferne Schüsse. Zwei Nächte lang blieben sie in dem leerstehenden Haus. „Es war heiß. Die Sonne brannte. Aber wir hatten zu viel Angst, uns zu rühren oder ein Geräusch zu machen.“ In der ersten Nacht flogen Flugzeuge über das Gebiet, und plötzlich gingen in allen Autos im Dorf die Lichter an – ein verzweifeltes Signal: Hier ist noch Leben. Am zweiten Abend war der Durst kaum noch auszuhalten. „Einer meiner Söhne sagte, er würde Wasser holen. Wir führten eine geflüsterte, ängstliche Diskussion: Was sollen wir tun? Dann sagte mein Sohn: ‚Wir müssen fliehen, egal was passiert. Selbst wenn nur zwei von uns durchkommen – besser, als wenn wir alle in diesem Haus sterben.‘“
Tropfen für Tropfen
Alik und Jiyan trugen weiße, traditionelle Kleidung, die im Dunkeln leicht zu erkennen war. Ihr Sohn ging als Erster hinaus und bat sie zu warten. In der Ferne hörten sie Flugzeuge, dann Schüsse. Dann nichts. Sie beschlossen, sich in zwei Gruppen aufzuteilen. „Ich war mit meinem Sohn und meiner Tochter in einer Gruppe. Wir liefen bis zur Hauptstraße. Und dann weiter. Und weiter. Die ganze Nacht. Von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens, bis wir endlich die Berge erreichten. Dort trafen wir glücklicherweise wieder auf meinen Mann und meine andere Tochter.“
Ihr Mann musste das letzte Stück getragen werden. Er konnte nicht mehr gehen. Acht Tage lang blieb die Familie in den Bergen. Ohne Essen, ohne Vorräte, nur mit der Kleidung, die sie trugen, und einer leeren Wasserflasche. „Wir haben uns aufgeteilt, eine Person ging jeweils Wasser suchen“, erzählt Alik. „Wir machten ein kleines Loch in den Deckel der Flasche, damit man jedes Mal nur einen Tropfen trinken konnte. Wir mussten sparen, so gut es ging. Wir hatten solchen Durst. So viele sind gestorben, weil es nicht genug Wasser für alle gab.“ Sie schliefen auf blankem Fels. Tagsüber brannte die Sonne, genau so heiß wie heute. Es gab keinen Schatten, kein Dach und keinen Schutz.
Einen Völkermord überleben
Seit mehr als zehn Jahren leben sie jetzt in einem Camp für Binnenvertriebene im Nordirak nahe ihrer Heimat Sindschar. Sie haben kein Einkommen, kein Land und keine Möglichkeit, nach Sindschar zurückzukehren. Das Trauma ihrer Flucht und die Härten des Camplebens haben ihre Gesundheit stark belastet. „Wir hatten kein Geld für Ärzte. Wir sind nicht im Völkermord gestorben, aber wir sterben langsam hier im Camp“, sagt Alik.


Ein Jahrzehnt nach dem Völkermord sind die Bedürfnisse der ezidischen Überlebenden weiterhin enorm. Heute sind schätzungsweise 180.000 Ezid:innen vertrieben und leben sowohl in als auch außerhalb von Camps im Nordirak. Die Rückkehrquoten nach Sindschar gehören zu den niedrigsten im ganzen Land. Für viele bedeutet eine Rückkehr in ihre Heimatregion, in eine Gegend zurückzukehren, in der mehr als 75 Prozent der Privathäuser und wichtigen Infrastruktur zerstört wurden – und in vielen Fällen immer noch zerstört sind. Es gibt keine funktionierenden Schulen, keine Jobmöglichkeiten, keine sicheren Straßen und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Landwirtschaft, einst die Haupteinnahmequelle der Region, ist zusammengebrochen. Dürreperioden haben das Land ausgedörrt, und der Klimawandel macht das Leben noch unerbittlicher. Für viele gibt es schlicht keinen Weg zurück. Sie warten auf sichere Bedingungen, auf Wiederaufbau und auf Gerechtigkeit.
CARE-Hilfe im Nordirak
CARE unterstützt Familien wie die von Alik und Jiyan und setzt sich dafür ein, dass sie nicht vergessen werden. CARE und Partnerorganisation, wie The Lotus Flower helfen Überlebenden des Genozids. Sie kümmern sich vor allem um Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Menschen ohne wichtige Dokumente wie Ausweise oder Geburtsurkunden, Mädchen und Frauen mit seelischen Problemen, Familien in Wohnungsnot und Menschen mit Behinderungen, außerdem ältere Personen und frauengeführte Haushalte. Ziel ist es, diesen Menschen mehr Sicherheit und Unterstützung im Alltag zu geben.
Unterstützen Sie uns bei dieser Arbeit für die Ezid:innen im Nordirak mit Ihrer Spende!























