Zwölf Jahre nach dem Genozid an den Ezid:innen leben tausende Familien im autonomen Norden des Iraks noch immer fernab ihrer Heimat. Auch wenn die Gewalt vor Jahren geendet hat, prägen ihre Folgen den Alltag der Menschen bis heute. Viele Überlebende kämpfen weiterhin mit den Auswirkungen der Vertreibung: Unterbrochene Schulbildung, chronische Erkrankungen, finanzielle Unsicherheit und die Ungewissheit über die Zukunft bestimmen ihr Leben.

Marwa und Kuchar gehören zu den Menschen, die trotz der anhaltenden Folgen von Flucht und Vertreibung versuchen, ihren Familien wieder Stabilität zu geben. In einem von CARE unterstützten Gemeindezentrum finden sie Unterstützung, unter anderem durch psychologische Beratung, um mit den Folgen ihrer Erfahrungen umzugehen.

Die informelle Siedlung in Sharya in der Region Dohuk.
Die informelle Siedlung in Sharya, in der Region Dohuk. Hier leben Marwa und Kuchar.

Marwa: Auf der Suche nach Unterstützung

Marwa (27) ist in Dogre im Distrikt Sindschar geboren und aufgewachsen. Bis 2014 besuchte sie dort die Schule und schloss die vierte Klasse ab. Als die Gewalt ihre Heimat erreichte, floh sie mit ihrer Familie in den Nordirak, mit der Hoffnung auf einen Neuanfang. 

Wie für viele vertriebene ezidische Kinder bedeutete die Flucht für Marwa jedoch auch das Ende ihrer Schulbildung. Die Schulen, die sie in der neuen Umgebung besuchen konnte, unterrichteten auf Kurdisch, während sie in Sindschar auf Arabisch gelernt hatte. Als Marwa Jahre später ihre Ausbildung fortsetzen wollte, erfuhr sie, dass sie dafür Unterlagen ihrer ehemaligen Schule benötigt. Zu diesem Zeitpunkt war die Schule jedoch bereits zerstört und damit auch die Unterlagen für ihre Ausbildung. „Mein Wunsch zu lernen ist nie verschwunden“, sagt sie. „Ich weiß nur nicht, wie ich weitermachen soll.“

Marwa zeigt Bilder von ihrer Hochzeit.

Nachdem sie mehrere Jahre bei Verwandten gelebt hatte, heiratete Marwa schließlich ihren Cousin, der 2014 ebenfalls mit seiner Familie aus Sindschar geflohen war. Heute lebt das Paar mit seinen beiden Kindern, dem sechsjährigen Anas und der fünfjährigen Alma, in einer informellen Siedlung in der Provinz Dohuk. Als sie von ihrem Mann erzählt, lächelt sie. Schon vier Jahre vor ihrer Hochzeit hatte sie sich in ihn verliebt. „Meine schönste Erinnerung ist unsere Hochzeit“ sagt sie. „Und meine Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist.“

Ihr Mann arbeitet als Gelegenheitsarbeiter, sofern es Beschäftigung gibt. Aufgrund einer Diabeteserkrankung ist er auf tägliche Insulinspritzen angewiesen. Aus Sorge um ihre finanzielle Zukunft haben Marwa und ihr Mann entschieden, keine weiteren Kinder zu bekommen. „Wir könnten uns das nicht leisten“, erklärt Marwa.

Obwohl vor Jahren im Rahmen eines Registrierungsverfahrens für arbeitslose Familien staatliche Hilfe zugesagt wurde, hat Marwa nach ihren eigenen Angaben bis heute keine Unterstützung erhalten. Eine Rückkehr nach Sindschar kommt für sie derzeit nicht infrage. „Wir haben dort nichts“, erklärt sie. „Kein Haus, keine Arbeit. Sogar Trinkwasser muss gekauft werden, weil das Wasser vor Ort nicht trinkbar ist. Hier haben wir wenigstens zwei Zimmer.“

Routinen und Freundschaften schaffen Alltag

Trotz der anhaltenden Herausforderungen findet Marwa Trost in kleinen Routinen. Jeden Morgen, noch bevor ihre Kinder aufwachen, geht sie mit ihrer Nachbarin Kuchar spazieren. Was zunächst als Möglichkeit gedacht war, Kuchar, die genau wie Marwas Mann an einer Diabetes leider, zu mehr Bewegung zu motivieren, ist mit der Zeit zu einer engen Freundschaft geworden. Mehr als eine Stunde laufen die beiden Frauen gemeinsam durch die Siedlung und tauschen sich aus.

Zu Hause kümmert sich Marwa außerdem um Hühner und einen Hahn im kleinen Hinterhof ihrer Unterkunft. Für die Anschaffung der Tiere lieh sie sich 200.000 Irakische Dinar (etwa 134 Euro). Die tägliche Versorgung der Tiere hilft ihr, mit dem Stress und den Sorgen umzugehen.

Marwa mit einem ihrer Huehner.
Marwa mit einem ihrer Tiere. Sich um sie zu kümmern, lässt sie die Alltagssorgen kurzzeitig vergessen.

Doch trotz dieser Momente bleiben die Folgen von Flucht und Vertreibung und die damit einhergehende emotionale Belastung bestehen. Als ihre Nachbarin Kuchar ihr von dem von CARE unterstützten Gemeindezentrum erzählt, beschließt Marwa, die Unterstützung dort in Anspruch zu nehmen.

„Ich würde gerne zu psychologischen Sitzungen gehen“, sagt sie leise. „Es gibt Dinge, über die ich mit jemandem sprechen möchte, von dem ich weiß, dass er sie vertraulich behandelt. Manchmal fühle ich mich überfordert.“

Sehnsucht nach Stabilität

Besonders oft denkt Marwa an ihre Heimat Sindschar zurück. An eine Kindheit, in der sie von ihren Verwandten und Freunden umgeben war. Einige von ihren Freunden leben inzwischen im Ausland. „Ich wünschte, ich könnte auch gehen, aber uns fehlt die finanzielle Sicherheit.“ sagt sie. „Wir haben weder ein festes Gehalt noch eine verlässliche Einnahmequelle.“ Da Marwa mit ihrer Familie außerhalb eines offiziellen Flüchtlingscamps lebt, erhält sie außerdem wenig humanitäre Unterstützung. Marwas größter Wunsch ist es deshalb mit einem regelmäßigen Einkommen ihrer Familie langfristig ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Marwa verbringt Zeit mit ihren Kindern.
Marwa und ihre Tochter in ihrem Zuhause

Kuchar: Neue Kraft durch psychosoziale Unterstützung

Nur wenige Kilometer von Marwa entfernt lebt die 54-jährige Kuchar mit ihrem Ehemann Haji (74) und ihrem unverheirateten Sohn. Auch sie flohen 2014 aus ihrer Heimat Sindschar. „Das ist eine Erinnerung, die wir gerne vergessen würden“, sagt sie.

Nach ihrer Flucht lebte die Familie viele Jahre in unfertigen Gebäuden. Erst vor vier Jahren hatten sie so viel Geld angespart, um sich für eine Million Irakische Dinar (etwa 670 Euro) eine bescheidene Unterkunft in einer informellen Siedlung zu kaufen, in deren Nähe einer ihrer verheirateten Söhne lebt.

Kuchar und Haji haben sechs Kinder: vier Söhne und zwei Töchter. Bis auf den Sohn, der noch bei ihnen lebt, haben alle inzwischen geheiratet. Einer ihrer Söhne lebt mit seiner Familie in Deutschland.

Kuchar und ihr Mann leiden beide unter chronischen Erkrankungen, Haji an einer Herzerkrankung, Kuchar an Diabetes. „Ich mache mir Sorgen um meine Gesundheit, meinen Sohn und unsere finanzielle Situation“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Kuchar vor ihrem Zuhause in der Siedlung.
Kuchar treiben Sorgen um ihre Familie um.

Vor einigen Monaten wurden diese Sorgen so belastend, dass Kuchar im Gemeindezentrum psychologische Unterstützung suchte. „Die Sitzungen im Gemeindezentrum haben mich verändert“, sagt sie. „Ohne sie wäre ich heute nicht die Person, die ich bin. Die Mitarbeitenden haben mich immer ermutigt, wiederzukommen.“

Auch für Kuchar ist es keine Option, nach Sindschar zurückzukehren. „Hier haben wir Zugang zu Wasser, Strom, medizinische Versorgung. Wir haben hier mehr Freiheit“, sagt sie. „In Sindschar fehlt es vielerorts noch immer an grundlegender Infrastruktur.“ Mit den Jahren haben Kuchar und ihr Mann in ihrer neuen Nachbarschaft Freundschaften geschlossen. Trotz der Herausforderungen, die ihr Leben weiterhin prägen, haben sie sich dort ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit aufgebaut.

Bei ihren alltäglichen Aufgaben im Haushalt bekommt Kuchar Unterstützung von Schwiegertochter Malak. Vor kurzem verlor Malaks Familie bei einem Brand wichtige Ausweisdokumente. Über das Gemeindezentrum erhält sie nun Unterstützung, um diese Dokumente zu ersetzen. Um zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen, verlässt Malak bereits um 3 Uhr in der Nacht das Haus. Bis 10 Uhr arbeitet sie auf den Kartoffelfeldern und verdient dabei einen Tageslohn von 10.000 Irakischen Dinar (etwa 6,70 Euro).

Solidarität mit den Überlebenden

Zwölf Jahre nach dem Genozid an den Ezid:innen zeigen die Geschichten von Marwa und Kuchar, wie die Folgen von Flucht und Vertreibung bis heute den Alltag der Menschen prägen. Sei es durch unterbrochene Bildungswege, fehlende Einkommensmöglichkeiten, psychische Belastungen oder den eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Viele Familien sind weiterhin zwischen dem Ort, der eins ihr Zuhause war und den sie zurücklassen mussten und einer ungewissen Zukunft hin- und hergerissen.

Warveen aus dem Gemeindezentrum bei der Arbeit
Warveen ist Mitarbeiterin im von CARE unterstützten Gemeindezentrum in Sharya. „Manchmal genügt schon eine kleine Geste, um jemanden daran zu erinnern, dass er nicht vergessen ist."

In einer Zeit, in der die humanitären Mittel zurückgehen und viele Dienste eingestellt werden, ist der Zugang zu gemeindenaher Unterstützung zunehmend eingeschränkt. Dank der Finanzierung durch das Europäische Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO) bleibt das von CARE unterstützte Gemeindezentrum einer der wenigen Orte, an denen vertriebene ezidische Familien in einen geschützten und vertraulichen Umfeld Unterstützung erhalten. Das Angebot umfasst psychologische und psychosoziale Beratung, individuelles Fallmanagement, Schutzdienste und Weitervermittlung an weitere Hilfsangebote. Für Frauen wie Marwa, Kuchar und Malak ist das Zentrum weit mehr als eine Anlaufstelle für praktische Hilfe. Es ist ein Ort, an dem sie Gehör finden, neues Selbstvertrauen finden, ihre Widerstandsfähigkeit stärken und Schritt für Schritt lernen, mit den Folgen ihrer Erlebnisse umzugehen.

Über die Arbeit mit ihnen sagt Warveen, die für die CARE-Partnerorganisation The Lotus Flower im Gemeindezentrum arbeitet: „Ich kann ihren Schmerz nicht nehmen und ihnen nicht zurückgeben, was sie verloren haben. Aber wenn ich auch nur einem einzigen Menschen einen Moment der Hoffnung, des Trosts oder der Würde schenken kann, dann hat meine Arbeit einen Sinn. Manchmal genügt schon eine kleine Geste, um jemanden daran zu erinnern, dass er nicht vergessen ist. Für Menschen, die über lange Zeit so viel Leid ertragen haben, kann genau diese Erinnerung von unschätzbarem Wert sein.“

Unterstützen auch Sie die wichtige Arbeit für ezidische Frauen wie Marwa und Kuchar mit Ihrer Spende!

Jetzt spenden