Mit 50 Jahren bewegt sich Nucan schnell, ihr langes Kleid streift den staubigen Boden, während sie die Hauptstraße des Camps entlang eilt. Die Hitze treibt sie voran - 48 Grad und steigend. Je schneller sie geht, desto eher erreicht sie den Schatten ihres Ladens. Die schmale Straße ist größtenteils still, die Sonne steht hoch am Himmel, die Hitze lastet wie ein Gewicht auf allem, brennt durch die Haut und verlangsamt jeden Atemzug.
Ihr Laden ist eine kleine, zwei mal zwei Meter große Einheit mit rot gestrichener Front, zwischen einem Imbissstand und einem Herrenbekleidungsgeschäft. Drinnen ist es noch heißer – das niedrige Dach aus Wellblech staut die unbewegte Luft. Das Atmen fällt schwer. Der Laden ist dunkel. Strom gibt es nur unzuverlässig, und Nucan spart, was sie kann, mit ihrem kleinen Generator. „Ich habe keine andere Wahl, als jeden Tag in diesem Ofen zu sitzen. Wenn ich essen will, muss ich die Hitze ertragen.“

Eine stolze, arbeitende Frau
Nucan und ihr Ehemann Hazim, 54, sind Ezid:innen, die in einem Camp für Geflüchtete nahe Dohuk leben, seit sie im August 2014 vor dem Völkermord geflohen sind. Das Leben in den Camps ist eine Herausforderung für das Ehepaar. „Nur wir zwei sind noch übrig, und wir werden alt. Wir können bei dieser Hitze nicht mehr auf den Feldern arbeiten.“ Früher, in Sindschar, vor dem Völkermord, waren sie Landwirte. Gurken und Reis. Ihre Stimme wird leiser: „Unser Haus wurde zerstört. Es ist nichts mehr übrig.“ Ihre Eltern starben während des Genozids. „Ich fühle mich allein.“

Sie wischt sich den Schweiß vom Gesicht und richtet eine Reihe Kleider – rosa, gelb, blau –, die an Stangen vor den Fenstern hängen. Auf dem Tisch vor ihr, von dem die Farbe abblättert, liegen kleine Artikel zum Verkauf aus: Seife und Haargummis. An einer Stange darüber hängen Socken. „Ich bin dankbar für diesen Laden. Ohne ihn würden wir sterben. Wir haben nichts. Das ist unsere einzige Einkommensquelle.“ Nucan eröffnete den Laden mit Unterstützung von CAREs Partnerorganisation The Lotus Flower. Zuvor hatte Hazim versucht, Arbeit als Tagelöhner zu finden, aber das Einkommen reichte nicht aus. Selbst jetzt ist das Geschäft fragil. „Es wird immer schwieriger, weil die Menschen gezwungen sind, die Camps zu verlassen. Es kommen immer weniger Kunden.“ Sie verkauft drei bis zehn Artikel pro Woche. Ein T-Shirt kostet 4.000 Dinar (2,67 €).
Nucan bewegt sich immer so schnell wie möglich durch das Camp zurück zu ihrem Laden, um keine Kund:innen zu verpassen. Manchmal springt ihr Mann ein, wenn sie unterwegs ist.
Aber meist ist sie es, die die Tür aufschließt und den Platz zwischen den Kleidern einnimmt, trotz den urteilenden Blicken der anderen: „Es wird als beschämend angesehen als Frau zu arbeiten. Sie Fragen mich, warum ich ein Geschäft führe.” Kaum merklich reckt sie ihr Kinn. „Aber ich schäme mich nicht dafür als Frau zu arbeiten. Ich bin stolz. Ich überlebe und ich möchte nicht betteln gehen.” Ihr Traum ist es das Geschäft auszubauen und ihre Verkäufe zu steigern, eines Tages einen größeren Laden zu besitzen. Sie träumt aber nicht nur von einem Einkommen, sondern auch von Würde und davon nicht stillzustehen, von einem Weg alles zu bewältigen und zu überleben.
Ein Frauenfitnessstudio im Geflüchtetencamp
Gleich um die Ecke von Nucans Laden, einen staubigen, von Zelten gesäumten Pfad entlang, liegt ein besonderer Ort – nur für die Frauen des Camps. Am Ende des Weges steht ein weißer Container. Ein Schild auf dem Dach trägt in großen Buchstaben den Namen: The Power Girls Gym. Drinnen flimmert die Luft vor Anstrengung. Der Boden ist mit Gummimatten ausgelegt. Es gibt ein Laufband, einen Crosstrainer, ein Fahrrad, Hanteln, Hula-Hoop-Reifen und Bänke. Fünf Frauen trainieren gerade. „Wir genießen die Zeit hier – und wir versuchen zu vergessen“, sagt Dilan, 28 Jahre alt. „Wir alle haben ein Trauma erlebt. Etwas für unsere Gesundheit zu tun, hilft uns, besser damit umzugehen.“


Das Fitnessstudio wurde mit Unterstützung von CARE aufgebaut und gemeinsam mit der CARE-Partnerorganisation The Lotus Flower vor Ort umgesetzt. Es ist mehr als körperliches Training. Es ist ein geschützter Raum, in dem Frauen sich bewegen, miteinander sprechen, sich gegenseitig stärken und ein Stück Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, in dem so viel verloren gegangen ist. Die Frauen, die hier trainieren, sind zwischen 15 und 60 Jahren alt. „Ich komme jeden Tag“, erzählt Dilan. „Ich habe jetzt viel mehr Energie als früher. Meine depressiven Phasen sind seltener geworden. Früher habe ich den ganzen Tag geschlafen, ich hatte nichts zu tun. Jetzt haben wir einen Ort, zu dem wir gehen können.“ Sie trainieren nicht nur. Sie sprechen. Lachen. Atmen wieder. „Es gibt jetzt wieder so viel zu lachen“, sagt Dilan und ihre Stimme wird leiser. „Früher haben wir nie gelacht. Wie soll man lachen, wenn man alles verloren hat? Wenn man entführt wurde, wenn Nachbarn ermordet und geköpft wurden, wenn Mütter entscheiden mussten, welches ihrer Kinder sie mitnehmen und retten?“ Mitten in der Trainingsstunde fällt der Strom aus. Das Laufband bleibt stehen. Ohne zu zögern steigt Dilan ab, wechselt zum Stepper und macht weiter. Sie alle machen weiter. Außer Atem, aber unermüdlich. „Am liebsten mag ich das Laufband“, sagt Dilan. „Ich bewege mich. Ich bleibe nicht stehen. Ich will weitergehen. Und niemals aufhören.“

Durch die Trauer gehen
Wenn ihre Sitzung endet und es spät wird, kehren Dilan und die anderen Frauen in ihre Zelte zurück, und Nucan schließt ihren Laden ab. Sie und ihr Mann leben in einem Zelt nicht weit von hier. Ihr Zuhause besteht aus einer Betonwand, der Rest ist Zeltplane und Wellblech. Drinnen: ein abgewetztes Sofa, gestützt von einem dicken Ziegelstein, Bücher auf provisorischen Regalen, eine Schneekugel, eine Plastikpflanze. Alte Wasserflaschen, blau und gelb bemalt, dienen als Blumenvasen. Ein Vorhang als Tür. Sie vermisst ihr Haus in Sindschar, aber sie kann nicht zurück. „Ich würde meinen Laden verlieren, und zu Hause gibt es nichts, wovon wir leben könnten. Wir würden sterben.“ Also bleibt sie im Camp. Sie verkauft, was sie kann. Sie bewegt sich schnell in der Hitze. Sie macht weiter.
So wie auch die anderen Frauen im Fitnessraum – auf Laufbändern und Fahrrädern – sich weiterbewegen. Durch ihre Trauer, durch ihr Trauma, Schritt für Schritt, und tragen sich gegenseitig zurück ins Leben. In eine Zukunft.
Unterstützen Sie ezid:ische Geflüchteten und ihren Weg zurück ins Leben mit Ihrer Spende!




















