Die einjährige Shukri umklammert einen kleinen Trinkbecher, auf dem in roten Buchstaben das Wort „Baby“ steht. Ihre winzigen Finger umschließen die Griffe fest, während sie das erste Wasser des Tages trinkt. Es ist bereits Nachmittag. Um sie herum peitscht der Wind durch das Vertriebenencamp außerhalb von Dhahar und treibt Sand in Augen, Münder und Essensbehälter. Bunte Stoffdächer flattern heftig über ihren Köpfen. Kinder stolpern, während Windböen sie zur Seite drängen. Es gibt keine Bäume, keine Büsche, oder Mauern, die die Wucht des Windes bremsen könnten. Nur Sand, Steine und trockene Erde. Aisha, 35, beobachtet ihre jüngste Tochter beim Trinken. Sie selbst trinkt nichts. Das Wasser hat sie auf Kredit gekauft. Vorher ging sie mit einem gelben 20-Liter-Kanister von Hütte zu Hütte. Niemand hatte Wasser. Asli hatte keines. Hawa hatte keines. „Heute haben wir noch nichts gegessen oder Wasser getrunken. Zu Hause haben wir weder noch“, sagt Aisha. 

Aisha holt an einem Tank Wasser.
Aisha holt an einem Tank Wasser. Ein Kanister kostet sie 20 Cent. Hierfür muss sie Schulden aufnehmen.

Sie leben in einer Siedlung mit etwa 30 vertriebenen Familien, vier Kilometer außerhalb von Dhahar im Norden Somalias. Der größte Teil des Camps besteht aus Wellblechplatten, Stöcken und zerrissenem Stoff. Der Wind dringt überall ein. Er reißt Unterkünfte auseinander, schleudert Habseligkeiten über den Boden und raubt den Familien den wenigen Schutz, den sie haben. Aisha sitzt zwischen ihrer Unterkunft und dem, was einst ihre Küche war, auf einem umgedrehten, löchrigen Eimer. Die Küche ist nicht mehr funktionsfähig. Die Stoffwände wurden vom Wind zerfetzt, bis nur noch ein paar rote und gelbe Streifen übrig sind, die durch die Luft peitschen. „Wir fürchten den Wind hier. Er zerstört alles, was wir noch haben. Wir haben nichts, und selbst das nimmt uns der Wind“, sagt sie. Ihr Weg in dieses Camp begann schon vor vier Jahren. Aus dem südlichen Zentral-Somalia. Nachdem ihr Mann von bewaffneten Gruppen getötet worden war, verlor die Familie ihre einzige Einkommensquelle. Damals allein mit fünf Kindern und ohne Möglichkeiten, für sie zu sorgen, floh sie nach Norden nach Bosasso. Doch der Konflikt folgte ihr dorthin. „Eines Tages hörten wir plötzlich mehrere Schüsse ganz in der Nähe unserer Hütte.“ Die Familie lebte in einer Unterkunft, die der heutigen sehr ähnlich war.

„Nur Stoff und Stöcke schützten uns vor den Kugeln, die auf uns zuflogen. Die Kinder schrien. Ich hatte solche Angst um sie.“ Die Schüsse wurden lauter. Sie konnten hören, wie Kugeln über ihre Köpfe hinwegflogen. „Ich dachte, die Schüsse würden uns töten. In diesem Moment gab ich auf. Ich ließ das Leben los und dachte, wir würden alle sterben. Ich hatte eine Panikattacke und keine Hoffnung mehr.“ Aisha warf sich über ihre Kinder. „Wir legten uns auf den Boden. Ich bedeckte die Kinder so gut ich konnte mit meinem Körper. In der ersten halben Stunde konnte ich mich nicht einmal bewegen und traute mich nicht, zu schauen, was passiert war.“ Erst als die Schüsse abklungen, ging sie raus. „Ich sah die Leichen meiner Nachbarn. Eine Mutter von drei kleinen Kindern. Sie war schwanger und tot.“ Um sie herum sah sie mehrere verletzte Campbewohner:innen, die in Sicherheit gebracht wurden. „Ich nahm meine Kinder, und rannte einfach los. Wir kehrten nie wieder zurück.“ Seitdem lebt sie in hier in Dhahar.

Shukri wird mit einem MUAC-Band vermessen. Das Band ist im roten Bereich.
Shukri wird mit einem MUAC-Band vermessen. Das Band zeigt, dass sie stark unterernährt ist.
Eine CARE-Gesundheitshelferin unersucht Shukri.
Eine CARE-Mitarbeiterin untersucht Shukri auf Unterernährung. Die Familie des kleinen Mädchens hat sich um sie versammelt.

Die Schuhputzjungen

Somalia ist von einer schweren Dürre betroffen, und die Auswirkungen sind überall in Dhahar und in Aishas Camp sichtbar. Die Hauptwasserquelle, die die Gegend mit Wasser versorgte, ist vor drei Wochen versiegt. Nun beherrschen Wasserlastwagen die Straßen und transportieren Wasser, das sich viele vertriebene Familien nicht leisten können. Die Wasservorräte im Camp gehen regelmäßig zur Neige, da Aisha und ihre Nachbarn sich das Wasser nicht leisten können. Jede Fahrt bedeutet eine weitere Zeile Schulden in einem Notizbuch, das der Ladenbesitzer führt. Ein Kanister kostet sie 20 Cent. Heute ist das für sie die einzige Möglichkeit, Wasser für ihre Kinder zu besorgen. Sie bindet sich den Kanister auf den Rücken, um ihn nach Hause zu tragen, und sofort versammeln sich ihre Kinder um den Kanister. Die sechsjährige Kawsar hilft dem dreijährigen Adam beim Trinken. Die viereinhalbjährige Sahra wartet mit ihrem Becher. Aisha trinkt nicht. Dann kommen die benachbarten Kinder aus allen Ecken des Camps angerannt, und Aisha teilt das Wenige, das da ist. Aisha trinkt immer noch keinen Tropfen. „Wasser ist eine große Herausforderung, aber Essen ist eine andere. Wir hungern, es gibt hier nichts mehr, wovon wir leben könnten. Wir warten einfach nur“, sagt Aisha. Das Warten ist für Aisha und ihre neun Kinder zur Lebensweise geworden.

Kawsar hilft ihrem Bruder Adam beim Trinken.
Kawsar hilft ihrem Bruder Adam beim Trinken.

Das Camp wird fast ausschließlich von Frauen und Kindern bewohnt. Tagsüber sieht man nur die jüngeren Kinder. Es gibt kaum Jungen, die älter als sechs Jahre sind, denn jeden Morgen machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Auch Aishas Söhne. Um sieben Uhr morgens laufen ihre drei Jungen im Alter von 11, 9 und 7 Jahren mit einem alten Tuch und ein paar Tropfen Schuhcreme nach Dhahar. Sie verbringen den Tag damit, auf öffentlichen Plätzen und in der Nähe von Restaurants zu warten, in der Hoffnung, dass jemand dafür bezahlt, dass sie ihm die Schuhe putzen. Sie verdienen etwa zehn Cent pro Paar. Manchmal kommen sie mit genug Geld zurück, um Reis und ein paar Tomaten zu kaufen. Manchmal kommen sie mit leeren Händen nach Hause. „Alle Jungen arbeiten hier, es gibt keine andere Möglichkeit, wenn wir überleben wollen“, sagt Aisha. Ihr jüngster Schuhputzer, Abdinassir, begann mit fünfeinhalb Jahren zu arbeiten. An einem guten Tag verdienen ihre Söhne zusammen vielleicht 2,50 USD. „Aber es gibt mehr Tage, an denen wir nicht einmal das zusammenbekommen. An schlechten Tagen gehen wir hungrig schlafen und wachen noch hungriger auf“, sagt Aisha leise und wischt sich Sand aus dem Gesicht. Der Hunger ist häufiger geworden. „An drei oder vier Tagen in der Woche essen wir überhaupt nichts. Die Kinder bitten mich um Essen, und ich sage ihnen, dass wir auf ihre Brüder warten, aber dann schlafen sie oft einfach vor Erschöpfung ein.“ Sie schlafen ein, weil sie nicht mehr die Kraft haben, weiter zu fragen. 

Aisha füttert ihre Tochter Shukri mit Plumpy-Nut.
Aisha füttert Shukri mit Plumpy Nut, welches sie kostenlos in einem CARE-Gesundheitszentrum bekommen haben.
Shukri isst ein Päckchen Plumpy Nut.
Shukri isst Plumpy Nut - eine therapeutische Nahrung für unterernährte Kinder.

Der dunkelste Tag

Doch wenn doch einmal Essen da ist, isst sie als Letzte – wenn überhaupt. „Ich gebe meinen Kindern zuerst etwas und warte, bis sie fertig sind und wieder bei Kräften und satt sind. Manchmal bleibt nichts mehr übrig, aber sie sind wichtiger als ich.“ Ihre jüngste Tochter, die einjährige Shukri, zahlt bereits den Preis dafür. Als Saytuun, die Gesundheitshelferin von CARE, das Camp besucht, geht sie von Unterkunft zu Unterkunft und untersucht Kinder unter fünf auf Unterernährung. Als sie das MUAC-Maßband um Shukris Arm legt, zeigt die Messung schwere akute Unterernährung an. Das kleine Mädchen hat zudem Fieber und Husten. Saytuun erklärt Aisha, dass sie sich im CARE-Gesundheitszentrum kostenlos behandeln lassen kann. Aisha bereitet sich sofort auf den Weg vor. Sie wickelt ihre Tochter in ein buntes Tuch, bindet sie sich auf den Rücken und zieht dann ihre Abaya über beide, um sie vor Wind, Sonne und aufwirbelndem Sand zu schützen. Gemeinsam legen sie die vier Kilometer nach Dhahar zu Fuß zurück. Im Gesundheitszentrum wird Shukri untersucht und mit einem Gewicht von nur 5,9 kg und einem MUAC-Wert von 11,4 als schwer unterernährt diagnostiziert. Anschließend erhält sie eine Behandlung und therapeutische Nahrung (Plumpy Nut). Und Aisha nimmt eine Flasche Wasser entgegen, die sie schließlich trinkt. Ihr erstes Wasser des Tages am späten Nachmittag.

Aisha und ihre Tochter Shukri in einem CARE-Gesundheitszentrum.

In ganz Somalia leiden schätzungsweise 6,5 Millionen Menschen unter akutem Hunger, da Dürre, Konflikte und wirtschaftliche Not den humanitären Bedarf weiter in die Höhe treiben. Kürzungen der humanitären Hilfe haben viele Dienstleister dazu gezwungen, ihren Betrieb einzuschränken oder ganz einzustellen. Für Familien wie die von Aisha sind diese Kürzungen keine abstrakte Haushaltsentscheidung. Das CARE Gesundheitszentrum, in dem Shukri behandelt wird, wurde Ende September geschlossen, ebenso wie neun weitere in der Region aufgrund dieser Kürzungen. Seitdem gibt es in Dhahar keine humanitären Hilfsorganisationen mehr. Aisha kann sich nicht dazu durchringen, zu lange darüber nachzudenken.

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