Mit 63 Jahren ist Fatima eine unermüdliche Kämpferin für die Rechte der Frauen im Sudan. Sie ist Gründerin und Präsidentin von Zenab for Women in Development, einer Partnerorganisation von CARE im Sudan, die sie nach ihrer Mutter Zenab benannte. Zenab war eine wegweisende Pädagogin und Frauenrechtlerin, die Schulen für Mädchen ins Leben rief. Sie wurde als eine der „1000 Friedensfrauen weltweit“ ausgezeichnet und war 2005 sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Fatima wuchs in den fruchtbaren Ebenen von Gadarif auf, wo die wichtigsten Grundnahrungsmittel des Sudan angebaut werden. Schon früh erlebte sie, wie Frauen systematisch an den Rand gedrängt und ihnen Land, Wasser und grundlegende Rechte verwehrt wurden. Ihr Vater war Landwirt, ihre Mutter Lehrerin. Von ihnen lernte sie, wie man Nahrung anbaut und wie man für Dinge kämpft.
Was als Engagement für die Landrechte von Bäuerinnen begann, hat sich zu einer breiten Bewegung für Gerechtigkeit entwickelt: vom Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM) über Bildung für Mädchen, Klimaresilienz, Müttergesundheit und HIV-Aufklärung bis hin zu humanitären Hilfsprogrammen. Heute ist der Sudan von gewaltsamen Konflikten erschüttert. Fatimas Arbeit ist dringlicher und zugleich schwieriger denn je. Angesichts von Krieg, Hunger und zunehmender geschlechtsspezifischer Gewalt bieten Fatima und ihr Team Unterkunft, Nahrung und lebensrettende medizinische Versorgung, oft unter großen persönlichen Risiken.
In diesem Interview spricht Fatima mit schonungsloser Ehrlichkeit über die Herausforderungen, denen sie begegnet, über die Stärke der sudanesischen Frauen und über die unerschütterliche Hoffnung, die sie antreibt.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen bei ihrer Arbeit?
Wir haben ein großes Ziel: Wir wollen das Leben von Frauen und Mädchen grundlegend verändern und stärken. Politisch, damit ihre Stimmen gehört werden und sie sich beteiligen können; wirtschaftlich, damit sie aus der Armut herauskommen und sich selbst versorgen können; gesundheitlich, damit sie nicht mehr mangelernährt sind und über ihre reproduktiven Rechte sowie den Zugang zu entsprechenden Diensten verfügen; und rechtlich, damit sie Anspruch auf eigenes Agrarland haben. Es gibt so vieles, das für Frauen in diesem Land getan werden muss.
Unser größtes Problem sind die fehlenden Ressourcen, um all das umzusetzen. Wir sind stark eingeschränkt und erhalten von Tag zu Tag weniger Unterstützung. Die weltweiten Kürzungen der humanitären Budgets treffen uns als Basisorganisationen besonders hart. Es fehlt an Aufmerksamkeit für diese Krise und das führt zu minimalen Mitteln. Der Bedarf ist so hoch wie nie zuvor, doch die verfügbaren Gelder sind so gering wie nie. Ich würde sagen, wir verfügen derzeit nur noch über die Hälfte dessen, was uns vor zwei Jahren zur Verfügung stand.
Das zweite große Problem ist die Sicherheit meiner Mitarbeitenden und der Frauen, für die wir arbeiten. Es gibt viele Einschränkungen, insbesondere für Frauen, die auf Reisen vielen Risiken ausgesetzt sind. Jetzt, während des Krieges, hat sich die Lage noch verschlimmert. Der Konflikt und die zunehmende Gewalt beeinträchtigen unsere Arbeit massiv. Frauen sind allein durch das Verlassen ihres Hauses der Gefahr sexueller Übergriffe ausgesetzt. Deshalb arbeiten wir eng mit lokalen Gruppen in verschiedenen Regionen zusammen, um das Risiko für Frauen zu verringern, wenn sie sich von A nach B bewegen.

Wie hat sich der Krieg auf sie und ihre Arbeit ausgewirkt?
Unser Hauptsitz befand sich ursprünglich in Khartum, doch er wurde zerstört. Wir haben dabei viel Ausstattung und wichtige Daten verloren. Das war ein schlimmer Moment in unserem Leben. Ich war in Khartum, als der Krieg ausbrach. Zunächst dachten wir, es würde sich um einen kurzen Konflikt handeln, vielleicht eine Woche. Doch jetzt dauert er schon über zwei Jahre an. Als die Kämpfe begannen, floh ich mit meiner Familie nach Gadarif. Mithilfe unserer Handys und den Nachrichten versuchten wir herauszufinden, welche Straßen noch sicher waren. Wir wussten nicht, was vor sich ging. Es gab so viele tote Zivilist:innen.
Kurz darauf ging ich für kurze Zeit in die USA, wo meine Söhne leben. Sie waren in großer Sorge und wollten, dass ich den Sudan verlasse. Doch ich wollte das Land eigentlich nicht verlassen. Gleich zu Beginn des Krieges habe ich mich mit meinem Team zusammengesetzt, um zu besprechen, wie wir helfen können. Jede Nacht wachte ich auf, um die Nachrichten zu verfolgen. Es gab von Anfang an viel zu tun und das hat sich bis heute nicht geändert.
Gadarif ist eine Stadt, in der viele Binnengeflüchtete leben. Aus diesem Grund haben wir unser Programm an die dringendsten Bedürfnisse angepasst: Nahrung, Wasser – aber auch Unterstützung für vertriebene Landwirte mit Saatgut und landwirtschaftlichen Maschinen. Außerdem begleiten wir schwangere Frauen während der Schwangerschaft und auch in der Zeit danach.

Es gibt viele Berichte über Fälle sexualisierter Gewalt in diesem Krieg. Arbeiten sie auch mit diesen Frauen zusammen?
Ja, es gibt viele Fälle sexualisierter Gewalt in diesem Krieg. Wir haben ein Zentrum eingerichtet, in dem wir diese Frauen mit Betten unterstützen, denn viele schwangere Frauen lagen zuvor einfach auf dem schmutzigen Boden in den Camps. Wir bringen Kleidung, Lebensmittel, Hygieneartikel und sogenannte „Würde-Pakete“. Wir helfen ihnen, ins Krankenhaus zu gehen, und übernehmen die Kosten für Behandlungen, Entbindungen und Kaiserschnitte.
Wir hatten einen Fall, in dem eine Frau Vierlinge sicher zur Welt gebracht hat. Morgen braucht eine Frau einen Kaiserschnitt, aber die Mittel unseres Programms sind bereits ausgeschöpft. Deshalb habe ich die Kosten aus eigener Tasche bezahlt. Es gibt Mädchen, die erst 13 Jahre alt sind und Babys bekommen, weil sie vergewaltigt wurden. Es gibt zahllose Fälle von Frauen, die Selbstmord begehen, nur um der Gefahr einer Vergewaltigung zu entkommen. Dieser Krieg wird auf den Körpern von Frauen ausgetragen.Frauen und Mädchen sterben jeden Tag – während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, weil es keinerlei Unterstützung für sie gibt. Sie werden entführt, als Sexsklavinnen gehalten, zur Heirat gezwungen. Und jene, die mit dem Leben davonkommen, sterben, weil sie nicht einmal einen Cent für eine Behandlung haben. Von schwierigeren Fällen wie Kaiserschnitten ganz zu schweigen: Ein Kaiserschnitt kostet etwa 100 US-Dollar.
Jedes Mal, wenn ich darüber spreche, fange ich an zu zittern. Es macht mich traurig und wütend, und es belastet mich psychisch sehr. Ich versuche so sehr, diesen Frauen zu helfen – oft über meine eigenen Kräfte und Mittel hinaus. Ich kann nicht verstehen, warum niemand auf den Sudan schaut. Tiere erhalten mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge als die Frauen hier. Sind wir nicht alle Menschen auf demselben Planeten? Es ist sehr schmerzhaft, diese Gleichgültigkeit zu sehen. Menschen sterben, nicht nur durch Waffen, sondern auch durch Hunger, Krankheiten, Vergewaltigungen und mangelnde humanitäre Hilfe.

Was wünschen sie sich für die Frauen im Sudan?
Mein erster Wunsch ist, dass die Frauen im Sudan in Frieden und Sicherheit leben können. Dass sie diesen Krieg mit Würde überstehen, ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind und sie nicht mehr um Nahrung, Wasser, Medizin oder Unterkunft kämpfen müssen. Zweitens wünsche ich mir, dass die Frauen gestärkt werden – dass sie eine Ausbildung erhalten und einen Arbeitsplatz finden, der ihnen ein ausreichendes Einkommen sichert, um sich und ihre Familien zu versorgen. Drittens sollen Frauen ein fester Bestandteil politischer Veränderungen und Friedensverhandlungen sein. Sie sollten in der Lage sein, sich selbst zu vertreten. Und viertens wünsche ich mir, dass die Frauen Gerechtigkeit für das erfahren, was ihnen widerfahren ist.
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Sudan einen Weg aus der Krise finden wird, denn ich habe erlebt, was möglich ist, wenn wir uns alle zusammensetzen, miteinander reden und alle Beteiligten einbeziehen. Die Frauen des Sudan sind stark und widerstandsfähig. Sie werden dieses Trauma überwinden, den Sudan wieder aufbauen, ihre Familien am Leben erhalten und zusammenstehen, ihre Gemeinden ernähren, Unternehmen gründen und Erfolg haben.
Ihre Spende unterstützt Partnerorganisationen wie Zenab for Women in Development, die sich im Sudan für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzen.















































