Alradia befand sich mitten im Kriegsgebiet in Khartum
Alradia sitzt auf einem schmalen Behelfsbett aus zusammengewürfelten Schulbänken, als sie sich an den schlimmsten Tag ihres Lebens erinnert. Ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis und ihren Körper eingebrannt hat: „Es war ein Samstagmorgen, als der Krieg begann. Es war Ramadan, also arbeitete ich. Ich war auf dem Markt. Dann sah ich dichten Rauch und hörte die ersten Explosionen. Ich rannte los und ließ alles fallen, was ich gerade gekauft hatte. Die Menschen auf der Straße rannten in völliger Panik um ihr Leben.“ Sie weint still, als sie aufzählt, was der Krieg ihr genommen hat: das normale, gute, einfache Leben mit Nachmittagen auf der Veranda mit ihren Schwestern, das kleine Geschäft, das sie als Zusatzverdienst betrieb, und ihren Mann, der Polizist war und über ein Jahr lang gefangen gehalten wurde. Hinter Alradia an der Wand des Klassenzimmers hat die Hand ihrer Tochter eine bleibende Spur hinterlassen: drei Zeilen auf Arabisch – 25. Tag des Ramadan, 15. April 2023, Samstag. „Das ist der Tag, der unser Leben verändert hat. Überall, wo wir hingehen und leben, schreibt meine Tochter Amel diese drei Zeilen an die Wand, um uns daran zu erinnern, dass dies der Tag war, an dem uns alles genommen wurde. Dass dies nicht normal ist. Wir leben so, weil dieser Tag uns aus unserem Leben gerissen hat.“
Alradia befand sich mitten im Kriegsgebiet in Khartum. Die Märkte waren geschlossen, die Händler flohen und die Kunden verschwanden. „Ich bewegte mich nur in den frühen Morgenstunden im Dunkeln auf der Suche nach Essen und musste durch bewaffnete Gruppen laufen, in der Hoffnung, dass mich niemand erschießen würde, damit ich zu meinen Kindern zurückkehren konnte.“ Sie sagt es ganz offen und verstummt dann. Sieben Monate lang blieben sie und ihre fünf Kinder in Khartum, während die Stadt zu einem Ort der Angst wurde. „Die Schulen wurden sofort geschlossen. Und dann kamen bewaffnete Männer, um meinen Mann mitzunehmen. Sie schlugen ihn brutal. Sie schlugen uns beide vor den Augen der Kinder und schossen in die Decke. Dann nahmen sie ihn mit, und ich wusste nicht, was mit ihm passiert war. Ein Jahr lang hatte ich Angst, dass er tot sei, aber er wurde gefangen gehalten. Das war die dunkelste Zeit meines Lebens.“

Noch am Leben
Das Haus bebte unter den immer häufiger werdenden Besuchen: Schritte auf dem Dach, Schüsse in die Luft, Männer, die über die Gartenmauer sprangen, Explosionen, Drohnen, Raketen, Flugzeuge. „Es gab so viel Geschrei. Der Tod kam vom Himmel. Ich wusste nicht, wer da draußen noch am Leben war.“ Sie erinnert sich, wie sich die Kinder an die Angst gewöhnten: „Es war normal, auf dem Boden zu schlafen, um sicher zu sein. Ich hatte solche Angst, vergewaltigt zu werden. Meine 14-jährige Tochter war am stärksten betroffen. Sie hatte schreckliche Albträume, willkürlichen Urinverlust und schrie die ganze Nacht. Ich wusste, dass es Zeit war zu gehen.“ Sieben Monate lang ertrugen sie die Alpträume des Krieges. Alradia wollte ihren Mann nicht zurücklassen. Das Haus war das Einzige, was sie noch verband. Wegzugehen bedeutete, ihn aufzugeben. Sie quetschten sich in den Van eines Nachbarn und an jedem Kontrollpunkt stieg das Risiko. Bewaffnete Männer durchsuchten sie, schrien sie an, richteten Waffen auf ihre Schläfen und Schultern. Alradia zeigt mit zitternden Händen, wo Gewehre gegen die Köpfe ihrer Kinder gedrückt wurden. „Bomben fielen links und rechts. Bei jedem dumpfen Knall blieb mir das Herz stehen. Als wir endlich die Stadt verlassen hatten, war ich so erleichtert. Wir waren noch am Leben.“
Port Sudan ein rauer Ort
Port Sudan ist ein rauer Ort: Sand und trockenes Land und im Sommer unerträglich heiß. Eine Stadt, die nicht dafür gebaut ist, große Menschenmengen aufzunehmen, und in der die Preise auf ein unerschwingliches Niveau steigen. Die Brunnen sind leer. Hier, in den Klassenzimmern, die sie jetzt ihr Zuhause nennen, ist Wasser eine Erleichterung, die dieses Jahr (2025) kam und alles verändert hat. „Am Anfang gab es hier kein Wasser. CARE kam und installierte die Wasserblasen.“
Arithmetik des Überlebens - Tage und Mahlzeiten werden gezählt
Essen steht bei jeder Entscheidung im Mittelpunkt. „Anfangs erhielten wir Unterstützung von Wohltätigkeitsorganisationen. Seit März dieses Jahres ist das nun nicht mehr der Fall.“ Die Spenden gingen zurück, die Programme wurden gekürzt und die Verteilung eingestellt. Die drastischen Kürzungen der Hilfsgelder zwingen Hilfsorganisationen dazu, die Rationen zu reduzieren und die Lieferungen in mehreren Krisengebieten auszusetzen. Diese Kürzungen wirken sich direkt auf Haushalte wie den von Alradia aus. Sie erklärt, wie sie überlebt. Wenn sie 2 Dollar verdient, kauft sie als erstes Lebensmittel – einen 1-kg-Sack Reis oder Linsen (1,5 USD). „Dann muss ich mich entscheiden. Ich kann die Menge für uns sechs auf drei Tage strecken und kleinere Portionen servieren, aber dann muss ich mehr für Holzkohle zum Kochen bezahlen. Oder ich mache größere Portionen und verwende sie nur für zwei Mahlzeiten, aber dann weiß ich nicht, ob wir am 3. Tag eine andere Nahrungsquelle finden werden.“ Holzkohle kostet etwa 0,5 USD pro Kochvorgang. Sie zählt die Tage und Mahlzeiten wie jemand, der eine Waage ausbalanciert, die immer in Richtung leer kippt. Ihre Definition einer größeren Mahlzeit würde, wenn sie sich an die 2-Tage-Gleichung hält, immer noch der Hälfte der empfohlenen Portionsgröße für die sechs Personen entsprechen.


“Ich spüre, wie meinem Körper die Nährstoffe fehlen”
Ihre Ernährung ist nach ihren alten Maßstäben dürftig und karg: „Ich habe schon so lange kein Fleisch und kein Obst mehr gegessen, das ich vergessen habe, wie es schmeckt. Ich spüre, wie meinem Körper die Nährstoffe fehlen. Wir essen nur Reis, Linsen und trockenes Brot.“ Fleisch ist im Sudan ein Grundnahrungsmittel. Alradia und ihre Familie waren früher auf das Fleisch ihrer Ziegen angewiesen. Fleisch war billig und verfügbar. In Port Sudan ist Fleisch mittlerweile sehr teuer. Ein Kilogramm kann bereits bis zu 12 US-Dollar kosten. Die Lieferketten sind unterbrochen, und die Teller der Kinder werden immer leerer. In ganz Sudan nimmt die Unterernährung zu.
Schulbänke und Tische als Betten
Auch die Unterbringung ist für Alradia und ihre Kinder eine große Herausforderung. „Wir schlafen auf diesen alten Schulbänken und Tischen und benutzen sie als Betten. Aber einige sind kaputt oder wackeln. Meine Kinder fallen oft herunter.“ Die Dinge, die sie haben – Kissen, eine Decke – sind geliehen. „Das sind die einzigen Dinge, die ich jetzt noch habe. Es ist nichts mehr übrig. Nachbarn haben kürzlich in mein Haus in Khartum geschaut. Es ist leer. Aber wir können sowieso nicht zurückkehren, da ich mir die Busfahrkarten für uns sechs nicht leisten kann.“ Die Kosten für die Ausreise, die Kosten für den Verbleib, die drohenden Kosten für eine erneute Vertreibung – jedes Mal sind Geld und Gefahr Hindernisse.
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