Zuerst dachte Walaa, CARE-Beschaffungsbeauftragte im Sudan, es seien Feuerwerkskörper. Es war Ramadan, und der Tag hatte friedlich begonnen – mit gemeinsamen Gebeten. Dann, um 9 Uhr morgens, zerbarst der Himmel unter dem Lärm von Bomben, und alles zerbrach.

Eine Kugel durchschlug ihr Haus in Khartum. Draußen schrien Menschen, rannten blindlings umher, getrieben von Instinkt und Panik. Sie eilte zum Haupttor, um zu verstehen, was vor sich ging. Was sie sah, war Krieg. Der Strom fiel aus. Die Luft war voller Rauch. Der Akku ihres Handys war leer, während sie und ihre Familie nach Nachrichten suchten und Walaa versuchte, mit ihren Kollegen in Kontakt zu bleiben. Wann immer möglich, nutzten sie die Generatoren der Nachbarn, um ihre Handys aufzuladen. Dann schickte das Sicherheitsteam von CARE eine Nachricht in den Gruppenchat der Mitarbeiter: Geht weg von den Fenstern. Bleibt geduckt. Bleibt in der Mitte des Raumes. 

Portraitfoto der CARE-Helferin Walaa

Fünf Tage lang versteckten sich Walaa und ihre Familie in der Dunkelheit – ohne Wasser, ohne Strom, ohne zu wissen, wie lange es noch dauern würde. Das Insulin ihres Vaters ging gefährlich zur Neige. Er brauchte es viermal täglich, aber sie rationierten es auf einmal. Der Kühlschrank war ausgefallen, sodass das Insulin schneller verdarb, die Lebensmittel waren aufgebraucht und die Zeit wurde knapp. Walaa wurde klar, dass das Überleben in diesem Haus nicht mehr möglich war. Am sechsten Tag wurden die Schüsse heftiger. Da traf CARE die Entscheidung: Evakuierung.

Sprich mit niemanden

Unterdessen saß Takunda, ein internationaler Mitarbeiter von CARE Sudan aus Simbabwe, allein in seiner Unterkunft fest, umzingelt von bewaffneten Gruppen. Für Walaa gab es kein Zögern – sie musste ihn da rausholen. Tag und Nacht hing sie am Telefon: Sie wählte Nummern, flehte, verhandelte. Die Antwort war immer dieselbe: „Es ist zu gefährlich. Niemand wird dorthin gehen.“ 

Schließlich erklärte sich ein Freund der Familie bereit, es zu versuchen. Er schaffte es, bis auf 500 Meter an die Unterkunft heranzukommen. Takunda musste zu Fuß durch das Konfliktgebiet zu diesem Auto laufen. Walaa schickte ihm ein Foto des Fahrzeugs. Sie beschrieb ihm die Route genau. Sie sagte ihm genau, was er tun sollte, sobald er aus dem Haus trat: wie er gehen, wo er abbiegen und was er nicht sagen sollte. „Sprich mit niemandem“, warnte sie ihn. „Wenn sie dich anhalten, antworte nicht. Wenn sie merken, dass du kein Sudanese bist, dann wirst du zum Ziel.“

Portraitfoto von CARE-Helfer Takunda

In seiner humanitären Laufbahn hat Takunda bereits mehr überlebt als die meisten Menschen. In Afghanistan befand er sich einmal in einem Flugzeug, als ein Selbstmordattentäter versuchte, es zum Absturz zu bringen. Er wurde 2019 aus Syrien, 2021 aus Afghanistan nach dem Abzug der US-Truppen und während der COVID-Pandemie 2020 aus dem Sudan evakuiert. Aber im April 2023 war er allein und gefangen in Khartum. Der Strom fiel aus. Das Wasser ging zur Neige.

„Vor dem Haus wurde so viel geschossen. Ich konnte nicht schlafen. Die Angst hielt mich wach. Ich musste meine Gedanken unter Kontrolle bringen. Ich dachte ständig an meine Kinder und wünschte mir, ich könnte mehr Zeit mit ihnen verbringen. Als Walaa mir sagte, ich müsse das Auto suchen, wurde mir die Realität bewusst. Ich musste jetzt handeln oder nie.“

Er bewegte sich schnell, den Kopf gesenkt, den Körper angespannt. „Ich wurde mehrmals angehalten. Es rannten so viele Menschen. Jemand schrie mich auf Arabisch an und fragte, wo ich hingehe. Also rannte ich los und ignorierte alles.

Ich schaffte es zu dem alten Mercedes und gelangte zum Evakuierungspunkt.“ Um 3 Uhr morgens verließ ein Konvoi Khartum. 50 Busse voller internationaler Mitarbeiter:innen fuhren langsam und vorsichtig in Richtung Port Sudan. Es ist einer der größten Land-Evakuierungskonvois in der Geschichte der humanitären Hilfe, an dem auch Hunderte kleinerer Fahrzeuge teilnehmen. Walaa blieb die ganze Nacht wach: Sie koordinierte, bestätigte, überprüfte die Fahrer und lud ihr Handy auf, wo immer sie Strom und Empfang hatte. Sie hörte nicht auf. Dann musste sie selbst fliehen.

Walaa kommuniziert mit dem Smartphone
Walaa spricht in ein Smartphone

Arbeit vom Felsen aus

Walaa verließ Khartum mit 35 Familienmitgliedern, die sich auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens drängten. Sie hatten keinen Sprit für das Auto ihres Vaters, und bewaffnete Gruppen hatten es auf Fahrzeuge abgesehen, also ließen das Auto zurück. Walaas Großmutter ist bettlägerig und braucht ein Krankenbett, das gerade so zusammen mit der ganzen Familie in den Lastwagen passte. „Es war kein Platz für irgendetwas anderes. Nur für Menschenleben. Wir haben all unsere Habseligkeiten zurückgelassen. Das Einzige, was ich mitgenommen habe, war mein CARE-Laptop, weil ich weiterarbeiten musste. Meinen Privaten ließ ich zurück.“

Sie erreichten ihre Heimatstadt in den Bergen. „Ich sah Menschen, die aus Tigray geflohen waren. Ich erinnere mich an all die Geräusche in den Camps. Menschen, die nur mit dem Nötigsten flohen. Ich habe gesehen, wie schlimm es werden konnte. Und jetzt war ich eine von ihnen. Das hat mich sehr bewegt. Ich fragte mich, ob ich mein eigenes Haus jemals wiedersehen würde.“ 

In ihrer Heimatstadt fand sie einen Felsen neben einem Hügel, wo sie Netzempfang hatte. Jeden Tag ging sie in der Hitze hinaus, über die Brücke, und stand dort, um an Besprechungen teilzunehmen, Zahlungen zu klären, Lieferanten zu organisieren und lebensrettende Lieferungen freizugeben. Sie arbeitete weiter, trotz der Vertreibung, trotz des Traumas, sogar vom Krankenhausbett aus, wo sie blutete und nicht lange sitzen konnte. „Ich bin die Einzige in meiner Familie, die sie finanziell unterstützen kann. Ich muss arbeiten, damit sie überleben können.“

Walaa und Takunda blicken in die Kamera
Walaa und Takunda mussten beide fliehen und setzten trotzdem ihre Arbeit für CARE fort. Für Gemeinden im Sudan, für ihre Mitmenschen.

Takunda schaffte es nach Port Sudan und dann mit der Fähre nach Saudi-Arabien. Danach arbeitete er ein Jahr lang von Nairobi aus. Dann kehrte er in den Sudan zurück, weil die Landwirt:innen nicht säen konnten. Wegen der Kämpfe haben sie den Regen verpasst und brauchen nun Hilfe. Ganze Gemeinden haben alles verloren. Jemand musste ihnen helfen. 

„Ich sehe, was wir bewirken“, sagt Takunda. „Das gibt mir Energie. Das ist das, was ich gut kann. Und ja, es ist riskant. Aber auch zu Hause ist es so: Wenn es dein Tag ist, dann ist es dein Tag. Ich kann jetzt nicht aufhören. Ich wurde in meinem Leben viermal evakuiert, aber ich mache weiter, weil ich an meine Arbeit glaube. Ich liebe es, die Veränderungen zu sehen, die wir bewirken können.“ Seiner Familie erzählt er nicht alles. Er sagt ihnen, dass er in Sicherheit ist. Dass es ihm gut geht. Er erspart ihnen die Schüsse vor dem Fenster, die Angst in der Nacht, die Erschöpfung. Er ist Profi und hat seinen Umgang damit gefunden.

Walaa und Takunda im Gespraech

Heute arbeiten Walaa und Takunda beide weiterhin im Sudan. CARE hat ein Büro in Port Sudan wiedereröffnet. Jeden Tag setzt Walaa die Arbeit fort, die die meisten nicht sehen: Medikamente beschaffen, Genehmigungen für Bohrlöcher einholen, Verträge für lebensrettende Bargeldverteilungen abschließen. „Ich mache jeden Tag meine Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Ich wurde schon mehrmals vertrieben. Was die Helfenden vor Ort leisten, wird oft nicht gesehen, aber wir sind hier und arbeiten weiter, damit andere nicht alles verlieren. Auch wenn sich unser Leben so sehr verändert hat und Arbeit oft bedeutet, einfach nur draußen in der Hitze neben einem Berg zu stehen und zu versuchen, eine gute Internetverbindung zu finden.“

Am Welttag der Humanitären Hilfe ehren wir diejenigen, die weitermachen – auch wenn alles andere zum Stillstand gekommen ist. Unterstützen Sie die wichtige Arbeit von Helfenden wie Walaa und Takunda mit Ihrer Spende!

Jetzt spenden