Das einzige Trinkwasser friert ein
Wenn das Wasserfass im Zelt festgefroren ist, bricht die 76-jährige Hayat das Eis mit einem Löffel auf, um an ihr Trinkwasser zu gelangen. Zelt Nummer 23 im Norden Syriens ist seit über einem Jahr ihr Zuhause. Davor gab es andere Orte. Zu viele, um sich an alle zu erinnern. „Es waren mindestens 20 verschiedene Orte in den letzten zehn Jahren.“ Jedes Mal zog sie weiter, weil es unmöglich wurde, zu bleiben. Manchmal waren es die Bomben. Manchmal die Mietkosten. Manchmal beides. „Vor zwei Jahren lebte ich mit einer meiner Töchter hier in Azaz, bis wir uns die Miete nicht mehr leisten konnten und erneut vertrieben wurden.“ So kam sie hierher, in Zelt Nummer 23. Allein. Ihre Tochter kam in ein anderes Camp.

Ein Leben geprägt von Verlust
Hayat hatte zehn Kinder. Ihr Mann starb an einer Krankheit, als ihr jüngster Sohn ein Jahr alt war. Als Lehrerin zog sie die Kinder allein groß. Dann kam der Krieg. Im Jahr 2015 wurden ihre beiden jüngsten Söhne, 18 und 19 Jahre alt, getötet. Eine Bombe traf den Markt, auf dem sie Lebensmittel kauften. Am selben Tag wurde auch das Haus, in dem sie wohnten, bombardiert. Ihre schwangere Tochter wurde verletzt, aber das Baby überlebte. Hayats Söhne überlebten nicht. „An diesem Tag gab es so viele Tote. Ich konnte mich nie von meinen Jungs verabschieden. Gleichzeitig hatte ich solche Angst um meine Tochter. Ich wollte sie nicht auch noch verlieren.“ Ein weiterer Sohn starb an Meningitis. Ein Schwiegersohn kam bei einem Bombenangriff ums Leben. Ihre verbliebene Familie ist nun verstreut. „Ich habe vier meiner Töchter seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.“ Ihre beiden überlebenden Söhne sind in der Türkei. Anfang 2023 musste sie für zwei Herzoperationen in die Türkei, aber die zweite wurde durch die verheerenden Erdbeben im Februar 2023 verzögert. Sie blieb solange bei ihren Söhnen. Krieg, Vertreibung, Verlust, Krankheit und Armut: Hayat hat in den letzten zehn Jahren so viel Trauma erlebt.

Kälte, Hunger und Warten
In Zelt 23 ist Hayats Welt beengt, vollgestopft mit Taschen, Pappe zum Verbrennen, Wolle und Stricknadeln in jeder Ecke. Eine Decke über dem Eingang hält die Kälte so gut es geht fern. Im hinteren Teil steht ein Kühlschrank. „Er war ein Geschenk von Verwandten, aber ich kann mir den Strom dafür nicht leisten. Deshalb benutze ich ihn als Lebensmittelschrank, wenn ich welche habe“, sagt Hayat und hebt eine halb aufgegessene Schüssel Reis heraus. „Das ist das einzige Essen, das ich noch habe.“ Als sie den Kühlschrank öffnet, erfüllt ein starker Geruch das Zelt. Ohne Strom verdirbt das Essen schnell. Aber sie kann es nicht wegwerfen. Sie hat nicht das Geld, es zu ersetzen. Die Winter hier sind hart. Die Temperaturen fallen unter null Grad. Selbst im Inneren des Zelts ist es ständig kalt. Das blaue Wasserfass friert zu. „Das Eis kann bis zu 4 cm dick werden. Ich benutze einen Löffel, um das Eis aufzubrechen und an das Wasser zu kommen.“ Dieses Wasser benutzt sie für alles. Sie besitzt einen Gasofen, kann sich aber den Brennstoff dafür nicht leisten. Letztes Jahr erhielt sie Brennstoff von Hilfsorganisationen. In diesem Jahr wurde die Unterstützung aufgrund von Mittelkürzungen eingestellt. In ganz Nordsyrien wiederholt sich diese Geschichte: weniger Verteilungen, längere Wartezeiten, Familien, die sich allein durchschlagen müssen.



Stricken gegen Kälte und Trauma
Hayat strickt jetzt gegen die Kälte. Ihre handgefertigten Kleidungsstücke sind meist lila, ihre Lieblingsfarbe. „Ich trage oft mehrere Strickpullover übereinander, um mich warm zu halten.“ Sie trägt selbstgestrickte lila-gelb gestreifte Socken, die sie über ein anderes Paar gezogen hat, weil ihr kalt ist. „Mit zunehmendem Alter stricke ich jetzt langsamer. Ich nutze es als Übung, um meine Muskeln in Bewegung zu halten. Die Hälfte des Tages verbringe ich mit Stricken. Das hilft mir, warm zu bleiben und mich abzulenken. Sonst würde ich zu viel über all die Schmerzen und Tragödien nachdenken, die ich erlebe.“ Manchmal kann sie ihre Strickwaren verkaufen. Es gibt einen kleinen Laden, in dem sie ihre Arbeiten ausstellen kann. „Diesen Monat habe ich zwei Hemden und einen Schal verkauft. Das ist nur wenig Geld, aber in einem guten Monat verdiene ich 5 oder 10 Dollar.“ Aber das reicht nicht aus. Auf die Frage, ob ihre Nachbarn ihr helfen, seufzt sie. „Wir sind alle arm. Wir können uns nicht gegenseitig helfen, da sie sich nicht einmal selbst helfen können.“
Lebensmittel kauft sie auf Kredit in lokalen Geschäften. Wenn sie diese nicht zurückzahlen kann, wird auch das nicht mehr möglich sein. In diesem Jahr hat CARE, über Partner Shafak und mit finanzieller Unterstützung von Nachbar in Not, Hayat mit Bargeldhilfe versorgt. „Ich habe 180 US-Dollar erhalten, und das war sehr hilfreich. Ohne dieses Geld hätte ich nicht gewusst, wie ich weitermachen sollte. Ich habe das Geld verwendet, um einen Teil meiner Schulden zu begleichen und einen dringend notwendigen Arzttermin zu bezahlen.“ Das verschafft ihr Zeit. Aber keine Sicherheit. „Wir haben aus diesem Krieg gelernt, viele Dinge loszulassen und mit nichts zu überleben.“


Atempausen
Seit dem Sturz des Regimes hat der Beschuss aufgehört. „Jetzt ist es sicherer. Vorher musste ich mich wegen des Beschusses oft unter dem Bett verstecken. Ich lebe in einem Zelt, wir haben also keine festen Wände. Ich hatte immer Angst.“ Die Angst verschwand nicht mit den Bomben. Sie erschrickt bei lauten Geräuschen. Baulärm draußen macht sie nervös. „Wegen meiner Herzprobleme versuche ich, stark zu bleiben. Ich möchte keinen Herzinfarkt bekommen.“ Der psychische Stress, den sie jeden Tag empfindet, belastet sie sehr. „Ich bin sehr gestresst und bitte Gott jeden Tag um Hilfe. Wenn ich irgendwo anders wäre, würde ich Selbstmord begehen, aber Gott hat mir geholfen, geduldig zu sein und bis heute zu überleben. Ich habe noch kleine Atempausen, in denen ich weiterleben kann. Einmal konnte ich kein Brot kaufen und war am Verhungern. Aber dann fand ich 10 türkische Lira auf dem Boden und habe überlebt. Wir überleben, aber wir wissen nicht, wie!“ Manchmal schicken ihre Söhne ein wenig Geld aus der Türkei. Manchmal verteilen Hilfsorganisationen Lebensmittel. Das letzte Mal war vor zwei Monaten: ein kleiner Korb mit Gemüse. Davon ist jetzt nichts mehr übrig. Auf die Frage zu glücklichen Momenten zögert sie nicht. „Meine glücklichste Erinnerung ist, als ich verheiratet war und wir Gäste hatten. Wir konnten einen großen Tisch voller Essen decken und kamen als große Familie zusammen, und niemand war jemals allein.“



Gebt uns nicht auf.
Ihre Botschaft ist einfach und schwerwiegend. „Wir haben während des Krieges viel durchgemacht, aber unser Leben ist auch heute noch hart. Wenn es noch Menschen auf der Welt gibt, die uns helfen können, dann helft uns bitte. Die Welt muss wissen, dass wir überfordert sind. Sie haben uns getötet. Sie haben uns zerstört. Sie haben alle Bäume gefällt. Sie haben uns nichts gelassen, wovon wir leben können. Wir leben nur durch die Gnade Gottes. Bitte helft uns.“ Sie hält inne und fügt dann hinzu, was sie am meisten befürchtet. „Während wir mehr und weiter leiden, geben Hilfsorganisationen weniger als zuvor, weil sie nicht das Geld erhalten, das sie brauchen, um uns zu helfen. Die Menschen glauben, dass mit dem Ende des Krieges wieder ein normales Leben möglich ist. Ich hoffe wirklich, dass die Menschen erkennen, dass dies noch nicht möglich ist und dass wir weiterhin Hilfe brauchen, sonst werden wir sterben. Wir danken Euch für alles, was Ihr für uns getan habt, aber bitte gebt uns nicht auf“, schließt Hayat. Dann zieht sie die Eingangsdecke von Zelt Nummer 23 herunter, zieht ihre gestrickten lila-gelben Socken höher über ihre Knöchel und greift wieder nach ihren Stricknadeln.
Ihre Spende hilft, das Überleben von Menschen wie Hayat Syrien zu sichern.
























































