Syrien steht an einem Scheideweg. Nach 14 Jahren Konflikt wurden über 12 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben, darunter sechs Millionen, die ins Ausland flohen. Nach dem Fall des Regimes im Dezember 2024, sind mehr als eine Million Geflüchtete zurückgekehrt, zusammen mit fast zwei Millionen Binnenvertriebenen, die alle versuchen, ihr Leben in einem vom Krieg gezeichneten Land wieder aufzubauen. Doch ihre Rückkehr ist alles andere als einfach. Ganze Stadtteile liegen in Trümmern, die Infrastruktur ist zerstört, und Strom, Wasser und andere grundlegende Versorgungsleistungen sind unzuverlässig oder gar nicht vorhanden. Straßen, Schulen und Krankenhäuser sind nach wie vor beschädigt, und die Lebenshaltungskosten sind in die Höhe geschnellt, sodass sich viele Menschen die Grundbedürfnisse nicht mehr leisten können.

Landminen und nicht explodierte Kampfmittel fordern weiterhin Menschenleben und machen jeden Schritt in Richtung Wiederaufbau gefährlich. Die Zurückgekehrten stehen vor einer gewaltigen Aufgabe: Sie müssen ihre Häuser und Gemeinden wiederaufbauen, die Versorgung wiederherstellen und inmitten wirtschaftlicher Not und weitreichender Zerstörung Stabilität finden. Aber es gibt immer noch Millionen von Menschen in Syrien, die sich aufgrund der hohen Kosten nicht einmal ihre nächste Mahlzeit, den Brennstoff zum Heizen im Winter oder Strom leisten können. Das Ausmaß der Herausforderungen ist erschütternd, die Zahl der Opfer immens, was die dringende Notwendigkeit humanitärer Hilfe, Minenräumung und Wiederaufbauhilfe deutlich macht.

Kein Geld für den Wiederaufbau
Während Millionen in ihre Städte zurückkehren, um das wiederaufzubauen, was noch übrig ist, haben viele nichts mehr, wohin sie zurückkehren können, wie beispielsweise der 54-jährige Hammoud. Er floh 2011 und lebt seitdem als Vertriebener in Zelten. „Eine Woche nach dem Fall des Regimes im Dezember letzten Jahres habe ich mein Haus in Homs besucht, um zu sehen, was noch übrig ist. Meine gesamte Nachbarschaft ist zerstört. Es sind nur noch Steine übrig. Ich konnte nicht einmal mehr finden, wo mein Haus einmal stand. Wir haben unser ganzes Leben dort verbracht, jetzt ist alles weg. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich es wieder aufbauen, aber wir haben alles verloren.“
Hammoud kann sich den Wiederaufbau seines Hauses nicht leisten, da er schon Mühe hat, seine Familie im Winter warm zu halten. Er hat hohe Schulden aufgenommen, um seine Familie eine weitere Woche am Leben zu erhalten. „Das ist das Einzige, woran ich jetzt denken kann.“ Von CARE erhielt er Bargeld für den bevorstehenden Winter, finanziert von der Europäischen Union, um seine Familie durch die kalten Tage zu bringen.


Auch wenn der Konflikt, die ständigen Bombardierungen, Raketen und die Jahre, in denen er gezwungen war, sich in der Dunkelheit der Wüste zu verstecken, für Hammoud endlich vorbei sind, ist das Leben immer noch nicht sicher. „Zwei meiner Cousins, die mit mir nach Homs gegangen sind, sind jetzt tot. Beide sind im März auf Landminen getreten, als sie ihre Schafe zum Weiden führten. Das passiert hier zwei- bis dreimal pro Woche. Ich habe zu viel Angst und bleibe in der Nähe meines Zeltes. Ich verschulde mich hoch, um Futter für meine Schafe zu kaufen.“

Ein lebensgefährlicher Schulweg
Auch die 16-jährige Zalloukh kennt die Gefahren von Landminen und Blindgängern. Vor vier Monaten kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück, aus der sie im Alter von nur zwei Jahren geflohen war. Aufgewachsen ist sie in einem Flüchtlingscamp. „Der Cousin meines Vaters starb vor drei Monaten, weil er auf eine Landmine getreten ist. Ich habe ständig Angst und fühle mich hier nie sicher. Es gibt so viele Sprengstoffe, Landminen und Tunnel. Die Gebäude sind instabil. Was ist, wenn ich auf dem Weg zur Schule auf etwas trete? Was ist, wenn der Krieg wieder ausbricht?“ Überall in ihrer Stadt spielen Kinder. Sie fahren mit ihren Fahrrädern durch die Straßen oder springen über die Trümmer zerstörter Häuser. Viele Kinder in ganz Syrien sind schon gestorben, weil sie versehentlich auf etwas Tödliches getreten sind.
„Ich lebe jetzt im Haus meines Großvaters. Es ist beschädigt. Die Fenster und Türen sind kaputt. Wir haben nur einen Raum repariert bisher, in dem jetzt unsere ganze Familie zusammenlebt. Aber zumindest steht das Haus noch. Ich habe Freunde, die in halb eingestürzten Häusern leben, denen die Wände und das Dach fehlen. Aber es ist trotzdem schwierig für uns, da wir keinen regelmäßigen Zugang zu Strom, Wasser oder Heizung haben“, sagt Zalloukh. Wenn sie das Gemeindezentrum von CARE-Partner Shafak betritt, setzt sie sich direkt neben die Heizung. Die Kinder, die an einem Protection Workshop teilnehmen, wechseln sich ab, wer als nächstes dort sitzen darf.


„Als ich noch im Camp lebte, musste ich arbeiten. Meine Eltern konnten nicht genug Arbeit finden, um uns zu ernähren, also half ich auf den Feldern. Aber ich habe so viel Unterricht verpasst, dass ich die 9. Klasse nicht bestanden habe. Jetzt gehe ich wieder zur Schule, aber heute habe ich eine Prüfung in islamischer Literatur, und die Bücher sind noch nicht gedruckt worden. Wie soll ich gute Noten bekommen, wenn ich die Bücher für die Prüfung nicht lesen konnte? Wie soll ich in der Schule gut sein, wenn ich mit meinen vier Geschwistern auf dem Boden unseres einzigen Zimmers in der Kälte zum Lernen sitzen muss? Wie soll ich meinen Traum, Anwältin zu werden, verwirklichen, wenn ich jeden Tag Angst habe, hier zu leben? Ich wünsche mir, eines Tages in einem Haus zu leben, das nicht kaputt ist, mit einem Garten. Und ich möchte ein Zimmer für mich allein haben, vielleicht sogar mit einem eigenen Schreibtisch, an dem ich lernen kann.“

Zurück ins Nichts
Khalil, CARE-Manager für Wasser und Sanitärversorgung, lebte und arbeitete viele Jahre in der Türkei, bevor er sich vor drei Monaten entschloss, nach Syrien zurückzukehren und mit seiner Familie nach Aleppo zu ziehen. Da seine Kinder fast ihr ganzes Leben in der Türkei verbracht hatten, mussten sie erst Standard-Arabisch lesen und schreiben lernen, um in Syrien zur Schule gehen zu können. „Sie kennen nur den syrischen Dialekt. Es fällt ihnen schwer, sich anzupassen, da sie auch alle ihre Freunde zurücklassen mussten und das Leben hier völlig anders ist. In der Türkei hatten sie zu jeder Tageszeit Zugang zu allem, was sie brauchen. Hier sage ich ihnen, sie sollen ihren Wasserverbrauch reduzieren und das Licht nur einschalten, wenn es notwendig ist.“
Khalil hat auf seinem Dach eine Solaranlage und einen Wassertank installiert, da selbst in Aleppo Strom nur wenige Stunden pro Tag nach einem festen Zeitplan verfügbar ist und Wasser nur alle vier Tage fließt. „Ich bin froh, dass wir wieder in Syrien sind. Hier ist unsere Heimat. Und trotz der Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, bin ich sehr motiviert, die Syrer:innen beim Wiederaufbau unseres Heimatlandes zu unterstützen.“


Nur alle vier Tage frisches Trinkwasser
Das Leben ohne regelmäßigen Zugang zu Strom, Wasser und Heizung ist eine Herausforderung, mit der Millionen Syrer:innen im ganzen Land konfrontiert sind. Die Infrastruktur ist zusammengebrochen. In einigen Städten gibt es überhaupt keinen Strom. In anderen Städten ist der Strom zwar verfügbar, aber für viele unerschwinglich, zumal die Kosten in den letzten Wochen um bis zu 300 % gestiegen sind. Der Zugang zu Wasser ist eine weitere Herausforderung. In der Stadt, in der die 72-jährige Mufieda jetzt lebt und in die sie vor sechs Monaten aus der Türkei zurückgekehrt ist, war Wasser nur über teure Lieferungen verfügbar. Mit Unterstützung von CARE und seinem Partner IYD sowie mit Mitteln der Europäischen Union wurden ein Bohrloch und eine Wasserpumpe saniert. Jetzt haben 24.000 Menschen Zugang zu Wasser, darunter auch Mufieda.


Alle vier Tage kann sie den Wasserhahn aufdrehen, um frisches Trinkwasser zu erhalten. „Ich wusste, dass ich mit diesen Herausforderungen konfrontiert werden würde, als ich die Türkei verließ und hierher zurückkehrte. Aber ich bin 72 Jahre alt, und dies ist mein Haus. Ich habe Glück, dass es noch steht, obwohl alles gestohlen wurde – sogar die Wasserhähne im Badezimmer, die Türen und die Fensterrahmen. Ich möchte nicht mehr in den Häusern anderer Leute oder in Camps leben. Auch ohne jegliche Versorgung oder Infrastruktur gehöre ich hierher.“
Mit Ihrer Spende unterstützen sie engagierte Menschen in Syrien beim Neuanfang im kalten Winter.
























































