Als die Ärztinnen sie erreichten, waren die Babys bereits auf dem Weg. Direkt vor der Tür des Al-Amal-Krankenhauses im Norden Syriens, der letzten offenen Tür im Umkreis von vielen Kilometern, waren Batouls Zwillinge kurz davor, geboren zu werden. Das passiert mittlerweile zwei- bis dreimal im Monat: Frauen laufen von Krankenhaus zu Krankenhaus und finden nur verschlossene Türen und dunkle Flure. Oder jene Einrichtungen, die bis zum Rand mit Patient:innen gefüllt sind, aber weder Personal noch Ausrüstung haben. Das Al-Amal-Krankenhaus, von CARE finanziert, operiert in Azaz und ist einer der letzten Orte, an denen Menschen noch Hilfe finden. 

Dr. Ghena führt ein Ultraschall aus.

In der Stadt und ihrer Umgebung leben etwa 350.000 Menschen. Seit dem Sturz des Regimes sind viele Familien in der Hoffnung auf Stabilität in ihre Heimat zurückgekehrt, kommen aber weiterhin in dieses Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Sie kommen, weil es das einzige ist, das in weiten Teilen Nordwestsyriens noch funktioniert. Einige reisen stundenlang an. Eine Frau reiste 150 Km, nur um ihr Kind hier zur Welt zu bringen. Violet, der lokale Partner von CARE, betreibt das Krankenhaus.

Dr. Gehna vor dem Eingang des Al-Amal Krankenhauses.

Schließung ist keine Option

In der gesamten Region wurden im letzten Jahr 40 Krankenhäuser und 50 medizinische Einrichtungen geschlossen. Die Finanzierungslücken sind enorm. CARE kann Al-Amal nur noch für wenige Monate finanziell unterstützen. Danach könnte auch dieses Krankenhaus stillgelegt werden. Im Inneren sind die Warteräume weiterhin voll. Auf jedem Stuhl sitzt eine Mutter oder ein Kind. In jedem Flur hallt dieselbe Frage wider: Wie lange wird dieser Ort noch geöffnet bleiben? „Als im April die Mittel gekürzt wurden, gab es in der Gemeinde Gerüchte, dass die Einrichtung schließen müsse. Sofort breitete sich Panik aus, und die Menschen starteten eine Kampagne zu seinem Erhalt", sagt die Gynäkologin Dr. Ghena Alqotini. Seit April musste das Projekt auf ein Minimum reduziert werden. Das Personal wurde signifikant reduziert. Aber die Zahl der Patient:innen ging nicht zurück. Sie stieg sogar an. Sie können nirgendwo anders hingehen. „Das bricht mir einfach das Herz“, sagt die Ärztin.

Dr. Alqotini arbeitet zwei Tagen in der Woche in einer 48-Stunden-Schicht. Unter der Woche lebt sie jenseits der Grenze in der Türkei und kümmert sich um ihre Kinder. Ihre Wochenenden verbringt sie hier und bringt die Kinder anderer Frauen zur Welt. Ihr weißer Kittel und ihr Kopftuch umrahmen ihre violette Tunika, die zu den Farben des Krankenhaus-Logos und zu ihrem Lippenstift passt. Sie lächelt die Mütter an, wann immer sie kann, aber sie ist erschöpft. Seit letztem Jahr ist ihre Arbeitsbelastung um mindestens 20 % gestiegen. „Es gibt keine Pausen mehr. Ich arbeite 48 Stunden am Stück. Es gibt zu viele Fälle, und seit April haben wir zu wenige Hebammen.“ Trotzdem kommt sie weiterhin. „Ich bin stolz auf meine Arbeit hier und freue mich sehr, wenn ich die Mütter sehe, denen ich geholfen habe. Ich bin Syrerin, deshalb arbeite ich hier, um Syrer:innen zu helfen.“ Aber sie hat auch Angst. „Unsere Arbeit hier ist humanitär. Wir müssen uns um jeden Fall kümmern und mit den begrenzten Ressourcen, die wir haben, unser Bestes geben. Wenn die Finanzierung ausbleibt, wissen wir nicht, was wir tun sollen. Das Krankenhaus zu schließen ist keine Option, denn dann würde es so viele Todesfälle geben.“

Dr. Ghena sitzt am Ultraschallgerät.

Babys, die auf der Straße geboren werden

Um sie herum bricht das Gesundheitssystem zusammen. Also rennen die Mütter. „Sie eilen von Krankenhaus zu Krankenhaus, stehen vor verschlossenen Türen oder werden abgewiesen, bis sie hoffentlich unser Krankenhaus hier finden. Aber oft ist es zu spät und sie gebären vor unserer Haustür“, sagt Dr. Alqotini. Eine Geburt zu Hause oder im Freien birgt hohe Risiken: starke Blutungen, Verletzungen, Infektionen und Tetanus für diejenigen, die nie geimpft wurden. Wenn die Geburt vor der Tür des Krankenhauses passiert, dann schirmen die Mitarbeiter:innen von Al-Amal den Ort mit allem, was sie haben, ab. Dann helfen sie den Müttern, da wo sie stehen. Sind die Neugeborenen da, werden sie reingetragen.

Es macht mich sehr emotional, die Not dieser Mütter zu sehen. Aber es motiviert mich auch, meine Arbeit weiterzumachen, egal wie schwer es gerade ist. Diese Mütter sind traumatisiert, und wenn ich sie nach unserer Hilfe wieder lächeln sehe, reicht mir das, um jeden Tag zu überstehen. Aber viele dieser Mütter haben große Angst. Sie befürchten, dass auch wir sie wegschicken. Oft ist die Überraschung dann groß, dass wir zu niemanden ‘Nein’ sagen, solange wir noch dazu in der Lage sind“, fügt Dr. Alqotini hinzu.

Zahra hält Zwillinge im Arm.
Dr. Ghena steht an einem Inkubator.
Ein Baby liegt im Inkubator.

Erste Hilfe für Neugeborene

Vor einem Monat kam die 18-jährige Batoul nach stundenlanger Suche nach Hilfe zum Al-Amal. Sie und ihre 55-jährige Schwiegermutter Zahra leben in einem Camp für Vertriebene, ohne jegliche Erinnerung an ihr früheres Leben und ohne die Mittel, sich eine teure medizinische Versorgung leisten zu können. „Um 6 Uhr morgens spürte ich, dass die Babys kommen, und wir eilten zu zwei verschiedenen Krankenhäusern. Das erste lehnte uns ab, da sie keine Inkubatoren mehr für die Zwillinge hatten. Im zweiten arbeiteten keine Ärzt:innen mehr. Wir waren verzweifelt und suchten Hilfe. Um 9 Uhr morgens fanden wir endlich dieses Krankenhaus, und sie nahmen uns auf. Um 9:15 Uhr waren die Zwillinge bereits geboren.“ Am meisten erinnert sie sich an die Angst. „Es war so stressig, und ich hatte solche Angst um mein Leben und das meiner Babys. Ich blutete so stark.“ Die Stimme von Zahra, der Großmutter der Zwillinge, zittert, als sie hinzufügt: „Ohne die Hilfe dieses Krankenhauses wären die Babys gestorben.“ Die leitende Hebamme fügt hinzu: „Die Babys waren aufgrund des Sauerstoffmangels etwas blau angelaufen, und wir mussten Erste Hilfe leisten. Die Zwillinge wurden sofort in den Inkubator gebracht. Sie wogen weniger als 1 kg und ihre Lungen waren noch nicht vollständig entwickelt.“ 

Zwillinge liegen auf dem Arm.
Die Zwillinge Ahmed und Mustafa haben dank der schnellen Hilfe im Al-Amal-Krankenhaus überlebt.

Die Zwillinge verbrachten 20 Tage im Inkubator. Aber sie leben. Und sie sind gesund. Sie schlafen auf dem Schoß ihrer Mutter und sind noch immer sehr klein und zerbrechlich. Ahmed trägt ein weißes Hemd mit Welpen und der Aufschrift „You are my sunshine“, und Mustafa trägt eine gelbe Mütze und ein Oberteil mit einem Küken, das aus einem Ei schlüpft. Sie haben überlebt, weil eine Tür eines Krankenhauses noch offen war.

Zwillinge liegen in einem Bett.
Zahra und die leitende Hebamme halten Babys.
Batoul hält Zwillinge im Arm.

Al-Amal führt durchschnittlich 300 Entbindungen pro Monat durch. Keine Mutter zahlt für die Versorgung. Die meisten, die hierherkommen, leben in Camps, in Zelten, in denen es im Winter eiskalt ist. Viele sind Mütter mit geringem Einkommen, die bereits mit einer Sterblichkeitsrate konfrontiert sind, die 1,8-mal höher ist als der weltweite Durchschnitt. Die Müttersterblichkeit in der Region ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 60 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten. In den vergangenen Jahren lag die Zahl noch zwischen 20 und 30. 

Mit weiteren Schließungen, Kürzungen der Finanzmittel und anhaltender Vernachlässigung des Leids in Syrien wird diese Zahl wieder steigen. Es wird zu einer Gesundheitskatastrophe kommen, wenn wir die Menschen hier nicht weiterhin unterstützen. Wir müssen das Bewusstsein schärfen für das, was hier geschieht. Vieles kann noch verhindert werden, aber wir müssen jetzt handeln, denn jedes Leben, jede Mutter und jedes Kind zählt“, schließt Dr. Alqotini.
 

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