In der Türkei sind die Folgen der verheerenden Erdbeben vom Februar 2023 auch ein Jahr später noch deutlich spürbar. Besonders in der Region Hatay sind die Auswirkungen immens. Sauberes Wasser ist knapp und es fehlt an sanitären Einrichtungen. Gerade für vulnerable Gruppen wie Menschen mit Behinderung, Kinder oder Ältere ist dies eine Herausforderung.

Auch die Infrastruktur ist noch nicht wiederhergestellt. Ob zur Schule, Arbeit, ins Krankenhaus oder der einfache Besuch bei Freunden und Familie: Oft sind solche Wege mit enormem Aufwand verbunden, weil viele Straßen noch nicht wieder befahrbar sind.
 
CARE steht den Menschen auch ein Jahr nach der Katastrophe zur Seite. An dieser Stelle geben wir ihnen Raum für ihre Geschichten.

„Es ist zu dunkel, um zu träumen“

Gassen steht vor seinem Zelt.

Der 58-jährige Gassen lebt mit seiner Familie in Reyhanli, einer Gemeinde im Bezirk Hatay, nahe der türkischen Grenze zu Syrien. Von dort floh die Familie einst vor dem Bürgerkrieg. Gassen ist Vater von zwei Töchtern und vier Söhnen. Die beiden Töchter und einer seiner Söhne sind bereits ausgezogen, während Gassen mit den drei verbliebenen Söhnen und seiner Frau zusammenlebt. Wegen einer Kopfverletzung durch den Krieg in seiner Heimat Syrien lebt Gassens Sohn Yussef mit einer Behinderung. 
Außerdem hat Gassen vier Enkelkinder, das jüngste ist erst einen Monat alt. Gassens Enkel Maram wäre heute neun. Er ist bei dem Erbeben am 06. Februar gestorben. 

Gassen mit seinen Hühnern im Garten.

„Schon vor dem Erdbeben war das Leben hart hier, aber jetzt ist alles noch schlimmer. Es ist schwer, eine Wohnung zu finden, alles ist sehr teuer und es gibt keine Arbeit. Mein 20-jähriger Sohn arbeitet von Zeit zu Zeit auf den Feldern, aber wir haben kein regelmäßiges Einkommen", sagt Gassen, der in Syrien selbst als Lehrer gearbeitet hat und Baumwolle, Aprikosen und Feigen anbaute.

„Wir haben keine großen Träume mehr. Es ist zu dunkel, um zu träumen. Viele Menschen haben nichts mehr. Sie stehen vor dem Ruin. Dabei wollen wir doch einfach nur in Sicherheit und Würde leben.“

Geflüchtete Familien wie die von Gassen brauchen dringend mehr Unterstützung. Gemeinsam mit Partnern unterstützt CARE hier konkret mit Bargeld, wovon die Familie für gewöhnlich Hygieneprodukte und Lebensmittel bezahlt. 
 

„Ich sitze im Rollstuhl und muss meine Mutter versorgen"

Suzan sitzt mit ihrer Mutter im Zelt.

Suzan, 56, kommt aus Samandag, einer Stadt in der Provinz Hatay. Suzan ist mit einer körperlichen Behinderung zur Welt gekommen und deshalb auch als Erwachsene in dem kleinen Haus bei ihrer Mutter wohnen geblieben. Den Erdbeben am 06. Februar hielt ihr Haus stand, doch wie so viele Unterkünfte stürzte es in den Wochen danach ein. Ein Schock für Suzan und ihre Mutter, die seitdem in einem Zelt in ihrem alten Hof leben.

Samandag in ihrem Rollstuhl im Hof.

Mit Teppichen haben sie eine kleine Duschkabine gebaut, um für etwas Privatsphäre zu sorgen. „Im Sommer wurde es im Zelt so heiß, dass wir eigentlich die ganze Zeit draußen waren. Jetzt im Winter müssen wir aufpassen, dass nicht das ganze Regenwasser ins Zelt kommt. Deshalb haben wir alles mit Plastikplanen abgedeckt. Aber bald werden wir in einen Container ziehen“, erklärt Suzan.

Den Container stellt CARE ihnen zur Verfügung. Er bedeutet eine leichte Verbesserung ihrer Lebensumstände, besonders im Winter, ist aber kein Vergleich zu dem, was sie vorher hatten. Doch das Haus wieder aufzubauen, daran ist für Suzan noch nicht zu denken: „Es ist schwierig, mit anzupacken, wenn man selbst durch die Behinderung körperlich eingeschränkt ist und parallel dazu die eigene Mutter betreuen muss. Auch deshalb brauchen wir mehr Hilfe und ich wünsche mir, dass unsere Situation nicht vergessen wird.“

„Den Gedanken, meine Eltern zu verlieren, ertrage ich nicht“

Bulent stehr vor seinem Zelt.

Bülent ist 48 Jahre alt und hat früher als Mathelehrer in einem Dorf gearbeitet. Heute lebt er mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer. Der Rest des Hauses stürzte bei dem Erdbeben im Februar 2023 ein. Ihr Unterschlupf war zuerst nur ein offener Raum mit einem Sonnensegel. Bülent baute Wände um das Sonnensegel herum und verwandelte den Ort in ein richtiges Zimmer, welches ihnen nun Schutz vor dem harten Winter bietet. 

Bulent schaut auf eine schwarz-weiße Katze.

„Acht Monate lag haben wir in einem Zelt gelebt. Wir hatten nicht mal eine Dusche“, sagt Bülent. „Es war  eine schwere Zeit.“ Er hat Angst vor den Auswirkungen der prekären Lebensbedingungen, insbesondere auf seine über 70 Jahre alten Eltern. „Ich ertrage den Gedanken kaum, meine Eltern zu verlieren. Es ist wichtig, dass die Menschen mitbekommen, was wir durchmachen, denn wir brauchen mehr Unterstützung“, führt Bülent aus.
 
CARE half der Familie bei der Instandsetzung ihrer Unterkunft und des Badezimmers. Außerdem bekommt die Familie Bargeldunterstützung um sich warme Kleidung, Hygieneartikel und Lebensmittel kaufen zu können. 
 

Auch ein Jahr nach den Erdbeben ist CARE vor Ort und unterstützt die Menschen mit humanitärer Hilfe und beim Wiederaufbau. Bisher konnte das CARE-Team in der Türkei 95.000 Menschen mit Unterkünften, Wasser, Hygiene, Lebensmitteln, Bargeld und psychologischer Erstversorgung unterstützen. In Nordwestensyrien erreichte CARE 42.000 Haushalte mit Lebensmittelgutscheinen und Bargeldhilfe. 

Weitere Hilfe ist dringend notwendig! Mit Ihrer Spende unterstützen Sie Familien wie die von Gassen, Suzan und Bülent.

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